Es war nämlich Zeit, dass wir Vorbereitungen für eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes trafen. Diese Aufnahme sollte sich an diejenige anschliessen, welche das topographische Institut in Batavia im Auftrage der Regierung in den Jahren 1885–1896 von dem Flussgebiet des Kapuas hatte ausführen lassen.
Der Topograph Werbata hatte damals den Weg über die Wasserscheide bis Pĕnanéh aufgenommen, hatte aber seine Absicht, von hier aus den Mahakam zu erreichen, aufgeben müssen.
Da wir nun nicht, wie es anfänglich unser Plan gewesen, den Weg über Pĕnanéh einschlugen, sondern längs des nur oberflächlich aus der Ferne von ihm aufgenommenen Bĕtjai zogen, mussten wir versuchen, auf der Wasserscheide einen Punkt zu fixieren, indem wir von dort aus mit dem Theodoliten die Azimute einiger hoher, bekannter Berge bestimmten. War der Fixpunkt gefunden, so konnte von ihm aus, mit Hilfe von Theodolit und Massstab, das ganze Mahakamgebiet aufgenommen werden.
Unser Topograph Bier hatte aber bis jetzt nur in Sumatra gearbeitet und auch meine Reisegenossen hatten bis jetzt nichts von dem Lande gesehen, weil wir von Nanga Era an in der Tiefe eines schmalen, von den bis 600 m hohen, steilen Abhängen des Kapuas-Kettengebirges begrenzten Tales gefahren waren.
Um uns von dem, was die Wasserscheide am Howong nördlich des Berges Lĕkudjang an Aussicht liefern konnte, eine Vorstellung zu machen, mussten wir eine Bergspitze besteigen und den Wald dort niederschlagen.
Etwas weiter oberhalb unseres Lagerplatzes am Bulit, bei dem pangkalan Mahakam, führte auf den Gipfel des Liang Tibab ein Pfad, den der Topograph Werbata hatte durchhauen lassen, um von diesem Berge aus seine Beobachtungen anzustellen; er hatte daher auch auf dem Gipfel den Wald fällen lassen. Ich hatte den Liang Tibab bereits im Jahre 1894 mit Professor Molengraaff bestiegen, um von hier aus einen Überblick über das durchreiste Gebiet und das Kapuas-Kettengebirge nördlich des Bungan zu erhalten. Zwei Jahre später hatte ich mit Demmeni dort einige photographische Aufnahmen gemacht.
Auch der Kontrolleur Barth wollte das interessante Panorama des Liang Tibab sehen, und so machte er sich denn am 14. September bei herrlichem Wetter mit uns auf den Weg. Ein Bungan Dajak führte uns durch den Wald bis an den Fuss des Berges, von wo aus wir nach einer kleinen Kletterei bald auf den bekannten Pfad gelangten. Dieser war inzwischen so stark mit jungen Bäumen und Sträuchen bewachsen, dass man ihn kaum wieder erkennen konnte. Der Pfad war übrigens leicht zu verfolgen, denn er führte bereits auf 100 m Höhe über einen längs dem Bulit verlaufenden Kamm. Ein Verirren war nicht möglich, da der Bergrücken nur wenige Meter breit war; eher riskierte man einen Absturz von seinen sehr steilen Wänden. Glücklicher Weise verhinderte die dichte Vegetation ein Schwindeligwerden und ermöglichte zugleich auch den Gebrauch der Hände beim Klettern. Der ganze Weg bestand aus Lehmboden und war durch die vielen Regengüsse sehr schlüpfrig geworden.
Ich habe mich immer wieder darüber gewundert, dass so scharfe, steil abfallende Rücken, die ganz aus Lehm und sehr verwittertem Gestein bestehen, den vielen Sturzregen im Gebirgsland von Borneo Widerstand zu leisten vermögen. Eine der Hauptursachen hierfür ist zweifellos in der dichten Waldbedeckung zu suchen, da die tief eindringenden Wurzeln die kleinen Erdteilchen vor Wegspülung und Absturz beschützen und das dicke Blätterdach die Kraft der niederfallenden Regen bricht.
Trotzdem die Bäume und Sträucher uns den Marsch erleichterten, dauerte es doch beinahe zwei Stunden, bis ich mit Bier den Punkt erreichte, von dem aus der Topograph Werbata seine Beobachtungen angestellt hatte. Der Rücken war hier nur 1 m breit, bestand aus ganz losem, nur durch Wurzeln zusammengehaltenem Gestein und gestattete längs seiner im Winkel von fast 60° ansteigenden Seitenwände hinunterzuschauen. Um Aussicht zu gewinnen, mussten wir erst die seit dem letzten Besuch auf dem Gipfel aufgeschossenen Sträucher forträumen lassen und begannen unterdessen unsere verschiedenen Höhenbarometer nach dieser bekannten Höhe zu regulieren. Von den beiden Aneroïden schien der eine auf der Reise gelitten zu haben, wenigstens wich er stark von dein Hypsometer ab, mit dem er, wie auch der andere, noch in Putus Sibau gut übereingestimmt hatte. Die beiden anderen Barometer gaben, mit Berücksichtigung der Temperatur, die Höhe von 740 m richtig an.
Kaum hatten wir unsere Arbeit beendet, als auch der Kontrolleur mit seinen Begleitern eintraf. Der steile und mühevolle Pfad hatte ihn bis zum Erbrechen angestrengt, aber doch hatte er seinen Zug nicht aufgeben wollen. Das prachtvolle Panorama des Kapuasgebirges, das sich weithin ausdehnte, entschädigte ihn übrigens reichlich für die ausgestandenen Strapazen.