Ein breiter, bequemer Weg, den die Kĕnja mit Stämmen und Brettern belegt hatten, führte uns um den Fuss des Bergabhangs ins Dorf. Hier waren unterdessen zwischen den Häuserreihen einige Gruppen von Frauen und Kindern zu unserem Empfang erschienen. Bei den ersten Reihen begrüsste uns ein alter, magerer Mann, der mir als des Häuptlings Bruder Bo Anjè vorgestellt wurde; er gehörte zu denen, die Anjang Njahu mit weissem Kattun für unseren Empfang hatte gewinnen müssen. Wir reichten diesem erkauften Freunde die Hand, stiegen am Ende des längsten und mittelsten Hauses der langen Reihe die Treppe hinauf und befanden uns in Bui Djalongs Heim.

Das Haus war zwar weniger hoch über der Erde, sonst aber wie alle übrigen ganz im Stil der Bahau gebaut, nur bestanden Dach und Wände nicht aus Holz, sondern aus Matten von schweren, aneinander gereihten Baumblättern. Auch war der Fussboden der Galerie, die wir betraten, vor den Wohnungen der gewöhnlichen Kajan nicht aus Brettern gebaut, sondern aus dünnen Stämmen; erst dicht bei der ăwă des Häuptlings und in dieser selbst bedeckten schwere Bretter den Boden.

Draussen hatten uns einige Menschengruppen aus der Ferne neugierig, aber nicht ängstlich angestarrt, und sobald wir in Bui Djalongs langem Haus an einer Wohnung vorüber waren, kamen die Bewohner aus ihr zum Vorschein und begleiteten uns zur ăwă. Hier wurden einige kupferne Gonge als Sitze für uns gegen die Aussenwand niedergelegt, dicht unter einer Reihe von vielleicht 30 geräucherten Menschenschädeln, die in Büscheln von jungen Palmblättern zwischen den Hauptpfählen der Galerie hingen und durch den Rauch des Herdfeuers, das ständig unter ihnen brannte, geschwärzt worden waren. Rund um dieses Feuer, hinter dem wir sassen, befand sich der Platz für den Häuptling und die vornehmsten Ältesten, wenigstens liess sich Bui Djalong mit einigen ehrwürdigen Greisen dort nieder. Taman Ulow und die Kajan hatten uns schon am Boh auf die Neugier der Kĕnjafrauen und -Kinder vorbereitet und auch Bui Djalong hatte uns bereits dringend gebeten, nicht böse zu werden, wenn man uns lästig falle, denn der ersten Neugier müsse durchaus genügt werden. Da sie hinzugefügt hatten, dass die Kĕnja viel freier als die Bahau seien und sogar handgreiflich werden, bereiteten Demmeni und ich uns auf unseren Gongen, auf denen wir zur Schau dasassen, auf einige schwierige Augenblicke vor. Anfangs wurde es jedoch nicht so schlimm. Die den Schädeln gegenüber versammelte Menge wuchs zwar sehr an und das Gedränge war weit stärker, als ich es bei den Bahau je erlebt hatte, aber anfangs drückte sich das Erstaunen nur in den Gesichtern aus und äusserte sich nur in zahlreichen èh-èh-Rufen, die nicht aufhörten und bei jeder Bewegung, die wir machten, an Zahl und Stärke zunahmen. Augenscheinlich befriedigten wir noch nicht ganz die Neugier der Menge, obgleich wir bereits auf Verlangen einen Ärmel und ein Hosenbein hinaufgestreift hatten zum Beweis, dass unsere Haut auch unter der Kleidung weiss war. Eine freundliche, lebhafte Frau, des Häuptlings Gattin, konnte ihre Wissbegierde schliesslich nicht mehr bezwingen, packte meinen Arm, streifte den Ärmel auf und strich sacht über meine Haut, wobei sie in viele bewundernde èh-Rufe ausbrach. Von ihren, in der Kĕnjasprache gestellten Fragen verstanden wir kein Wort, aber wie Bui Djalong schmunzelnd verdolmetschte, bat sie uns, alle Kleider abzulegen. Auch die Menge rief laut “sow (ausziehen) mong (alles),” und begann sich um meine Person zu drängen; aber ich setzte meinerseits dieser Schaustellung einigen Widerstand entgegen, so dass ich die Zuschauer unbefriedigt liess. Unterdessen hatte der Häuptling den Umstehenden, hauptsächlich den alten Männern, über seine Erlebnisse mit uns ausführlich berichtet, wenigstens schloss ich das aus den immer wieder auf uns gerichteten Blicken der Zuhörer.

Zum Glück empfand man vor unserer Erscheinung noch zu viel Scheu, um zudringlich zu werden, und nur wenige Frauen wagten dem Beispiel von Bui Djalongs Gattin zu folgen und sich von der Echtheit unserer weissen Haut selbst zu überzeugen.

So sassen wir denn etwa eine halbe Stunde da und liessen uns betrachten; glücklicherweise fanden wir unsererseits an den Menschen um uns herum ebenfalls viel Sehenswertes. Am meisten fiel uns das kräftige und gesunde Aussehen der Leute auf und das seltene Vorkommen der beiden Hautkrankheiten ki lān (Tinea imbricata) und bāk (Syphilis), welche den Anblick einer Menge von Bahau-Dajak für Europäer anfangs so abstossend macht. Dagegen waren Kröpfe hier viel allgemeiner verbreitet als am Mahakam und waren die Ohrlappen, besonders bei den Frauen, viel stärker ausgereckt, als ich es bei den Bahau je gesehen hatte. Die Ohrringe waren denn auch besonders zahlreich und schwer. Die Kleidung stimmte mit der der Bahau überein, nur bestand sie sehr einförmig aus weissem oder hellbraunem Kattun oder Baumbast, weil wegen der Trauer des Häuptlings um seine Tochter alle Bewohner der Niederlassung zum Ablegen ihrer schönen Kleider gezwungen waren.

Nach Verlauf der halben Stunde, als Bui Djalong glaubte, unsere erste Begrüssung habe lang genug gedauert, forderte er uns auf, nach unserer Wohnung zu gehen, und führte uns über eine Treppe und einen Holzsteg, die mit hübschen Geländern und Bambuszweigen sorgfältig verziert waren, an das Ufer des Djĕmhāng. Dort erhob sich eine ebenfalls verzierte Plattform und daneben ein langes, scheunenartiges Gebäude, das aus neuen Brettern und Schindeln verfertigt und 1 m über dem Boden gebaut war. Ich kam zuerst nicht auf den Gedanken, dass die Verzierungen am Wege unserem Empfange galten, weil ich eine solche Ehrung bei den Dajak noch nicht erfahren hatte, ich hielt den Schmuck vielmehr für den Überrest von irgend einem Fest. Meine Malaien erzählten jedoch, dass nicht nur die ganze Festverzierung zu unserer Ehre angebracht worden war, sondern dass man auch das Haus für unseren Empfang neu errichtet hatte. Die Höhe dieses Gebäudes schien zwar für lange Europäer nicht berechnet zu sein, aber die Grundfläche war sehr gross, so dass ich die eine Hälfte des Raumes meinem inländischen Personal, d.h. den Malaien, zum Wohnen anweisen, die andere für Demmeni und mich einrichten konnte. Wir hatten bereits eine Stelle zum Aufhängen unserer Moskitonetze ausgesucht und eine Tür erhalten, um sie als Tischbrett zu gebrauchen, als man uns aus einem unverständlichen Grunde wieder zur Häuptlingswohnung rufen kam. Bei unserer Ankunft fanden wir dort eine noch stärker angewachsene Menge und Bui Djalong erklärte, die Leute regten sich darüber auf, dass sie unsere Körper eigentlich noch nicht gesehen hätten, und so bat er uns denn im Namen aller, einen Augenblick unsere Jacken und Hemden abzulegen, damit sie wenigstens unseren Oberkörper sehen könnten. In Anbetracht der grossen Herzlichkeit, mit der man uns hier empfangen hatte, und des Gedankens, dass diese Menschen sich das Unangenehme einer derartigen Schaustellung für uns nicht vorstellen konnten und überdies von ihrer anfänglichen Forderung von sow mong bereits zu bescheideneren Wünschen übergegangen waren, gab ich ihnen nach, und da auch Demmeni einverstanden war, sassen wir bald darauf wieder auf unseren Gongen da, diesmal aber mit entblösstem Oberkörper.

Anfangs nahmen die vielen èh èh kein Ende und es entstand ein lebhaftes Gedränge, um so dicht als möglich an uns heranzukommen. Zu Handgreiflichkeiten kam es jedoch nicht; nur stellte sich Bui Djalongs Frau eine Zeitlang neben uns zum Schutz gegen die andringenden Frauen und Kinder auf, die jetzt, wie vorhin, die Hauptmenge bildeten.

Allzu lange liessen wir die Vorstellung nicht dauern, sondern begaben uns bald wieder nach unserer Wohnung, um diese völlig einzurichten. Das ging jedoch nicht schnell von statten, denn die mutigsten Dorfbewohner waren uns gefolgt und starrten uns, unsere Handlungen und Sachen unermüdlich voll Interesse und Bewunderung an. Ab und zu wagte der eine oder andere, wenn wir auf ihre immer noch wiederholte Aufforderung “sow mong” nicht eingingen, einen Ärmel oder ein Hosenbein aufzustreifen. Übrigens erregten nicht wir allein Interesse, sondern auch unsere Malaien; Midan in seiner Küche und Doris, der Jäger, der seine Waffen reinigte, lockten viele an. Da alle sehr fröhlich und lebhaft waren, gab es ein munteres Bild, das uns sehr angezogen hätte, wenn wir uns nach dem monatelangen Aufenthalt im Walde nicht so sehr nach Ruhe gesehnt hätten. Seit ich den Blu-u verlassen, waren gerade 6 Monate vergangen. Als Doris nun auch noch seine Harmonika hervorholte und deren Töne die an derartige Musik nicht gewöhnten Eingeborenen zu erregen begannen, glich es bei uns mehr einem Jahrmarkt als einer stillen Behausung ermüdeter Reisender. Zum Übermass beeilten sich auch noch die Männer und Frauen, die tagsüber auf dem Felde gearbeitet hatten und abends heimkehrten, das Schauspiel zu geniessen, so dass es sehr spät wurde, bevor es uns unsere Bewunderer zu vertreiben gelang. Wir lagen bereits hinter unseren Moskitonetzen, als man Demmeni noch um seinen Arm bat, um dessen Haut betrachten und befühlen zu können.

Bereits vor Tagesanbruch hockten Frauen und Kinder in unserer Wohnung und warteten auf unser Erwachen; sie waren unten durch das Segeltuch geschlüpft, mit dem wir den Hauseingang verschlossen hatten, daher schützten wir uns später durch eine Tür vor diesen Eindringlingen. Ein Aufstellen von Wachen nachts hielt ich der freundschaftlichen Gesinnung der Bevölkerung wegen für überflüssig; diese wurde uns auch nur durch ihre allzulebhafte Bewunderung lästig. Den ganzen Tag über strömte eine neugierige Menge zu uns, so dass Zeit und Raum zum Essen, Ankleiden und Schlafen beinahe nicht zu finden waren.

Die jungen Leute holten morgens die letzten Kisten vom Landungsplatz ab und gegen Mittag traf auch Kwing Irang mit den Seinen ein.