Die Dämmerung war bereits längst vorüber, als man sich in derselben Reihenfolge wieder hinauf begab. Die geopferten Eier werden niemals gestohlen, sie bleiben auf den Stöcken, bis diese umfallen oder verwesen.

Erst gegen 9 Uhr ertönte aus dem Hause das eigentümliche Rezitativ des Priestergesanges, das eine neue Feier in des Häuptlings amin ankündete. Wir fanden dort Männer, Frauen und Kinder bereits versammelt. Nur für die dājung war um das Opfergerüst ein freier Platz übrig geblieben; sie sassen je zu vieren einander gegenüber auf der Diele, mit einem Raum zwischen sich für die Priesterin, die gerade das Wort zu führen hatte. Der Reihe nach stand nämlich eine von ihnen auf und begann in singendem Tone, augenscheinlich in Prosa, die Schicksale des Stammes und andere Überlieferungen aufzusagen, wobei die Anwesenden an bekannten Stellen einfielen; einige junge Leute zeigten dabei eine besondere Begabung.

Im allgemeinen bediente man sich der alten Busangsprache, nur wenn es die Ereignisse der letzten Zeit und den Zweck dieser Versammlung zu erzählen galt, eine Aufgabe die Bo Bawan zufiel, gebrauchte man das moderne Busang. Die meisten dājung leierten mehr als dass sie sprachen, die Bambusreihe umschreitend, ihre Worte her und brachen nur dazwischen mit einem o—é und darauffolgenden Satz ab, wobei sie nach dem Kopf griffen und heftig aufstampften. Auch fielen ihnen dann die Augen zu; wie die Leute behaupteten, liess sich ein beseelender Geist für einen Augenblick in den Priester oder die Priesterin nieder, wodurch sie das Bewusstsein völlig verloren. Eine der Frauen, die viel Eindruck machte, war von Natur augenscheinlich sehr nervös, denn sie bewahrte nicht wie die übrigen während ihres Vortrags und des Niedersteigens ihres Geistes ihre Ruhe, sondern geriet in Erregung, machte eigentümliche Schritte, blieb plötzlich stecken, ergriff die Bambusstöcke und schüttelte sie heftig, wobei ihre o—é-Rufe und Gebärden die Ankunft des Geistes ankündeten. Dieser Priesterin, Sari ([Taf. 26 T. 1]), fiel auch die Aufgabe zu, Kwings zweite Frau, Uniang, zu einer dājung auszubilden; zu diesem Zweck sagte sie ihr die richtigen Worte vor, falls diese nicht schnell genug zum Vortrag kamen. Die beiden Frauen standen dabei vor der Bambusreihe, und, sobald der richtige Augenblick zum Niedersteigen des Geistes nahte, empfing Uniang ein Zeichen mit dem Fuss, worauf sie in sehr unbeholfener Weise die gewünschten Gebärden folgen liess. Nach einiger Zeit schien Uniangs Geist sich wirklich zu nähern; das spärliche Licht der wenigen Harzfackeln wurde von den Nächstsitzenden durch einen Schirm gedämpft, die älteste dājung fing den Geist in einem Tuch auf, legte Uniang ein Schwert aufs Haupt, wie um es zu spalten, und blies ihr dann den Geist in diesen Spalt ein.

Während dieser auf die Dauer sehr langweiligen und einschläfernden Vorgänge lagen oder sassen in dem halbdunklen Raume 2–300 Männer, Frauen und Kinder beieinander, folgten mehr oder minder andächtig den Beschwörungen oder vertrieben sich die Zeit mit Rauchen und Sirihkauen. Mehrere Frauen sorgten dafür, dass die Rauch- und Kaulustigen nicht zu kurz kamen; Bambusrohre mit seitlichen Öffnungen, in welche die Frauen Zigaretten gesteckt hatten, machten unter den Anwesenden die Runde. Die Kinder schliefen beinahe alle an ihre Eltern gelehnt oder in Gruppen in den Ecken oder den gesonderten kleinen Kammern. Auch die Erwachsenen waren nicht imstande, die ganze Nacht über munter zu bleiben, und da ihre Haltung ebensogut ein Wachen als ein Schlafen zuliess, versanken sie ab und zu ins Traumland, aus dem sie erst wieder zurückkehrten, wenn ihre Nachbarn sich zu stark bewegten, oder die dājung zu laut wurden. Auch für die Hungrigen hatte der Häuptling gesorgt, indem er gegen 2 Uhr nachts Reis und Schweinefleisch umherreichen liess, nur die jüngsten Fürstenkinder vermochte auch kein Schweinefleisch mehr aus dem Schlaf zu erwecken.

Erst gegen Morgen endeten die Zeremonien und fand die eigentliche Beschwörung der bösen Geister statt, welche die Krankheit verursacht hatten. Während man den Raum verdunkelte, wurden Bo Bawan und die Priesterinnen von ihren Geistern besessen, gerieten in Aufregung, jagten den bösen Geistern nach und vertrieben sie endlich aus der Wohnung. Die aus Apu Lagan niedergestiegenen guten Geister, welche die dājung beseelt hatten, brachten auch Flusswasser von dort mit, mit dem die dājung alle Glieder der Häuptlingsfamilie besprengten, während die übrigen Anwesenden sich beeilten, die Finger in dieses Wasser zu tauchen und sich den Körper damit einzureiben. Nach dieser Zeremonie zu urteilen, stellen sich die Kajan ihre Priester und Priesterinnen vor einem Geist aus Apu Lagan beseelt vor, der sich nicht ständig in ihnen aufhält, sondern sie nur bei einer Anrufung erfüllt und ihnen dann die Kraft verleiht, vor allem gegen böse Geister anzukämpfen. Daher rufen die Bahau in Krankheits- und Unglücksfällen die Hilfe der dājung ein. Die Priester besitzen einen männlichen, die Priesterinnen einen weiblichen Geist. Werden Nachkommen der Priester von Geistern beseelt, so stammen auch diese Geister von väterlichen oder mütterlichen Geistern ab. Ob jemand zur Beseelung geeignet ist, können nur Eingeweihte beurteilen; diese scheinen es hierbei nicht auf besonders nervöse Personen abgesehen zu haben, wenigstens zeichnete sich hier am Blu-u, wie wir gesehen haben, von den 8 Frauen nur eine durch leichte Erregbarkeit aus.

Die älteste Priesterin der Kajan schien auch bei den Pnihing und Long-Glat Ansehen und Praxis zu besitzen, jedenfalls erzählte sie mir, sie habe nicht nur einen Geist der Kajan, sondern auch einen der Pnihing und einen der Long-Glat zur Verfügung. Wahrscheinlich glaubte sie selbst nicht daran. Bei verschiedenen Gelegenheiten merkten wir nämlich, dass die dājung der Kajan ihre Gemeinde mit vollem Bewusstsein betrogen. An einem seiner Zauberabende, die Demmeni bisweilen zu allgemeinem Ergötzen veranstaltete, ahmte er das Kunststück der dājung nach und brachte mittelst einer in den Ärmel genähten Kautschukspritze Wasser aus Apu Lagan zum Vorschein. Er erfreute sich denn auch desselben Erfolges wie die Priester, denn die erstaunten Zuschauer rieben sich auch mit diesem Himmelswasser sehr eifrig ein. In der Hoffnung, dass ihm dieses Kunststück in seinem Priesteramt gut zu statten kommen könnte, suchte Bo Bawan Demmeni dazu zu bewegen, sein Geheimnis zu verraten, wozu dieser sich aber nicht geneigt zeigte. Darauf erklärte Bawan sich bereit, Demmeni als Gegendienst die Methode der dajakischen Priester, um Wasser zu zaubern, anzuzeigen; doch ging er selbst später nichtmehr darauf ein.

In Krankheitsfällen holen die dājung Schlangen, Eidechsen, Würmer, Blätter, Reis oder Zigarettenhüllen aus dem Körper der Patienten hervor. Die mit dieser Prozedur verbundenen Vorschriften gelten dann für den Kranken als lāli und müssen von ihm während seines ganzen Lebens befolgt werden. Einst sah ich eine Priesterin um eine junge Frau bemüht, die abends vor Schreck ohnmächtig geworden war. Man hatte zuvor alle Mittel angewandt, um sie ins Leben zurückzurufen, doch ohne Erfolg. Darauf begann die unter den Anwesenden sitzende dājung ihre Verse aufzusagen, um ihren Geist herbeizurufen, näherte sich tanzend der Kranken, kniff sie einige Mal in die Haut und wies dann ein augenscheinlich gekautes, gerolltes Stück Bananenblatt vor, als hätte sie es aus der Patientin herausgeholt. Die Ohnmächtige bewegte sich jedoch nicht, und die Familie begann sich bereits zu beunruhigen, obgleich derartige Fälle öfters bei ihnen vorkommen. Aus Besorgnis holten sie mich aus dem Schlafe, und zu aller Verwunderung brachte etwas an die Nase gehaltene Watte mit Ammoniak bald wieder Leben in die regungslose Gestalt. Später durfte ich nicht abreisen, bevor ich den vornehmsten Personen etwas Ammoniaklösung gegen den herannahenden Tod ausgeteilt hatte.

Die Priesterschaft lässt sich ihre Dienste so gut bezahlen, dass bei langdauernder Krankheit häufig ein grosser Teil des Besitzes der Patienten in ihre Hände übergeht. Allerdings werden auch den dājung durch ihr Amt viele Opfer auferlegt. Der sie beseelende Geist macht z.B. zweimal jährlich auf ein grosses Schwein oder mindestens auf Hühner und Eier Anspruch; wird er enttäuscht, so sendet er aus Rache Krankheit oder Tod.

Das gleiche gilt für alle unter dem Schutze eines Geistes stehenden Menschen, wie Schmiede, Hirschhornschnitzer und andere Künstler; auch diese müssen sich vor einem Erzürnen ihres Geistes hüten. Bei meiner Abreise zur Küste liess einer meiner Kajan, der im Schnitzen von Schwertgriffen besonders geschickt war, dem Geiste, dem er seine Begabung zu verdanken hatte, durch seinen Vater, den alten blinden dājung Bo Jok, 2 × 8 Eier opfern.

Ein Schmied, der im betreffenden Jahr auf seinem Reisfelde keine Schmiede eröffnet und in der letzten Zeit überhaupt nur wenig gearbeitet hatte, träumte nachts, seine ganze Wohnung liege voll rohen Eisens, und bald darauf entstand auf seinem Rücken ein grösser Karbunkel, ein Beweis, dass sein Geist über die erlittene Vernachlässigung zürnte. So beeilte er sich denn, noch vor Eintritt der Genesung sein fettestes Schwein zu opfern, unter grossem Zulauf esslustiger Gäste auch von entlegenen Feldern.