Kapitel III.
Allgemeines über die Insel Borneo—Die Gebirge von Mittel-Borneo—Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam und dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito—Geologie des oberen Mahakamgebietes—Salzquellen—Geologischer Charakter des Apu Kajan—Äussere Gestaltung Mittel-Borneos—Buschvegetation—Meteorologische Verhältnisse.—Bewohner der Insel—Malaien und Dajak—Sesshafte Stämme: Bahau und Kĕnja—Nomadenstämme: Punan, Bukat und Bĕkĕtan—Herkunft der Bahau und Kĕnja—Legende vom Wasser und Feuer-Auswanderungen und Vermischungen der Stämme.—Organisation eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes—Geschichte der Mendalam Kajan—Glieder eines Stammes: Häuptlinge, Freie und Sklaven-Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder—Abstammung des Häuptlings Akam Igau.
Die Insel Borneo ist mit ihrer Oberfläche von 734.000 □ km nach Neu-Guinea die grösste der Welt; sie ist mehr als zweieinhalb Mal so gross als England, Schottland und Irland zusammen. Betrachtet man eine in grossem Massstab gehaltene Karte von Borneo, so bemerkt man, dass vom Zentrum der Insel aus mächtige Ströme nach allen Richtungen hin den Küsten zuströmen; sie durchziehen in ihrem Unterlauf weite Ebenen, die sie mit der Zeit selbst gebildet haben. Die Entstehung so grosser Flüsse und Ebenen ist nur da möglich, wo starke Regenfälle herrschen. Die durchschnittliche jährliche Regenmenge in Borneo ist in der Tat eine sehr bedeutende, sie kann bis über 5 m betragen, doch machen sich auf dem ausgedehnten Gebiet grosse lokale Abweichungen bemerkbar. Wegen ihrer aequatorialen Lage bestreichen die Passatwinde die Insel Borneo lange nicht so regelmässig wie Java, daher ist der Regenfall dort gleichmässiger auf das ganze Jahr verteilt.
In scharfem Gegensatz zu den Nachbarinseln hat man auf Borneo bis jetzt keine tätigen Vulkane gefunden. Zwar entdeckte Prof. Molengraaff im Jahre 1894 südlich vom oberen Kapuas ein ausgedehntes vulkanisches Gebiet, das hauptsächlich aus riesigen Tufflagern besteht, Spuren einer Eruption jüngeren Datums fand er jedoch nicht. Die südlichen Nebenflüsse des oberen Kapuas haben daher auch Zeit gehabt, diese Tufflager durch Erosion in ein höchst eigenartiges Bergland umzuformen, dessen eigentümliche terrassenförmige Erhebungen bisweilen mehr als 1000 m Höhe erreichen. Dem 1825 verunglückten Forschungsreisenden Georg Müller zu Ehren nannte Prof. Molengraaff dieses Gebirge: Müller-Gebirge. Die zahlreichen Petrefakten, welche diese Tufflager enthalten, deuten darauf hin, dass das Müller-Gebirge hauptsächlich in der Tertiärzeit gebildet sein muss.
An der Ostküste, gegenüber der Insel Miang und auf dieser selbst, liegen 100 m hohe Hügel, die in späteren geologischen Perioden durch negative Strandverschiebung entstanden sein müssen; denn man findet auf ihnen die Riesenmuschel (Tridacna). Das ganze flache Gebiet von Kutei wird durch diese auf die Ostküste beschränkte Hügelreihe gegen das Meer hin abgegrenzt. Die vielen Seeen, welche die grosse eingeschlossene Ebene aufweist, lassen vermuten, dass sie früher ein Becken gewesen, das durch den Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich angefüllt worden ist. Bereits seit langer Zeit werden in den Hügeln an der Mahakammündung Steinkohlenlager ausgebeutet; vor einigen Jahren sind dort auch reiche Petroleumquellen angebohrt worden.
Das Kettengebirge, welches sich von dem an der Westküste gelegenen Tandjong Dato an quer durch die Insel nach Osten, wahrscheinlich bis zum Kap Mangkalihat, erstreckt und die Wasserscheide zwischen zahlreichen Flüssen bildet, besteht grösstenteils aus stark gefalteten Schieferschichten.
Nach den Untersuchungen von Prof. Molengraaff ist dieses Gebirge, nördlich von dem grossen Seeengebiet der Batang-Lupar, aus stark abgetragenen Schiefern zusammengesetzt und erhebt es sich nur ungefähr 200 m über den Meeresspiegel. An der Südseite traf er zum ersten Mal die für Mittel-Borneo charakteristische Danau-Formation[1], deren obere, aus Kieselschiefer, Jaspis und Hornstein bestehende Schichten Radiolarien enthalten und daher Tiefseeablagerungen sein müssen.
Nördlich vom oberen Kapuas und Mahakam, nach Osten zu, steigt dieses Gebirge immer mehr an, behält jedoch stets denselben Charakter bei. Vom Bukit Tjondong aus konnte Molengraaff das Gebirge, das er Ober-Kapuri-Kettengebirge nannte, übersehen; es erwies sich auch später, vom Liang Tibab aus gesehen, als typisches Kettengebirge, das ganz aus zahlreichen, scharfen, in gleichen Entfernungen neben einander sich erhebenden Rücken zu bestehen schien. Wie gesagt, steigt das Gebirge in östlicher Richtung an: der Lawit ist bereits 1767 m hoch, die höchsten Gipfel bei den Kapuas-Quellen erreichen 1900 m und diese Höhe bleibt ungefähr konstant bis zum oberen Mahakam, wo das Kettengebirge vom Batu Tibang durchbrochen wird. Dem Geröll seiner Flüsse nach zu urteilen, scheint dieser letztere Teil des Gebirges eruptiven Ursprungs zu sein.
Östlich vom Batu Tibang setzt sich das Kettengebirge, das jetzt den Namen Bawui Gebirge trägt, weiter fort; in westlicher Richtung, bis zum Batu Okang, dem grossen Bergmassiv, auf dem der Boh entspringt, verschmälert es sich und bildet dort die Wasserscheide zwischen Kajan und Mahakam. Östlich vom Batu Okang ist das Kettengebirge noch unerforscht; künftige Untersuchungen werden aber voraussichtlich ergeben, dass es sich ununterbrochen bis zum Kap Mangkalihat fortsetzt.
Im Flussbett des Sĕlirong und Sĕliku, der beiden Quellflüsse des Mahakam, beobachtete ich im Hangenden der fast senkrecht aufgerichteten, alten Schiefer beinahe horizontal gelagerte Sandsteinschichten, die im übrigen Teil des Gebirges bereits weggespült sein müssen. Auch dieser mittlere Teil des Kettengebirges ist also nach seinem Entstehen untergetaucht gewesen. Am oberen Sĕliku befanden sich diese Sandsteinschichten am Fuss des Lasan Tujan in 720 in Höhe, am Sĕlirong, etwas oberhalb des Landweges nach Sĕrawak, in 650 m Höhe. Der Sandstein, aus dem die 5–10 cm dicken Schichten bestanden, war an beiden Orten grobkörnig. Die Schichten fallen unter 26º nach Norden ein und das Streichen ist 236º.