Die beginnende Verbotszeit, in der niemand im Dorfe aus- noch eingehen durfte, liess mir eine möglichst schnelle Abreise unserer Expedition sehr notwendig erscheinen, überdies vertrieb uns auch die grosse Nahrungsnot, die im Dorfe herrschte. Im Vergleich zu Long Dĕho kam mir der unbewohnte Wald am Boh noch verlockend vor; dort waren wir in bezug auf den Reis nicht schlimmer dran als hier, und die Aussicht auf Fleischnahrung war da sogar viel grösser, weil die Long-Glat aus Furcht vor Kopfjägern im Boh nicht zu fischen und in den Wäldern nicht zu jagen wagten.
Unmittelbar nach der letzten Versammlung hatte ich bereits einige meiner Malaien flussaufwärts gesandt, um am Boh einen vor Überfällen sicheren Lagerplatz ausfindig zu machen. Die Männer hatten, etwas oberhalb des Wasserfalls, der die Mündung des Boh versperrt, eine Landzunge frei gehackt, welche an der einen Seite von einer tiefen Bucht des Flusses, an der anderen von diesem selbst begrenzt wurde. Nach dem dahinter liegenden Walde zu konnte man das Lager durch ein Heckwerk schützen.
Zwei Tage nach der Heimkehr der Malaien gestattete der Wasserstand bereits den ersten Gepäcktransport zum Lagerplatz; doch waren diesem erfreulichen Fortschritt für mich sehr unangenehme Tage vorangegangen. Meine Freude über die günstige Wendung der Dinge nach Ablauf der Versammlung war nur sehr kurz gewesen, denn kaum hatte mein javanisches und malaiisches Personal an die Verwirklichung des Reiseplans zu glauben angefangen, als es sich gemeinschaftlich weigerte, weiter mit mir zu ziehen, unter dem Vorwande, die Expedition würde zu lange dauern und zu gefährlich sein. Ersteres war sicher nicht wahr, weil Kwing Irang zur Bedingung gestellt hatte, dass ich mit ihm und seiner Gesellschaft nach zwei Monaten heimkehren müsste, da er es zu gefährlich fand, mich bei den Kĕnja allein zurückzulassen.
Guter Rat war teuer, denn mein gut bewaffnetes und geübtes einheimisches Geleite konnte ich nicht missen. Den folgenden Tag jedoch sprach ich mit einem der Leute, Abdul, der auf der Reise stets sein Bestes geleistet hatte, über die Weigerung seiner Kameraden, und sogleich erklärte er sich bereit, mich bis zu meiner Rückkehr zur Küste begleiten zu wollen.
Hiermit schien der Aufstand beschworen; binnen weniger Tage entschlossen sich alle zum Mitgehen, falls ich nicht länger als zwei Monate bei den Kĕnja bleiben wollte. Dieser gute Verlauf des Konfliktes schien jedoch meinen beiden europäischen Gefährten nicht sonderlich zu gefallen, wenigstens erklärten sie eines Morgens beim Frühstück ihrerseits, dass, wenn auch meine Malaien und Javaner mit mir gingen, sie von der Reise und den vielen stets aufs neue aufsteigenden Schwierigkeiten genug hätten und mich deshalb nicht weiter begleiten wollten. Glücklicherweise teilte Kwing Irang meine Entrüstung über eine derartige Handlungsweise, von der sich die Kunde natürlich wie ein Lauffeuer in der Niederlassung verbreitete, und versicherte mir, auch allein unter meiner Leitung nach Apu Kajan reisen zu wollen.
Da mir kein Mittel zu Gebot stand, die Europäer, welche das Leben inmitten dieser Naturmenschen langweilte und beängstigte, zum Ausharren während noch einiger Monate zu zwingen, versprach ich ihnen, sie, sobald der Wasserstand es zulasse, zur Küste bringen zu lassen. Als es jedoch hierzu kam, wollten sie wieder bei mir bleiben, womit ich einverstanden war, weil ich die Gegenwart von mehr als einem Europäer bei den Kĕnja für wünschenswert hielt.
Wegen allerlei Angelegenheiten, in denen die Bewohner von Long-Dĕho meine Hilfe nötig zu haben glaubten, konnten wir vor der Hand noch nicht alle gleichzeitig zum Boh auf brechen; überdies fand ich ein ständiges Zusammensein mit Demmeni und Bier nach den höchst unangenehmen Vorfällen der letzten Tage nicht geraten. Auch Bier war es eine Erleichterung, als ich ihm vorschlug, während einiger Tage das Gelände längs des Mobong aufzunehmen, um zu sehen, ob dort nicht ein Weg von Long Dĕho zum Bunut angelegt werden könnte, zwecks einer besseren Verbindung mit den südlicheren Gebieten und einer Umgehung der Wasserfälle. Bereits am 25. April reiste Bier mit zwei Führern und meinen eigenen Malaien ab, denen das Nichtstun in Long Dĕho ebenfalls nicht gut bekommen war.
Wenige Tage darauf trafen von oben die ersten Kajan ein, um sich meiner Expedition anzuschliessen. Wie es sich herausstellte, war Bo Adjāng Lĕdjüs Tod oberhalb der Wasserfälle noch nicht bekannt, und unter dem Eindruck dieser Nachricht erklärten die Kajan sogleich, mit einem so schlechten Vorzeichen eine so gefährliche Reise unmöglich antreten zu können. Von seinen Leuten gezwungen, behauptete auch Kwing Irang, mit ihnen nach dem Blu-u zurück zu müssen, um dort aufs neue günstige Vorzeichen zu suchen; vergeblich waren meine Vorstellungen, lieber am Boh auf die gewünschten Zeichen zu warten, damit ich endlich aufbrechen könne. Bald darauf begannen die Kajan ihren Reisvorrat gegen hohen Preis in Long Dĕho zu verkaufen, um, sobald der fast ununterbrochen hoch bleibende Wasserstand es gestattete, die Heimreise anzutreten. Als das Wasser schliesslich doch nicht fiel, machten sie sich in Kwings Gesellschaft mit fast leeren Böten trotzdem auf den Weg, mit dem Versprechen, möglichst bald dem Vogelflug nachgehen und beim nächsten Neumond wieder zurückkommen zu wollen.
Kaum waren alle fort, als Lalau, ein aus Long Blu-u bei mir zurückgebliebener Malaie, mir eine Botschaft von Kwing Irang, überbrachte. Nach ihm hatten die Kajan nicht die Absicht, zu mir zurückzukehren, falls ich ihnen nicht pro Mann und pro Tag. 2.50 fl und Kwing das Doppelte als Reiselohn ausbezahlen wollte. Sehr wahrscheinlich hatte ich diese hohe Forderung dem Chinesen Mi Au Tong zu danken, der, von der Küste wegen Schulden ins Innere geflohen, sich bei den Kajan auf hielt und in den letzten Wochen die Long-Glat um eine grosse Summe zu prellen versucht hatte, indem er vorgab, von der englischen Regierung mit der Einholung einer Busse für die Ermordung von 5 sĕrawakischen Dajak am Boh beauftragt worden zu sein. Durch meinen den Long-Glat gemachten Vorschlag, diese Angelegenheit lieber durch Vermittlung des Assistent-Residenten von Samarinda mit Sĕrawak zu behandeln, hatte ich seine bösen Absichten vereitelt, worauf er mit Kwing Irang wieder nach Long Blu-u gezogen war. Als Begründung für ihre Forderung gaben die Kajan an, dass ich auch den Long-Glat von Long Tĕpai, die mir an einem Tage über die Wasserfälle hinunter geholfen hatten, einen Reichstaler als Lohn gegeben hätte. Dies war nur aus Mangel an Gulden geschehen, doch glaubten die Kajan, der grossen Gefahren wegen auf den höchsten Reiselohn Anspruch machen zu dürfen.
Neben den vielen bereits bestehenden Hindernissen wirkte diese Nachricht sehr niederschlagend, und erst allmählich war ich imstande, über einen Ausweg aus dieser Kalamität nachzudenken. Im Laufe des Tages glaubte ich insoweit auf die Forderung eingehen zu können, als ich zwar jedem Kajan für jeden Arbeitstag 2.50 fl und Kwing Irang 5 fl als Lohn zusagte, dann aber keine beliebige Anzahl, sondern nur 50 kräftige Kajan mitnehmen wollte, die für ihre Beköstigung selbst zu sorgen hätten. Die Kajan selbst hatten mich wissen lassen, dass sie ihren Taglohn nur auf der Hinreise bis zum Hause des Kĕnja-Fürsten Bui Djalong beanspruchten. Durch die Bestimmung, dass nur an Arbeitstagen Lohn ausbezahlt werden sollte, kam ich einem zu langen Hinziehen der Reise durch zu häufiges “me̥lo̱” nach schlechten Zeichen zuvor, was für den Nahrungsmittelverbrauch von grosser Bedeutung war. Es traf sich günstig, dass in Long Dĕho noch am gleichen Tage ein Boot mit Kajan erschien, die ursprünglich an der Reise zu den Kĕnja hatten teilnehmen wollen, nachdem sie aber von Kwing den Stand der Dinge vernommen, ihren Reis zu dem herrschenden hohen Preise im Dorfe verkaufen wollten.