In ihrer eigenen Gesellschaft wird ein solches Gerechtigkeits- und Ehrgefühl hoch geschätzt; bei den Häuptlingen schätzt man es höher als Tapferkeit oder Reichtum. Unter den Mahakam Kajan am Blu-u hatte einer der Mantri, Kwaï genannt, den Ruf ein “lake̱ marong” (rechtschaffener Mann) zu sein. Zwar kam ich wegen der grossen Entfernung seines Wohnplatzes nur sehr wenig mit ihm in Berührung, aber ich hatte doch einige Male Gelegenheit zu bemerken, wie gut er sich den Ansprüchen der Seinen gegenüber in meine Verhältnisse zu versetzen und zwischen beiden Parteien einen Vergleich zustande zu bringen wusste. Er war es auch, mit dem ich wegen des Lohnes der Kajan für die Fahrt den Mahakam hinunter verhandelte. Er fand bei dieser Gelegenheit, dass es von mir zu viel verlangt heisse, ihnen ausser allem, was sie von mir erhalten hatten, auch noch das grosse Boot zu geben, um welches Kwing Irang mich gebeten hatte. Als man mir einmal über die Kĕnja zu viel auf binden wollte, erklärte er, dass man wenig anderes von ihnen wisse, als dass sie Menschen seien wie sie selbst.
Die Ehrfurcht vor dem Alter und die Stellung, welche die Frau im Bahau-Staate einnimmt, scheinen mir Äusserungen des sanften Charakters dieser Menschen zu sein. Obgleich die Jugend auch bei ihnen gern das grosse Wort führt, so schweigt sie doch in Gegenwart älterer Leute. Bei öffentlichen Versammlungen des Stammes ergreifen junge Männer daher nur ausnahmsweise das Wort, gewöhnlich sagen sie Ja und Amen zu allem, was die Alten verlangen.
Die Frau spielt in der Kajan-Gesellschaft eine wichtige Rolle. Während bei andern Völkern die Frau oft die Beute des Stärksten wird und in die Verhältnisse ihres Gemeinwesens nicht genug Einsicht besitzt, um sich nicht durch die eine oder andere glänzende Eigenschaft eines Mannes blenden zu lassen, steht die Frau im Staate der Kajan am Mendalam z.B. ebenso selbständig da wie der Mann, bestimmt mit derselben Einsicht wie dieser ihr Tun und Lassen und bietet ihren Neigungen dadurch einen festeren Halt. Die besonders bevorzugte Stellung der Frau unter den Mendalam-Kajan muss aber wohl dem Nebenumstande zugeschrieben werden, dass die Männer dieses Stammes besonders langdauernde Handelsreisen unternehmen, wodurch die Frauen zu Hause mehr Einfluss bekamen als die der Stämme am Mahakam.
Auch am Mendalam hat das stärkere Geschlecht die Neigung, das schwächere auf den zweiten Platz zu drängen. Bald nach meiner Ankunft sprach Akam Igau in einem Gespräche unter vier Augen sein Bedauern darüber aus, dass die Frauen seines Stammes sich so viel Geltung verschafft hätten. Der alte Herr war in seinem Leben viel gereist und sah die Zustände seines Stammes mit anderen Augen an als die meisten; die bevorrechtete Stellung, welche die Männer bei den Malaien einnehmen, gefiel ihm weit besser.
Bemerkenswerter Weise scheint diese Gleichstellung der Geschlechter mit einer beinahe vollständigen Abwesenheit geschlechtlicher Entartungen, wie man sie in den Stämmen vom Barito beobachtete, zusammenzufallen.
Auch wenn die heftigsten menschlichen Leidenschaften, wie die Liebe, im Spiele sind, kommt es in der Bahaugesellschaft nicht zu Händeln. Man erzählte mir, dass die Kajanfrauen, wenn sich ihre Neigungen kreuzen, bisweilen mit einander in heftigen Konflikt geraten; während meines Aufenthaltes bemerkte ich aber nichts davon.
Es wäre jedoch falsch, diesen Mangel heftiger Äusserungen einer gegenseitigen Gleichgültigkeit der Geschlechter zuzuschreiben. Ich hatte im Gegenteil öfters Gelegenheit zu beobachten, dass sowohl Männer als Frauen in ihren Neigungen eine grosse Standhaftigkeit zeigen und imstande sind, ihnen viele und langdauernde Opfer zu bringen.
So gab mir einst ein junger Häuptling seine Entrüstung darüber zu erkennen, dass sein Mädchen sich während seiner Abwesenheit zu viel mit einem andern abgegeben hatte; für ihn war dies Grund genug, mit ihr zu brechen.
Als Akam Igau einst das Bedürfnis fühlte, sein bedrücktes Gemüt von einem Teil seiner Sorgen zu entlasten, erzählte er mir die rührende Liebesgeschichte seiner zweiten Tochter Paja. Diese, ein auffallend schönes, ungefähr 18 jähriges Mädchen, liebte seit 4 Jahren einen jungen Häuptling, Tĕkwan, dessen Haus sich in der Nähe der Ma-Suling am Oberlauf des Mendalam befand. Es war mir schon auf unserem Zuge nach dem Mahakam aufgefallen, wie sehr sich der junge Mann bemühte, dem alten Igau bei jeder Gelegenheit behilflich zu sein. Leider standen der Vereinigung der jungen Leute grosse Hindernisse im Wege. Tĕkwans Vater gehörte bedauerlicher Weise nicht zu den Gescheidten seines Stammes; und so wollte seine Mutter Ping nicht zugeben, dass er, die wichtigste Stütze des Haushalts, die elterliche Wohnung verlasse, um bei seiner jungen Frau Einzug zu halten. Nach ihrer Beredsamkeit zu urteilen, war sie übrigens sehr wohl imstande, ihre ganze Umgebung allein zu beherrschen; wenigstens wohnte ich einer Unterhandlung zwischen ihr und Akam Igau über diesen Gegenstand bei, die 3 Stunden dauerte und für die meine Hütte, als neutrales Gebiet, zum Zusammenkunftsort gewählt wurde. Aber Igau sah sich als Häuptling noch besonders verpflichtet, die alten Gebräuche hoch zu halten, und duldete daher nicht, dass Paja gegen alle gute Sitte sogleich ihrem Manne in sein Haus folgte. Tĕkwan wiederum war zu arm, um die Busse für die Übertretung der adat zu bezahlen.
Die Familien beider Parteien hatten bereits die Geduld verloren, aber Paja und ihr Liebhaber liessen nicht von einander und widerstanden allen Verlockungen von anderer Seite.