Zu diesem Zwecke sollte ich flussabwärts nach Long Tĕpai fahren, während Kwing Irang vom Mĕrasè aus, wohin er mit seiner Frau Hiāng und seiner Pflegetochter Kĕhad reiste, sich dorthin verfügen wollte. Am 12. November waren in der Tat alle in Long Tĕpai versammelt; mit Kwing Irang War auch Tĕmĕnggung Itjot, als Vertreter der Ma-Suling, eingetroffen. Zuerst hielten die Häuptlinge untereinander eine Beratung, in der beschlossen wurde, dass Bo Lea zuerst allein nach Apu Kajan reisen sollte, um Bui Djalong zu fragen, ob die Mahakambewohner unsere Expedition zu ihnen geleiten dürften. Am folgenden Tage wurde mir dieser Plan abends in Bo Leas Galerie vorgelegt, wo sich alle Häuptlinge mit ihren Wortführern eingefunden hatten. In der Regel schweigen nämlich die Häuptlinge in solchen öffentlichen Versammlungen und überlassen ihrem klügsten und redegewandtesten Mantri das Wort; nur energische Häuptlinge Wie der Pnihing Bĕlarè sprachen oft auch persönlich ihre Ansichten aus. Hier in Long Tĕpai hatte der Häuptling Bo Tijung die leitende Rolle zugewiesen, der, trotz seiner Abstammung von den Barito-Dajak, in Wirklichkeit das ganze Dorf regierte.
Vor Beginn der Versammlung Wurden alle Anwesenden durch das Gerücht, der Kontrolleur sei bereits in Udju Tĕpu angelangt, erfreut und beruhigt. Ein Barito-Dajak, Häuptling einer Gesellschaft Buschproduktensucher, behauptete sogar, diese Nachricht habe in einem Brief, der von der Küste gekommen sei, gestanden, ein Umstand, der alle Anwesenden zu überzeugen schien.
Im Grunde hatte ich es in der Versammlung nur mit Bo Tijung zu tun, der stets wieder betonte, dass man gegen das Unternehmen sei, weil der Mord am Tawang noch nicht gesühnt wäre. Die anderen Gründe, die Angst vor den Kĕnja, den Zweifel an der Ankunft des Kontrolleurs und die Furcht vor der Ungnade des Sultans, erwähnte Bo Tijung überhaupt nicht. Zur Beseitigung der von ihm angeführten Schwierigkeit verlangte er, Bo Lea solle sich zuerst auf Kundschaft nach dem Apu Kajan begeben. Hierauf konnte ich jedoch durchaus nicht eingehen, da diese Reise vier Monate, wahrscheinlich noch viel länger dauern musste, der Zug den Reiz der Neuheit für die anderen Mitreisenden verloren und ich sie dann viel schwerer in Bewegung gebracht hätte. Überdies war es am besten, die Kĕnja vor eine Tatsache zu stellen und nicht zu warten, bis sie vielleicht aus Angst vor dem Ungewöhnlichen meinen Besuch ablehnten.
Die Versammlung führte wie gewöhnlich, trotz 3½ stündiger Beratung, zu keinem Resultat; ich konnte auf den Vorschlag der Häuptlinge nicht eingehen und diese äusserten sich nicht darüber, ob sie dennoch mit mir gehen, oder die Reise überhaupt nicht unternehmen wollten. Trotzdem die Meinungen einander scharf gegenüber standen und unsere gegenseitigen Interessen mit der Angelegenheit fest verbunden waren, wurden wir doch nicht heftig. Alles ging ruhig seinen Gang, man merkte, dass die Bahau ihre Beschwerden, die für mich als Niederländer nur unangenehm, für sie aber sehr gewichtig waren, nicht zur Sprache brachten, und nur einmal, als Bo Tijung etwas hitziger ausfuhr, konnte ich ein “mata tasin” (“möge ein Speer mich töten”, Fluch der Bahau) nicht unterdrücken. Die ganze Gesellschaft wurde aber dadurch beunruhigt, da sie einen Ausbruch von Heftigkeit meinerseits fürchtete, und Bo Tijung beobachtete in seiner Beweisführung sogleich mehr Vorsicht.
Kwing Irang fand die Situation augenscheinlich sehr peinlich, denn er stand, ohne etwas zu sagen, als erster auf. Als ihm noch einige folgten, schlug Bo Tijung vor, die Beratung am folgenden Tage fortzusetzen. Ich erfuhr jedoch, dass die Häuptlinge später in Bo Leas amin wieder zusammengekommen waren. Des anderen Morgens früh kam Kwing Irang auch, um mir zu berichten, man habe in einer nächtlichen Beratung beschlossen, falls das Wasser falle, die Reise mit mir beim folgenden Neumond dennoch zu unternehmen. Tĕmĕnggung Itjot und er selbst, die nach dem Mĕrasè zurückkehrten, wollten die Ma-Suling benachrichtigen und Bo Tijung sollte sich nach Batu Sala und Lulu Njiwung begeben, um die Long-Glat mit ihren Häuptlingen Parèn Dalong und Ding Ngow dazu zu bewegen, ebenfalls ein oder zwei Böte mit Männern zur Reise auszurüsten.
Wegen des hohen Wasserstandes war drei Tage lang an eine Rückkehr nach dem Blu-u nicht zu denken, auch brauchte ich schliesslich mit meinem kleinen, gut bemannten Boot drei statt zwei Tage für die Reise. Kwing Irang langte mit seiner Familie in einem mit Reis schwer geladenen Fahrzeug sogar erst am 23. November an. Bis zum Ende des Monats behielt der Fluss seinen hohen Wasserstand. Hiāng und Kĕhad, Kwings Frau und Pflegetochter, kehrten von ihrem Ausflug zum Mĕrasè sehr befriedigt heim, sie waren in ihrem Leben noch nie bei den Ma-Suling gewesen, trotzdem diese nur eine Tagereise weit von Long Blu-u wohnten. Beide Frauen hatten zuerst tagelang nicht gewagt, sich mit ihren Verwandten in ihrem gebrochenen Besang zu unterhalten. Die Kajanfrauen sind an einen Verkehr mit benachbarten, verwandten Stämmen nicht gewöhnt, die Frauen der Long-Glat sind etwas reisegewandter, da ihre ursprünglich vereinigten Niederlassungen noch jetzt durch viele Verwandtschafts- und Freundschaftsbande verknüpft sind.
Die Kajanfamilien in Long Blu-u waren in diesen Monaten noch immer damit beschäftigt, Material zum Bau von Kwing Irangs Haus herbeizuschaffen; augenblicklich arbeiteten sie an den grossen, schweren Brettern, welche für die Diele in der Galerie bestimmt waren. Je zwei Familien hatten ein solches Brett fertig zu stellen. Der Hausbau lag Kwing Irang so am Herzen, dass ihm sein Entschluss, mich jetzt schon auf der Reise zu begleiten, sehr viel Selbstüberwindung gekostet haben musste.
Während wir in grosser Einförmigkeit, so gut es eben ging, die folgenden Tage verbrachten, wurden wir eines Mittags durch einen grossen Menschenauflauf erschreckt, der sich nach dem unten am Fluss liegenden Teil der Niederlassung bewegte. Voll Neugier schlossen wir uns den Leuten an und bemerkten bald eine grosse, mitten aus einer langen Häuserreihe aufsteigende Rauchwolke. Beim Gedanken an das viele trockene Holz, aus dem das Dorf bestand, wurde uns Angst, doch sahen wir sogleich, dass das Feuer sich nicht weiter ausbreitete. Einige Männer, die unter lautem Geschrei auf das Dach geklettert waren, schlugen mit Schwertern von den angrenzenden Häusern die Schindeln los und warfen sie hinunter. Auch von Innen wurden die leichter entzündlichen Holzteile auseinander gerückt und das schwerere Holz mit Wasser begossen, so dass der Rauch nach kurzer Zeit nachliess und das Unheil abgewandt war. Eine Mutter mit ihrer Tochter hatten den Brand veranlasst, indem sie sich unvorsichtiger Weise von dem Topf, in dem sie Schweinespeck schmelzten, entfernt hatten. Wahrscheinlich waren die Flammen des Holzfeuers in den offenen Kochtopf geschlagen und hatten dann das über dem Herde aufgestapelte Brennholz ergriffen.
Die Dorfleute machten den Schuldigen, die übrigens durch den Verlust ihres Hauses genügend gestraft waren, keine Vorwürfe, sondern schrieben den Brand dem Umstande zu, dass man in einer ungünstigen Mondphase das Haus gebaut oder das Baumaterial gesammelt haben musste. Bevor daher ein neues Haus errichtet werden durfte, mussten die Priesterinnen zur Besänftigung der zürnenden Geister ein Opfer bringen und die stehengebliebenen Teile mit dem Blute des Opfertieres bestreichen.
Anfang Dezember kam Bo Tijung mit einer Gesellschaft Long-Glat und meldete mir das Resultat seiner Unterhandlungen mit den verschiedenen Niederlassungen. Obgleich seine Berichte, die er in einer Versammlung vorbrachte, nicht ermutigend lauteten, machten sie dem langen Warten in Ungewissheit vorläufig doch ein Erde. Alle Niederlassungen hatten sich zwar zum Unternehmen des Zuges bereit gezeigt, aber die Bewohner von Lulu Njiwong hatten erklärt, sie litten bereits seit Monaten an Reismangel und könnten daher kurz vor der Ernte unmöglich ein Boot mit Mannschaft ausrüsten. Bo Tijung behauptete, die gleichen Zustände, wenn auch in geringerem Grade, herrschten auch in Long Tĕpai, und bat daher um einen Aufschub der Reise bis zum Beginn der Ernte, nach der Feier des lāli parei. Zwar bedeutete dies eine Verzögerung von anderthalb Monaten, doch war ich froh, dass man den Reiseplan unter diesen wirklich schwierigen Verhältnissen nicht gänzlich aufgegeben hatte, und stimmte zu, unter der Bedingung, dass man das lāli parei gleich nach Neumond feiern sollte. Meine Zustimmung schien alle Anwesenden von einem Druck zu befreien.