Auf meinen drei Reisen in Borneo glückte es mir nur im Jahre 1894, in den Besitz einer einigermassen vollständigen Sammlung der ipu -Gifte und des dazugehörigen Herbariums zu gelangen. Bei meiner zweiten Reise 1896 waren die Bukatsöhne, die früher bei den Mendalam Kajan wohnten und mir zu der Sammlung verholfen hatten, fortgezogen und ich konnte in vier Monaten keine zweite zuverlässige Sammlung zu Stande bringen. Im Jahre 1898 erhielt ich zwar die verschiedenen Gifte und das Holz und die Blätter der ipu -Pflanzen, aber man führte mich mit den Blüten und Früchten, für die die richtige Zeit augenscheinlich noch nicht gekommen war, irre. Diese letzte Sammlung wurde von Dr. Boorsma im botanischen Institut zu Buitenzorg untersucht; die erlangten Resultate sind in “Mededeeling uit ’s Lands Plantentuin” (deel 52) veröffentlicht worden; ihnen entnehme ich auch die weiter unten angeführten Bestandteile der Pfeilgifte. Die beiden Gifte: tase̥m und tase̥m te̥lāng, werden gewonnen, indem man die gleichnamigen Bäume anzapft und den ausfliessenden Milchsaft auffängt. Der tase̥m -Baum erreicht eine bedeutende Grösse, der tase̥m te̥lang dagegen wird nicht über 1 dm dick.
Der Milchsaft wird mit dem wässerigen Auszug aus dem geriebenen Bast einer Liane, aka kia, vermengt. Die Mischung wird in einem alten eisernen Topf, der für andere Zwecke nicht mehr gebraucht wird, bis zu Sirupdicke eingedampft; die Masse erhärtet beim Abkühlen. Das Gift wird vor dem Gebrauch fein gerieben und mit den Blättern von gambir utan (Euphorbiacee) gemengt, ein Verfahren, für welches besondere, oft schön verzierte Brettchen (Fig. q) und Reib stöcke ( ligan, Fig. r) verwendet werden.
Die tase̥m -Gifte werden auf weite Expeditionen in viereckigen Körbchen aus Palmblattscheiden ( takong, Fig. s) mitgeführt und vor dem Gebrauch in der Nähe des Feuers aufgehängt, um sie zäh-flüssig werden zu lassen.
Eine Analyse des Pfeilgiftes, das einen zähen, schwarzen Extrakt mit intensiv bitterem Geschmack liefert, stellte folgende Bestandteile fest: Antiarin, das giftige Glycosid, das im Saft von Antiaris toxicaria Lesch. enthalten ist; die zwei Alkaloide: Strychnin und Brucin; Upaïn, das durch Wefers Bettink aus dem Milchsaft von Antiaris gewonnen wurde, und Antiaretin, das von Mulder und Lewin als Bestandteil des antjar -Milchsaftes angegeben wurde; ferner eine schwach giftige pflanzliche Säure, die ein Aufschäumen verursacht. Derrid, das hauptsächlich in den aus Malakka stammenden Pfeilgiften enthalten ist, fehlte.
Die giftige Wirkung der tase̥m -Gifte muss somit den in Antiaris vorkommenden Stoffen und den Strychnos-Alkaloiden zugeschrieben werden; der hohe Antiaringehalt spielt hierbei zweifellos die Hauptrolle.
Auf Grund der in den tase̥m anwesenden aufschäumenden Säure nimmt Dr. Boorsma an, dass nicht nur der Milchsaft, sondern wahrscheinlich auch ein Auszug aus dem Bast des tase̥m -Baumes (höchst wahrscheinlich Antiaris toxicaria) bei der Zubereitung verwendet werden. Das in viel geringerer Menge vorkommende Strychnin und Brucin liess sich in kleinen Quantitäten auch in den Holz- und Bastteilen der Liane aka kia nachweisen; diese gehört, wie auch eine mikroskopische Untersuchung feststellte, zu den Strychnosarten.
Was die ipu -Gifte betrifft, so bildet:
ipu tana eine teils zähe, teils brüchige, dunkelbraune Masse;
ipu kajo̱ einen weichen, schwarzen Extrakt;
ipu aka eine zähe, braune, von aussen schwarze und bröckelnde, teilweise auch steinharte Masse;