Ein Träger nach dem anderen verschwand auf dem ausgetretenen Pfade im Walde, und nun wurde es auch für uns Zeit, an den Aufbruch zu denken. Demmeni war mit Bier bereits vorausgegangen, um den Weg langsam zurücklegen zu können; wir hatten bis zuletzt gewartet, um uns davon zu überzeugen, dass nichts im Lager zurückgelassen wurde.
Der Weg bis zum Bungan war nur 5 km lang und nicht steil und wurde daher ohne Schwierigkeiten zurückgelegt. Von Bergen und Gestein sahen wir, bis wir an das Ufer des Bungan gelangten, nichts. Hier fand ich alle vereinigt. Der 60 m breite Fluss war seit dem vorigen Tage stark angewachsen und man fürchtete, dass das Rotangkabel, das früher beim Durchqueren des Flusses als Stütze gedient hatte, die schwer beladenen Träger jetzt nicht würde halten können. Daher waren bereits einige Männer in den Wald gegangen, um neuen Rotang zur Verstärkung zu suchen; gleichzeitig befestigte man das eine Ende des Kabels doppelt stark an den kräftigen Wurzeln der Uferbäume und sandte einen unbeladenen jungen Mann an die andere Uferseite, um dort das Gleiche vorzunehmen.
Einer nach dem anderen stieg darauf vorsichtig längs der steinigen Uferwand zum Flussbett hinab, das gänzlich aus glatten, rundgeschliffenen Felsblöcken von ¼ bis zu 1 m Durchmesser bestand.
Bereits bei stillstehendem Wasser musste das Gehen auf ihnen beschwerlich sein. Jetzt wateten die Träger bis zur Brust in dem brausenden Strom, erreichten aber doch, mit der einen Hand auf den Speer gestützt, mit der anderen das Rotangseil festhaltend, wohlbehalten das andere Ufer. Da nie mehr als zwei bis drei Träger gleichzeitig sich am Seil festhalten durften, dauerte der Übergang sehr lange, hatte aber den Vorteil, dass keiner der Männer fiel und unser Gepäck auch nicht nass wurde. Demmeni, für den ein kaltes Bad durchaus nicht wünschenswert war, nahm der kräftige Jung sogleich bereitwilligst auf den Rücken und brachte ihn glücklich, nur mit nassen Füssen, an das andere Ufer. Jetzt kam die Reihe an uns andere Europäer. Ich übergab meinen Revolver und mein Gewehr einem Kajan und begann dann mutig den Kampf mit dem Wasser. Kaum war ich 20 m vom Ufer entfernt, als ich mich mit Erstaunen fragte, wie die Kajan in diesem Chaos runder Blöcke unter Wasser einen Stützpunkt für ihre Füsse hatten finden können. Augenscheinlich boten meine Kleider der heftigen Strömung besonders viele Angriffspunkte, denn ich musste mich mit beiden Händen am Rotang festklammern, um Stand zu halten. Sehr bedächtig suchte ich für jeden Fuss einen Stützpunkt und war bisweilen froh, wenn sich der Fuss zwischen zwei Steinen festklemmte, obwohl ich ihn beim nächsten Schritt oft nur mit Mühe wieder befreien konnte. Vorsichtshalber gingen ein Kajan vor und einer hinter mir, ich kam aber doch noch ohne ihre Hilfe hinüber. Drüben tröstete ich mich an dem Anblick, den Barth und Bier bei ihrem Durchzug boten.
Nachdem alles heil herübergebracht worden, konnten wir endlich weiter ziehen, waren aber doch froh, als wir nach einer Stunde eine Gruppe Hütten erreichten, in welchen unsere Leute früher übernachtet hatten. Ich beschloss, es für den ersten Tag genug sein zu lassen und sah mit Vergnügen, dass Demmeni sich gut gehalten und auch kein Fieber bekommen hatte.
Am folgenden Morgen wollte ich mit Bier und den notwendigsten Trägern vorausgehen, um noch den Lagerplatz mit unserem Gepäck an der Wasserscheide zu erreichen; die Kajan meinten jedoch, dies sei unmöglich. Erst regnete es und, als es etwas trockener wurde, schienen nur wenige Lust zu einem Eilmarsch zu verspüren. Ich hatte aber Jung als Oberhaupt der Träger und als Führer gewählt und mit seiner Hilfe brachte ich die Leute in Bewegung. So machte ich mich denn mit Bier, 4 Malaien, unter denen auch mein Diener Midan war, und 6 Kajan auf den Weg.
Auf einem abscheulichen Pfade begegneten wir einigen unserer Träger, die sich auf eigene Hand aufgemacht hatten. Sie gaben uns eine Vorstellung davon, auf welche Weise schwer beladene Eingeborene Wegstellen überwinden, die dem Europäer, auch unbelastet, der Schwierigkeiten genug bieten. Vor unserer letzten Lagerstätte hatte der Weg über einen Bergrücken geführt und war nicht besonders mühsam gewesen, jetzt aber lief er einen steilen Abhang aufwärts, mit dem sich ein Bergrücken, den wir seiner Höhe wegen nicht überschreiten konnten, zum Bungantal hin abdachte. Wäre der Abhang nicht bewachsen gewesen, wodurch der Ausblick auf den brausenden Strom in der Tiefe verdeckt wurde und man unwillkürlich ein Gefühl der Sicherheit erhielt, so hätten wir dem Pfade nicht folgen können. Man musste ständig auf und nieder klettern, unter überhängenden Felsen hindurch, um abgestürzte Baumstämme herum kriechen und hatte über dem gähnenden Abgrund nie mehr als ein paar Fuss Raum zur Verfügung. Auf derartigen Pfaden kommen den Eingeborenen ihre beweglichen, kräftigen Zehen, mit denen sie sich in dem weichen Boden festklammern, und ihr geschmeidiger Körper zu Gute. Sie legten auch nur bei solchen Spalten ihre Last ab, die entschieden zu schmal waren, um mitsamt der Packung hindurchzuschlüpfen. Nach kurzer Zeit sahen wir sämmtliche Träger hinter uns und hatten jetzt nur selbst darauf bedacht zu sein, uns durchzuschlagen. Den ganzen Morgen über behielt der Weg den gleichen Charakter und erst an der Mündung des Léja veränderte sich das Bild.
Hier lagen die verlassenen Hütten der Bungan Dajak unterhalb eines prachtvollen Wasserfalles, über den sie als Brücke einen Baumriesen hatten fallen lassen. Die zwei Felsen, die den Fall senkrecht zu beiden Seiten einschlossen, waren 25 m von einander entfernt und obwohl der hellgraue, glatte Stamm gewiss 40 in über dem brausenden Wasser lag, hatte man es für überflüssig gehalten, den Stamm mit einem Geländer zu versehen.
Die verlassenen Hütten machten die Wildheit und Einsamkeit der Umgebung doppelt fühlbar, und so eilten wir nach kurzer Rast von hier fort, den neuen Reisfeldern der Bungan zu, die nach Jung nicht mehr weit entfernt waren und uns eine freie Fläche bieten sollten.
Die Steilheit der Bergwand nahm allmählich ab und der Pfad längs dem Fluss wurde gangbarer. Wir passierten noch einen der mächtigen Wasserfälle, von denen wir bereits fünf an diesem Morgen begegnet waren, und dann lag plötzlich an der Mündung des Léja eine fast ebene Fläche vor uns, auf welcher die Bungan den Wald gefällt und Reisfelder angelegt hatten.