Die eigentlichen Verhandlungen hatten noch nicht angefangen, doch schien man zu erwarten, dass ich den Anfang machte, obgleich man mich nicht dazu drängte. Ich begann daher Bui Djalong und den Seinen in der Busangsprache zu berichten, warum ich aus dem Mahakamgebiet zu ihnen gekommen sei und was ich durch meinen Besuch bei ihnen erreichen wolle. Ich sprach von den Ereignissen, die sich in letzter Zeit, hauptsächlich durch Zutun der Uma-Bom am Mahakam und Tawang zugetragen hatten, und machte ihnen begreiflich, dass durch dieselben die Kluft zwischen den Bahau und Kĕnja zum Nachteil beider stets grösser geworden sei und auf diese Weise der Handelsweg zum Mahakam ihnen bald gänzlich geschlossen werden würde, besonders jetzt, wo sich ein Kontrolleur in Long Iram befinde, der dergleichen Kopfjagden durchaus nicht dulden werde. Das gespannte Verhältnis, fuhr ich fort, bildete auch für die Mahakamstämme eine Quelle ständiger Unruhe, welcher nur durch ernsthafte Behandlung der Angelegenheit ein Ende zu machen wäre. Eine derartige Behandlung der inneren Zustände wäre aber wegen des grossen gegenseitigen Misstrauens unter den Stämmen selbst nur unter Leitung der Niederländer möglich, wie dies jenseits der Wasserscheide durch Vermittlung des Radja von Sĕrawak geschah. Kwing Irang meinte, dass meine Erklärung nicht allen deutlich wäre, und wiederholte sie daher auf seine Weise. Während er sprach, kam mir der Gedanke, es sei besser, nichts zu verschweigen und sogleich alles zur Sprache zu bringen, besonders da die Kĕnja von allen Umständen gut unterrichtet zu sein schienen. Daher behandelte ich den Mord am Tawang nochmals ausführlich und sprach zum Schluss die Meinung aus, dass ein Schadenersatz in Gestalt eines Sklaven unter niederländischer Vermittlung nur dann geboten werden könne, wenn man ausdrücklich erklärte, dass der Sklave als solcher in die Familie Bui Djalongs aufgenommen und nicht getötet werden würde.

Nach der Stille, die meinen Worten folgte, sagte Bui Djalong nur, dass die Kĕnja sich unmöglich widersetzen könnten, wo zwei grosse Häuptlinge (hipui), wie der Sultan von Kutei und die Niederländer darauf aus wären, ihr Bestehen zu verbessern (ne̥me̱ urib), dass er früher aus Furcht vor den Batang-Lupar aus Sĕrawak zum Tawang habe auswandern wollen, dass dies aber nach dem Vorgefallenen nicht mehr möglich sei, dass sie andrerseits auch nur sehr schwer an den Te̥lang Usān (Baram) ziehen könnten und daher einer guten Regelung der Verhältnisse gern Gehör schenken würden. Kwing Irang gab er im Geheimen den Wink, über den Vorschlag des Radja von Sĕrawak, auf englisches Gebiet auszuwandern, nicht zu sprechen. Um später nicht haè, verlegen, zu werden, wie er sich ausdrückte, wenn sich die anderen nicht an das Abkommen hielten, schlug er vor, zuvor auch noch mit den übrigen Stämmen, vor allem den Uma-Bom, zu überlegen und unsere Beratung (te̱nge̥ran) daher später fortzusetzen und vor unserer Abreise zum Abschluss zu bringen.

Darauf kamen noch viele andere, weniger wichtige Angelegenheiten zur Sprache, u.a. der Zug der Kĕnja nach Sĕrawak, von dem ich bereits viel erfahren hatte, gern aber von ihnen selbst noch Näheres hören wollte. Mit grosser Offenheit gaben Bui Djalong und seine Landsleute ihre Meinung über ihr Verhältnis mit Sĕrawak zu kennen, ganz anders als dies bei den Bahau üblich war, wo beinahe niemals jemand eine Ansicht öffentlich zu äussern wagte, aus Furcht vor Widerspruch oder Widerstand seitens anderer. Wir erfuhren jetzt, dass, wie die meisten Fehden, auch die der Kĕnja mit den Batang-Lupar vor sehr langer Zeit ihren Ursprung genommen hatte. Vor einigen Jahren hatte nun der Radja von Sĕrawak diesen Zwistigkeiten ein Ende machen wollen und den Kĕnja als Strafe für ihre Kopfjagden eine sehr ansehnliche Entschädigung in Guttapercha auferlegt. Nach der zum Sammeln erforderlichen Frist hatten sich die Kĕnja mit der Guttapercha aufgemacht, um sie nach Fort Long Bĕlaga am Balui, dem Oberlauf des Batang-Rèdjang, zu bringen. Auf der Reise begegneten sie jedoch wieder grossen Batang-Lupar-Banden, die an den Quellflüssen Buschprodukte suchten, und bei dieser Gelegenheit entbrannte ein neuer Kampf, bei dem auf beiden Seiten Opfer fielen und alle Guttapercha verloren ging. Seit der Zeit waren die Kĕnja noch nicht dazu gekommen, ihre Busse aufs neue zu bezahlen, aber nachdem der Radja im Jahre 1895 die Kĕnjastämme Apo-Paja am oberen Danum durch seine Batang-Lupar hatte unterwerfen lassen, hatte er immer wieder Gesandtschaften geschickt, um eine Zusammenkunft mit den Kĕnjahäuptlingen zu veranlassen. Diese empfanden jedoch wenig Lust, sich aufs neue in grosser Anzahl auf englisches Gebiet zu wagen, besonders da man erzählte, sie wären es gewesen, die die 5 Batang-Lupar am Boh getötet hätten. Mit einer sĕrawakischen Gesandtschaft, welche die mit ihnen verwandten Häuptlinge der Uma-Dang, die sich gerade eben dem Radja unterworfen hatten, begleiteten, sandten die Kĕnja dem englischen Fürsten als Freundschaftszeichen zwar schöne Schwerter und Schilde, aber sie selbst erschienen zwei Jahre lang nicht vor ihm. Darauf sandte ihnen der Radja vom Batang-Rèdjang durch Boten einen Brief und der Resident am Baram, Dr. Hose, gleichfalls, was sie alle so erschreckte, dass sie trotz der schönen Tigerhaut und den Gongen, welche als Geschenke für sie mitgegeben waren, das Jahr zuvor beschlossen hatten, dem Rufe eiligst Folge zu leisten. Eine ungefähr 700 Mann starke Gesellschaft war unter den Häuptlingen der Uma-Tow, die weiter unten am Fluss in Long Nawang wohnten, den Batang-Rèdjang abwärts gefahren, um der Einladung dort nachzukommen, während Bui Djalong selbst indessen mit 500 Mann nach dem Baram gezogen und diesen dann hinabgefahren war. Die Häuptlinge beider Gesellschaften wurden mit Dampfböten nach der Residenz Kuching abgeholt, wo Bui Djalong sich jedoch weigerte, auf englisches Gebiet auszuwandern, was er mir jedoch selbst nicht erzählte. Auch er berichtete, die Batang-Lupar hätten sie auf der Heimreise überfallen, wobei einige zur Begleitung mitgegebene englische Polizeibeamten verwundet und getötet worden wären.

Die zwei aus Sĕrawak gesandten Briefe, welche so grossen Eindruck gemacht hatten, wurden zum Vorschein gebracht und mir vorgelegt. Es waren nur ein paar Geleitsbriefe, um nach Sĕrawak zu kommen; sie enthielten weder irgend einen Befehl noch eine Drohung, aber die Kĕnja, welche die Briefe nicht hatten lesen können, hatten sich beim ungewohnten Anblick von Papierstücken das Schrecklichste vorgestellt. Zur Verstärkung dieses Eindrucks hatten die malaiischen Boten überdies noch das Ihre beigetragen. Bui Djalong war zwar etwas verlegen, als er den wahren Inhalt der Briefe vernahm, doch half er sich mit der Bemerkung, sie wären zu dumm, um solche Dinge zu begreifen. Es war spät geworden, als wir von der Versammlung heimkehrten.

Nach dem guten Verlauf der Zusammenkunft war es uns am folgenden Tage eine wahre Erleichterung, als die meisten Dorfbewohner auf Bui Djalongs Feld zogen, um dieses zur Saat vorzubereiten. So erfreuten wir uns zum ersten Mal eines ruhigen Tages. Auch der folgende verlief still, da die Dorfbewohner an diesem auf die gleiche Weise das Feld von Bo Anjè, des Häuptlings Bruder, bearbeiteten und Bui Djalong selbst mich um die Mithilfe meiner Malaien für diesen Tag gebeten hatte. Diese fanden die Bitte zwar anspruchsvoll und für ihre Würde als Mohammedaner (nur wenige unter ihnen waren von Geburt Malaien) einem Dajak gegenüber etwas erniedrigend, aber sie fürchteten eine Störung der guten Beziehungen so sehr, dass sie aus der Not eine Tugend machten und bereits morgens früh mit dem Häuptling aufbrachen, nachdem ich hierzu meine Zustimmung gegeben hatte.

Des anderen Tages erfuhr ich, wie sehr auch in der Kĕnjagesellschaft Eitelkeit und Eifersucht die Lebensfreude beeinträchtigten. Morgens nach dem Frühstück hatte ich zum Besuch meiner Patienten meine Wanderung durch die verschiedenen Häuser begonnen, als mich die Bewohner in der amin von Bo Anjè, wo sich ein Fieberkranker befand, zurückhielten, um mir einen ausführlichen Bericht über Bo Anjès Würde, seine älteren Brüderrechte gegenüber Bui Djalong und seine Verwandtschaft mit den Häuptlingen von Uma-Djalān zu erstatten. Mit allem diesem gaben sie mir zu verstehen, dass nicht nur Bui Djalong, sondern auch Bo Anjè für den Tod von Usat, ihrem Enkel, am Tawang ein Sklave als Entschädigung zukam. Halb um das Gesagte zu bekräftigen, halb um mir für ein Gewehr, das ich bei meiner Abreise bei ihnen zurückzulassen versprochen hatte und für schönes langes bo̱k kading (Ziegenhaar) und ape̱ ke̥ndi (dicker Kattun) ein Gegengeschenk zu geben, verehrten mir Bo Anjès Angehörige einen sehr schön gezeichneten und mit Menschenhaar verzierten Schild. Unter der Hand erfuhr ich noch manches über das gegenseitige Verhältnis der Häuptlinge in Tanah Putih; über Bui Djalong wurde geklagt, er tue ganz, als ob er der erste wäre, während Bo Anjè doch eigentlich älter sei. Dass der schwache Bo Anjè vor dem kraftvollen Bui Djalong hatte zurücktreten müssen, erschien mir sehr begreiflich. Der energischere Charakter der Kĕnja schützte sie augenscheinlich nicht vor kleinlicher Eifersucht, die auch bei den Bahau eine so grosse Rolle spielte.

Gegen Ende des Tages erhielten wir den Beweis, dass man die Dinge am Kajan ganz anders behandelte als am Mahakam.

Gleich nach der Mahlzeit wurden wir nämlich durch Laufen und Rufen auf dem Wege an unserem Hause erschreckt und beim Hinausblicken sahen wir etwa 10 fremde Kĕnja in voller Kriegsrüstung, die eben in einem Boot angekommen waren, mit heftigen Gebärden eine ernste Nachricht mitteilen, von der wir nichts weiter begriffen, als dass es sich um Kampf und Tote handelte. Die herbeiströmenden Bewohner von Tanah Putih gerieten beim Anhören des Berichtes in grosse Aufregung, so dass es für uns eine Beruhigung bedeutete, als Bui Djalong in seiner gefassten Weise selbst auf dem Schauplatz erschien und sich berichten liess. Obgleich auch er voll Interesse zuhörte, regte er sich doch nicht dabei auf; ich nahm daher das unbekannte Ereignis nicht zu tragisch und ging, um zu hören, um was es sich handelte. Die Boten waren von den Dörfern weiter unten am Kajan gekommen und meldeten, vom Stamme der Uma-Tĕpai seien 100 Mann im Kampfe gegen den feindlichen Stamm der Alim, die am Pĕdjungan wohnten, gefallen. Der Vorfall schien Bui Djalong doch weit mehr zu treffen, als ich aus der Ferne gesehen hatte, denn er war bleich geworden und seine Lippen waren blau, doch zeigte er sich nicht erregt und war noch unbewaffnet, während die andren Männer von Tanah Putih sogleich zu den Warfen gegriffen hatten, als stände der Feind vor der Tür. Ich war daran gewöhnt, dass bei derartigen Berichten stark übertrieben wurde, und wagte daher Bui Djalong zu sagen, bei näherer Erkundigung würde es gewiss nicht so schlimm stehen und mehr als 15 Uma-Tĕpai würden wohl nicht gefallen sein. Meine Worte schienen ihn zu beruhigen, denn er sagte lächelnd, das sei sehr gut möglich. Nachdem er zu der aufgeregten Menge gesprochen hatte, ging er ruhig nach Hause und alles zerstreute sich wieder. Der Bericht, den mir die Kĕnja gegeben hatten, war so gehalten gewesen, als wenn ich die Geographie ihres Landes, die Stämme, die in ihm wohnten, und ihr Verhältnis zueinander gut gekannt hätte. Erst am folgenden Tage konnte ich genauere Erkundigungen einziehen, aber es dauerte einige Zeit, bevor ich den Vorfall zu begreifen anfing; der Bericht des Häuptlings selbst war mir noch am wertvollsten. Er erzählte, dass der Handelsweg zur Küste auf dem Kajan für sie infolge ihrer Feindschaft mit den Uma-Alim verschlossen sei. Dieser Stamm wohnte hauptsächlich am Pĕdjungan, einem Nebenfluss, der unterhalb der grossen Reihe von Wasserfällen, Baröm genannt, dem Kajan zuströmt.

Neben den Uma-Alim wohnte ein kleinerer Stamm der Uma-Lisān, dem es bei ersteren nicht sonderlich gefiel (später hörte ich, die Lisān wären von den Alim halb abhängig) und der deshalb nach Apu Kajan, dem Gebiet oberhalb der Baröm, auswandern wollte. Ein Stamm der Uma-Tĕpai, die dicht oberhalb der Baröm lebten, war mit 300 Mann zum Pĕdjungan gezogen, um den Uma-Lisān beim Umzug in ihr Gebiet behilflich zu sein. Dies sollte mit Einverständnis der Uma-Alim geschehen sein, was jedoch unwahrscheinlich war, da die Alim den Uma-Tĕpai feindlich gesinnt waren und ihnen daher die Nachbarschaft eines verbündeten Stammes nicht gegönnt haben würden. Wie dem auch sei, die Uma-Lisān wollten bei der Ankunft der Uma-Tĕpai nicht mit ihnen ziehen, und als letztere auf dem Heimwege begriffen waren, wurden sie von den Uma-Alim, die sich in einer engen Gebirgsspalte versteckt hatten, überfallen und in dem darauf folgenden Kampfe sollten dann 100 Mann gefallen sein. Später stellte es sich heraus, dass die Zahl der Getöteten in der Tat nicht über 15 betrug. Der ganze Kampf nahm sich immerhin so viel ernster aus, als die Bahau es gewöhnt waren, so dass Kwing Irang und den Seinen beim Anhören dieses blutigen Berichts sicher das Herz vor Angst geklopft haben wird.

Während Bui Djalong mir dies alles vortrug, hatte ich ihm meine gänzliche Unkenntnis von Land und Volk in Apu Kajan bekannt. Zu meiner Freude war er sogleich bereit, mir über diese Verhältnisse ausführlich Auskunft zu erteilen; er schlug vor, bereits am gleichen Nachmittag den Hügel mit der Kubu zu besteigen, weil wir von dort einen vorzüglichen Überblick über das Land geniessen würden. Nach dem Essen begaben wir uns auf den Weg und bereits während des Gehens machte er mich auf vieles aufmerksam. Auf dem Gipfel des Hügels angekommen gab mir Bui Djalong den folgenden geographischen Überblick über sein Land Apu Kajan, oder Po Kĕdjin, wie es von den Kĕnja selbst genannt wird. Nach seinen Ausführungen und dem, was ich bereits selbst gesehen und gehört hatte, lagen die Verhältnisse von Land und Leuten etwa folgendermassen: das Gebiet des oberen Kajan bildet wie das des oberen Mahakam ein nach allen Seiten abgeschlossenes Land; hohe Gebirge und unbewohnte Wälder umringen es und der Kajan, der einen natürlichen Verkehrsweg zu den tiefer gelegenen Gebieten bildet, wird durch eine unüberwindliche Reihe von Wasserfällen, Baröm genannt, für den Verkehr unzugänzlich. Das Land streckt sich nord-östlich vom Batu Tibang aus, dem Berg, von dem im Norden und Osten das Grenzgebirge von Apu Kajan ausgeht. Nach Norden ist letzteres anfangs sehr niedrig und erhebt sich erst weiter nördlich zu einiger Höhe. Das Grenzgebirge nach Osten kann man in Richtung und Formation als eine Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges auffassen, das sich bis zum Batu Tibang hinstreckt und hier durch das vulkanische Gebirge unterbrochen wird, dessen höchste Erhebungen dieser Gipfel, der Batu Tibang Ok, der Batu Bulan und vielleicht auch der Batu Pusing darstellen. Östlich von diesen, wo das Gebirge 1000–1500 m hoch ist, besteht es aus Schiefern, die im Quellgebiet des Oga und Tĕmha einige Rücken, mehr nach Osten hin aber ein beinahe 2000 m hohes Massiv bilden, den Batu Okang. Von diesem soll der Boh nach Südwesten strömen, der Tawang nach Südosten und der Kajan Ok, ein Nebenfluss des Kajan, nach Norden. Auf dem ganzen Wege vom Tĕmha über die Passhöhe zum Laja und auch im Quellgebiet des Kajan hatten die Schiefer eine mehr oder weniger starke Neigung nach Süden gezeigt, womit vielleicht im Zusammenhang steht, dass nach Süden lange Rücken allmählich sich in das Oga- und Bohgebiet niedersenken, während nach Norden sehr steile Wände nach den Flüssen des Kajangebietes zu abfallen.