Von hier aus sahen wir nun zwar über die Wälder unter uns hinweg ins Murunggebiet, aber da wir immer noch keinen festen Boden unter den Füssen hatten, sondern ständig mit Moosmassen, die auf einem Chaos von Bäumen ausgebreitet lagen, kämpfen mussten, war hier kein fester Punkt zu finden, von dem aus Peilungen in nordwestlicher Richtung vorgenommen werden konnten.

Mit Hilfe des Kompasses fanden wir uns auf dem am Morgen begangenen Pfad nur schwer wieder zurück, und so langten wir erst um 6 Uhr abends, beim tiling duān (Zirpen der Grille) am Lagerplatz an. Auch in dieser Höhe begann bei Sonnenuntergang eine bestimmte Grillenart zu zirpen und hörte nach einer Viertelstunde wieder auf. Die Töne klangen anders als in den tiefer gelegenen Wäldern; wahrscheinlich gehörte auch die Grille einer anderen Art an. Unter Hunderten von Grillenarten, die den ganzen Tag über in den Bergwäldern Borneos die verschiedensten Laute ertönen lassen, hört man beim Auf- und Untergang der Sonne eine Viertelstunde lang nur zwei bestimmte Spezies und zwar so regelmässig, dass die Bahau den Augenblick vor Sonnenuntergang als “tiling duān” bezeichnen.

Am Lagerplatz war noch niemand angekommen, worüber ich mich zu ängstigen begann. Ich feuerte einige Gewehrschüsse ab, hatte aber wenig Hoffnung, von Bier und dessen Begleitern gehört zu werden, da ich des Morgens bereits beobachtet hatte, dass Schüsse in dieser Moosvegetation bereits auf geringen Abstand nicht mehr gehört werden. Die Nacht war beinahe völlig hereingebrochen, als wir in südöstlicher Richtung endlich schiessen zu hören glaubten. Nur durch unsere Antwort fand Bier den Weg zu unserem Lagerplatz zurück. Die ersten Schüsse hatte er nicht vernommen.

Gleich nach unserer Ankunft hatten wir unsere durchnässte Kleidung mit einer trockenen vertauscht. Bier wollte jedoch noch von einem von mir gefundenen Punkte aus Peilungen vornehmen, und so zogen wir am folgenden Morgen wieder die nassen Kleider an und schickten uns an, an der betreffenden Stelle einen Beobachtungsposten zu errichten.

Vor dem Frühstück suchte ich noch den Aussichtspunkt zu erreichen, den Bier tags zuvor für seine Aufnahme hatte aushauen lassen. Wie ich bereits vermutet hatte, genossen wir hier das gleiche herrliche Panorama wie auf dem Batu Mili: wir befanden uns über einem die Landschaft unter uns völlig bedeckenden Nebelmeer, das, von der Sonne mit blendend weissem Lichte bestrahlt, nur einige dunkle Gipfel hervorragen liess. Rechts schien die Bergkette, die sich jenseits des Mobong parallel dem Batu Ajo hinzog, das Wolkenkleid zu heben, das in mächtigen, welligen Falten längs den Abhängen auf das Nebelmeer im Tal, des Mobong niederfiel. Der Wechsel von Hell und Dunkel, den die noch tiefstehende Sonne in diesem Teil des Panoramas hervorrief, war von wunderbarer Schönheit; ich trennte mich nur schwer von dem entzückenden Bilde.

Nach dem Morgenimbiss fanden wir einen Felsvorsprung, der für unsere Zwecke geeignet sein konnte; doch bedeckten auch hier Bäume, Lianen und Moose den Erdboden. Alles fortzuschaffen war unmöglich, daher liess ich nur so viel aushauen, dass auf einigen Baumstümpfen eine Diele angebracht werden konnte. Bier begann seine Arbeit erst um 11 Uhr, als die Wolkenmassen von unten herauf an uns vorübergezogen waren. Leider kamen auch nicht alle Berge zum Vorschein, sondern die Aussicht wurde erst im Lauf des Tages in verschiedener Richtung abwechselnd frei. Dank unserem aus der Bergwand hervortretenden Standplatz überblickten wir einen weiten Gesichtskreis. Vor uns sahen wir das Gebirge, das sich in gleicher Entfernung vom Batu Ajo hinzieht, von diesem durch das Tal des Mobong geschieden. Der Kiham Udang befand sich dort, wo der Mahakam diese Gebirgskette an ihrem nördlichsten Punkt durchbricht, so dass das Gebirge, nach unseren im Udang gemachten Beobachtungen, gerade wie der Batu Ajo, aus Sandsteinschichten, die mit Konglomeratschichten aus rundgeschliffenen Kieseln abwechseln, bestehen muss. An der Ostseite dieser Kette muss der Kiham Halo liegen, der von horizontalen Sandsteinschichten begrenzt wird. Uns gegenüber, jenseits des Mahakam, wurde auch der Pajang sichtbar. Es erwies sich, dass dieser kein steiler, kegelförmiger Berg ist, wie er uns von Long Dĕho aus erschien, sondern den höchsten Gipfel einer Kette vorstellt, die sich von einem viel nördlicher gelegenen, ungefähr 2000 m hohen Bergmassiv zum Mahakam hinzieht. Die beschränkte Aussicht, die der Pajang uns geboten hätte, liess uns von einer Besteigung desselben absehen. Da unser Standort nur wenig über 1000 m lag, wurde uns die Aussicht nach Nord-Westen durch den Niaan und andere höhere Berge benommen. Nach Osten blieb das Mahakamtal ständig in Wolken gehüllt.

Als wir abends ins Lager zurückkehrten, hatten wir die vorgenommene Aufgabe gelöst. Die Nacht war aussergewöhnlich hell und kalt und so still, dass wir die kleinen Quellflüsse des Barito, der an der Westseite des Batu Ajo entspringt, murmeln hörten.

Den folgenden Tag ging es den Berg weit schneller hinunter als hinauf, und vormittags befanden wir uns bereits wieder in Long Dĕho, wo uns gute Nachrichten erwarteten. Ein Boot aus Long Tĕpai kam melden, man sei wegen des Neujahrsfestes verhindert gewesen, uns abzuholen. Man hätte das Fest nicht aufschieben können, weil viele Menschen darauf warteten, das lāli für ihr neu gebautes Haus oder ihre Heirat bei dieser Gelegenheit abzulegen. Nach viertägigem Fallen des Wassers erschien zuerst ein Boot mit Manok-Kwee unter Anführung von Bang Lirung und am folgenden Tage gegen Mittag Tului Lea mit Bo Ului und Bo Tijung, im ganzen 40 Mann. Njok Lea selbst hatte nicht mitkommen wollen, weil er mich durch seine Abreise von Udju Tĕpu erzürnt zu haben glaubte. Die Männer beeilten sich mit der Abfahrt, da sie den günstigen Wasserstand benützen und mit der Feldarbeit, die sie bereits so lange aufgeschoben hatten, beginnen wollten.

Der Abschied von Long Dĕho tat sowohl uns als der Bevölkerung leid; alle hatten uns Gutes erwiesen, und wenn die Kajan nicht versprochen hätten, uns zu den Kĕnja zu begleiten, wären wir hier noch gern etwas länger geblieben.

Mit Rücksicht auf unseren Zug zu den Kĕnja, der längs des oberhalb Long Dĕho in den Mahakam mündenden Boh stattfinden sollte, hinterliess ich einen Teil unseres Gepäckes, der nicht leicht verderben konnte, in der amin Adjāngs. Ibau versprach, auf alles zu achten, und so übergab ich ihm 40 Blechkisten mit Salz, 5 Packen mit 100 Stück Kattun und 12 Holzkisten, hauptsächlich Konserven enthaltend; unsere Böte wurden dadurch erheblich entlastet. Trotzdem der Fluss sehr niedrig stand, musste das Gepäck doch an mehreren Stellen längs des Ufers getragen werden, so dass unsere Reise nach Long Tĕpai vier Tage dauerte.