Man brachte mir wieder eine grosse Menge Flaschen, um sie mit Arzneien zu füllen, und auch der alte Mann, der an der Mündung des Danum auf mich gewartet hatte, liess mich durch seinen Enkel, den er zu diesem Zwecke mitgesandt hatte, wieder um die Arznei bitten, die seine Hautkrankheit zum grossen Teil bereits geheilt hatte.
Der vertrauliche Umgang mit den Besuchern weckte eine gute Stimmung vor der eigentlichen Versammlung; bei alledem vergassen wir ganz unser Frühstück, das Midan bei dem grossen Zulauf ohnehin nur mit Mühe hatte zubereiten können. Zum grossen Tagesereignis, der politischen Versammlung, holten uns die vornehmsten Ältesten von Tanah Putih in die ăwă von Bui Djalong ab, wo wir uns vorläufig versammelten, um uns dann gemeinsam in das Haus und die ăwă seines ältesten Bruders Bo Anjè zu begeben. Dort fanden wir bereits eine grosse auf dem Boden kauernde Gesellschaft vor, während man uns mitten an der Vorderseite auf unseren Klappstühlen Plätze anbot. Die erste Stunde verging mit gemütlichem Plaudern, dem Essen von gekochtem Klebreis mit Schweinefleisch (man verzehrte ein ganzes, grosses Schwein bei dieser Mahlzeit) und dem Trinken von djakan, dem sehr guten Reiswein der Kĕnja. Nachdem alle befriedigt waren, merkte ich, dass sie von mir die Eröffnung der Versammlung erwarteten, auch beantwortete Bui Djalong meine Frage, ob ich den Anfang machen sollte, mit einem Kopfnicken. Um den Eindruck meiner Worte zu erhöhen, begann ich damit, der Versammlung den Unterschied in den Rechten klar zu legen, die einerseits der Radja von Sĕrawak, andererseits die Niederländer auf den Grundbesitz auf Borneo zu erheben hatten, und erwähnte dabei speziell den letzten Vertrag zwischen den beiden Mächten, welcher die Wasserscheide zwischen den Flüssen der Nord- und denen der Ostküste als Reichsgrenze bestimmte. Kwing Irang hatte mir bereits im Jahre 1896 zu verstehen gegeben, dass er diesen Vertrag kannte. Ich hatte auch gemerkt, dass man keine klare Vorstellung davon hatte, dass die tuwan putih (weissen Herren), die am Long Mĕkam (Mahakammündung), am Long Kĕlai (Berouw) und Long Kĕdjin (Kajan) wohnten, alle zu unserer Nation gehörten, was ihre Überzeugung von unserer Macht sehr bestärkte. Hieran knüpfte ich an, dass wir vom Kajan aus auch auf die Uma-Alim würden Einfluss ausüben können; doch fügte ich auch jetzt ausdrücklich hinzu, derartige eingreifende Massregeln sowie eine definitive Festsetzung in ihrem Lande hingen erst von einer Besprechung mit den Autoritäten in Batavia und Europa ab. Dann kam ich auf den Hauptgegenstand der Beratung, die Fehden am Mahakam zu sprechen, besonders auf die Kopfjagden am Tawang und Medang, an denen die Uma-Bom zum grössten Teil die Schuld trugen. Die Ereignisse selbst als bekannt voraussetzend berichtete ich, dass in diesen Angelegenheiten der Sultan von Kutei für die Kĕnja am Tawang, der Assistent-Resident von Kutei für die Bewohner am Mahakam und Barito Partei ergriffen hätten und dass ich gekommen sei, um zu hören, welche Entschädigung die Uma-Tow und Uma-Djalān für den Mord am Tawang verlangten und welche Busse die Uma-Bom ihrerseits für die Kopfjagden von Taman Dau bezahlen wollten. Was die erste Angelegenheit betreffe, so sehe ich ein, dass sie für die Ermordung von Bui Djalongs Enkel von den Kĕnja am Tawang einen Sklaven fordern würden, doch könnten in diesem Fall weder der Sultan noch die Niederländer zu einer friedlichen Schlichtung der Fehde beitragen, wenn man uns nicht die absolute Sicherheit böte, dass der Mann nicht getötet werden würde. Ohne auf die von den Uma-Bom in den letzten zwei Jahren verübten Missetaten zu viel Nachdruck zu legen, ergriff ich die Gelegenheit, um nochmals deutlich auseinander zu setzen, wie wir Niederländer über derartige hinterlistige Handlungen dachten. Hatte ich mich in Long-Dĕho von der Stimmung des Augenblickes hinreissen lassen, so steuerte ich hier im Bewusstsein, dass ein offenes Wort nicht schaden würde, direkt auf mein Ziel los. Ich hatte die Kĕnja als ein Volk kennen gelernt, das die Dinge beim rechten Namen zu nennen pflegte, ausserdem war ich überzeugt, dass alles, was ich sagte, den Vornehmsten unter ihnen bekannt war und meine offen geäusserte Entrüstung ihnen natürlicher erscheinen würde, als wenn ich vorsichtig um den Kern der Sache herumgegangen wäre. Ich beschrieb ihnen in grossen Zügen die Folgen ihrer Handlungsweise und wies darauf hin, dass hauptsächlich die Frauen und Kinder unter den unsicheren Zuständen im Lande litten und nicht die Übeltäter sondern unschuldige Leute ihres Stammes oder eines anderen der Rache zum Opfer fielen, worauf mir einige zustimmend zunickten. Wie früher in Long Dĕho, begann ich auch hier an dem Beispiel des Taman Dau, der dicht vor mir sass und ein böses Gesicht aufsetzte, zu beweisen, dass in unseren Augen erstens das Töten weniger wehrloser Menschen durch eine Übermacht eine unwürdige Tat sei und dass zweitens Taman Dau sich zum Schaden seines Volkes und Stammes durch schlaue Mahakam- und Tawanghäuptlinge, die bei den Malaien an der Küste in der Lehre gewesen wären, dazu habe gebrauchen lassen, deren persönliche Rachegelüste zu befriedigen. Während meiner sehr langen Rede hatte Totenstille geherrscht; mein Mahakamgeleite sass vor Schreck aschgrau und bewegungslos da, weil ich eine derartige Sprache gegen so viele mächtige Häuptlinge, die wohl 1500 Krieger aufstellen konnten, zu führen wagte. Eine Zeitlang herrschte allgemeines Geflüster, dann machte der eine oder andere eine Bemerkung in Busang, aus der ich ersah, dass man mich gut begriffen hatte. Endlich gab Bui Djalong als Vertreter aller zu verstehen, man habe zwar nicht alles, aber doch vieles von meinen Worten begriffen, nur habe man erwartet, dass ich die noch ungelösten Konflikte den Kĕnja aus dem Wege räumen würde, was ich jedoch leider nicht getan hätte. Ich merkte aber an dem vergnügten Lächeln des Häuptlings, dass mein offenes Auftreten ihm im Stillen sehr gefiel; er war übrigens früher selbst sehr energisch und kampfeslustig gewesen, wurde aber jetzt in seinem Streben, mit den Nachbarn Frieden zu stiften, besonders von den Uma-Bom gehindert, gegen die er nicht kraftvoll genug auftreten konnte.
Um den betroffenen Parteien die Sache nicht zu schwierig zu machen, gab ich in Erwägung, dass einige Kĕnja mich bei meiner Rückkehr zum Mahakam begleiten sollten, um die Tawangaffaire dort weiter zu behandeln, und wir die ferneren Angelegenheiten, besonders die der Baritostämme, dem Kontrolleur in Udju Tĕpu überlassen sollten. Hierin stimmten mehrere zu, ferner wollte man abends allen, die kein Busang verstanden, meine Worte erklären. Als allerhand Nebensachen zur Sprache kamen, die für mich kein Interesse hatten, hielt ich es für das Beste, nach Hause zu gehen; es war übrigens schon halb fünf Uhr nachmittags geworden. Abends kam Lalau, um mich mit bedrücktem Gesicht namens Kwings und Bui Djalongs zu bitten, in Zukunft nicht mehr so scharf zu sprechen und besonders nicht so stark auf einen Schadenersatz seitens der Uma-Bom zu dringen.
Des anderen Morgens traten der Reihe nach zuerst die Leute von Uma-Djalān, dann die Uma-Tow von Long Nawang bei mir ein, um Geschenke zu empfangen, da am vorigen Morgen hierfür keine Zeit geblieben war. Kaum waren wir hiermit fertig, als man mich zu meinem grossen Missvergnügen zu einer neuen Versammlung rief, deren Notwendigkeit ich nach den langdauernden und ernsthaften Beratungen am Tage zuvor nicht einsah. Die ernsten Mienen der Männer machten eine Weigerung jedoch unmöglich.
Zu dieser neuen Versammlung auf Bui Djalongs ăwă hatten sich noch mehr Menschen eingefunden als zu der ersten, und bald zeigte es sich, dass die Kĕnja wichtige Angelegenheiten viel ernsthafter zu behandeln verstanden, als wir uns vorgestellt hatten. Man begann wieder damit, allgemeine Gespräche zu führen, zu essen und Reiswein zu trinken, der entsprechend der Würde der anwesenden Häuptlinge von den ältesten Mantri herumgereicht wurde. Demmeni und ich erhielten unseren Teil zuerst und zwar in sehr reinen Gläsern, die übrigen in Schalen, die sie der Reihe nach austranken. Nachdem die Anwesenden einen grossen Topf geleert hatten, nahm die Versammlung einen sehr sachlichen und feierlichen Charakter an, indem sie von Bui Djalong nach strenger Etikette geleitet wurde, wobei niemand selbständig auftreten durfte; also ganz anders als am vorigen Tage, wo jede Leitung gefehlt hatte. Zwei der ältesten Mantri fungierten als Zeremonienmeister in geradezu musterhafter Weise. Bui Djalong erklärte, man sei zusammen gekommen, um die Ansichten aller Häuptlinge über die gestern besprochenen Angelegenheiten zu vernehmen, und man erwarte, dass ich am heutigen Tage nicht selbst sprechen, sondern nur anhören sollte, was die übrigen zu sagen hätten.
Hierauf wurden die verschiedenen Wortführer der anwesenden Stämme nach dem Range aufgefordert, ihre Ansicht über die vorliegenden Fragen zu äussern. Zum Zeichen, dass jemand das Wort erteilt wurde, brachte ihm ein junger Kĕnja ein Glas Reiswein, das ein Mantri gefüllt hatte; dieser wies zugleich auch die Person an, die zu sprechen hatte. Während letztere das Glas leerte, liessen alle Anwesenden einen feierlichen Ruf ertönen. Der Aufgeforderte begann dann sogleich seine Rede, die ich nicht verstand, da sie in einem der Kĕnja-Dialekte gehalten wurde. Einige Redner gaben in ruhigem Ton und mit kurzen Worten ihre Meinung zu verstehen, andere bemühten sich, Eindruck zu machen und ergingen sich in ausführlichen Betrachtungen. Zum Schluss suchten alle Redner ihren Worten dadurch ein besonderes Gewicht beizulegen, dass sie plötzlich aufsprangen, einige Mal durch Springen und Stampfen mit beiden Füssen gleichzeitig die Bretterdiele erdröhnen liessen und zugleich mit beiden gebogenen Armen in die Seiten schlugen unter dem wiederholten Ruf: “bă, bă!”
Wenn dieses Schauspiel auch sehr sonderbar wirkte, so machten doch der grosse Ernst aller Anwesenden und das strenge Zeremoniell einen grossen Eindruck, trotzdem wir das Gesprochene nicht verstanden. Dazu trug die ganze Versammlung nicht den kriegerischen Charakter wie bei den Bahau, da unter allen Anwesenden keine einzige bewaffnete Person zu sehen war.
Wie man uns später erklärte, gingen die Meinungen der Versammlung bezüglich der Frage, ob man es mit den Niederländern halten sollte, die Ordnung und Recht handhaben wollten, oder ob die alte adat mit dem Recht des Stärksten in Geltung bleiben sollte, anfangs auseinander. Die Vertreter der Niederlassungen Tanah Putih, Uma Tokong und Uma Djalān waren der ersten Ansicht, während die Uma-Bom, Uma-Bakong und die Uma-Tow von Long Nawang nicht sogleich geneigt waren, das Schwert in die Scheide zu stecken. Für die Einsicht der Versammelten sprach, dass sie nur die Hauptfrage, die Annahme oder Ablehnung der niederländischen Oberherrschaft behandelten und dass sie die Konflikte im Mahakamgebiet überhaupt nicht mehr zur Sprache brachten. Auf die Stimmung am Ende wirkte bestimmend, dass Bit, Bui Djalongs Schwiegersohn, und ein Ältester aus Tanah Putih als des Häuptlings Meinung zu erkennen gaben, dass, wenn die übrigen ihre Kampfgewohnheiten nicht ablegten, die Uma-Tow und andere in unserer Gesellschaft zum Mahakam auswandern wollten, um sich dort niederzulassen. Nachdem sich der vornehmste Häuptling so bestimmt auf unsere Seite gestellt hatte, wurden auch die Äusserungen der anderen friedliebender.
Die verschiedenen Redner hatten alle der Reihe nach gesprochen und dabei zwei sehr grosse Töpfe voll djakan geleert, als Bui Djalong noch einen dritten, kleineren kommen liess, ihn selbst unter die Hut nahm und aus ihm die Gläser füllte. Während wir vorhin reichlich Zeit gehabt hatten, die Eigentümlichkeiten der Redner zu beobachten und uns im Mitsingen des Refrains, den die Versammlung bei jedem neuen Glase wiederholte, zu üben, wurde unser Interesse jetzt ganz von der Feierlichkeit der Zeremonien in Anspruch genommen.
Bevor der Häuptling den Topf öffnete, den er den Anwesenden als ein Geschenk von Kwing Irang und uns bezeichnete, hielt er an seine nächste Umgebung aus vornehmen Häuptlingen und Wortführern in gedämpftem, sehr ernstem Ton eine Ansprache, und fragte, ob sie durch einen Trunk aus diesem Gefäss sich für den neuen Stand der Dinge entscheiden wollten. Nach der zustimmenden Antwort aller öffnete er das Gefäss und stimmte darauf einen Gesang an, in dem er berichtete, dass dieser djakan von den Weissen stammte, die gekommen seien, um das Dasein der Kĕnja zu verbessern, und dass nun neue Zeiten anbrechen würden. Nachdem der Gesang, der in sehr eindrucksvollem, männlichem Ton vorgetragen wurde, beendigt war, erhielt einer der unmittelbar neben uns Sitzenden ein Glas, das er unter dem gebräuchlichen Ruf der Versammlung leerte. Erst hatte jeder von uns ein Glas trinken müssen, dann nur die ältesten, vornehmsten Häuptlinge, den jüngeren wurde überhaupt nichts angeboten. Nach Ablauf dieser Zeremonie ergriff Bui Djalong selbst das Wort in der Kĕnjasprache, von der wir wieder nichts verstanden, doch merkten wir an seiner fliessenden, deutlichen Sprache, dass er der beste Redner war. In überzeugendem Ton gab er seinen Gefühlen in einer sehr langen Rede Ausdruck. Zum Schluss sprang er dicht neben uns auf, arbeitete mit Armen und Beinen, dass der Grund erzitterte, gleichsam wie erregt von den eigenen Worten, worauf er augenscheinlich noch kurz über uns und Kwing Irang sprach, die er der Reihe nach berührte und für seine Freunde erklärte.