Als ich im Jahre 1896 zum ersten Mal die Mündung des Blu-u erreichte, hatte Kwing Irang, der damals weiter oben am Fluss wohnte, ein malaiisches Haus zu meinem Empfange in Stand setzen lassen. Ich verbrachte die Nacht vor unserer Begegnung in unruhiger Erwartung, wusste ich doch aus den Berichten der anderen Stämme, dass das weitere Schicksal unserer Expedition von der Entscheidung des grossen Häuptlings des Mahakamgebietes abhing. Kwing Irang, der abends zuvor, nachdem wir uns bereits zur Ruhe begeben hatten, eingetroffen war, schien ebenfalls auf unsere Begegnung gespannt zu sein; wenigstens war ich noch nicht angekleidet, als er melden liess, dass er mich begrüssen wolle. Sogleich wurden zwei Klappstühlchen einander gegenübergestellt und bald darauf sah ich an dem nebenstehenden Hause eine Reihe Männer hinab- und an unserer Baumtreppe wieder hinaufsteigen. Der erste, dessen Haupt über dem Boden erschien, trug eine schwarze Mütze mit breitem Goldrande, unter der ein ältliches, mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen, gerader Nase und kleinen Augen mit ruhigem, festem Blick zum Vorschein kam. Dem goldenen Abzeichen nach, das nur er trug, musste der Mann Kwing Irang sein, auch bestätigte mir die Sicherheit seines Auftretens im Gegensatz zu der Steifheit seines Gefolges, dass der grosse Häuptling in der Tat vor mir stand. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, reichte ihm die Hand und forderte ihn auf, sich mir gegenüber auf Demmenis Stuhl zu setzen, was dein verschlossenen Eingeborenen einen Ausruf der Verwunderung entlockte. Augenscheinlich war ihm so etwas bei seinen Zusammenkünften mit dem Sultan von Kutei und dem Radja von Sĕrawak noch nicht vorgekommen, denn die Behandlung eines Stuhles war ihm so neu, dass er im Augenblick, wo er sich setzen wollte, umgefallen wäre, wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Der Unfall brachte ihn aber durchaus nicht aus der Fassung. Einige Minuten lang sassen wir einander schweigend gegenüber und lernten uns mit den Augen kennen. Was mich betraf, so war ich mit dem empfangenen Eindruck zufrieden und, wie er mir später gestand, ging es ihm ebenso.
Kwing Irangs Körper zeigte noch deutlichere Spuren des Alters als sein Gesicht; er schien ein Mann von 55 Jahren zu sein, mit feinem Körperbau, kräftigen Muskeln und geringer Neigung zur Wohlbeleibtheit. Seine Kleidung zeugte von Sorgfalt; ein Tuch aus blauem Kattun bedeckte in zahlreichen Windungen die Lenden und ein Schwert mit schönem Horngriff hing ihm an einem Rotanggürtel zur Seite. An Schmucksachen trug er nur einige Halsketten und silberne Ringe von cm Durchmesser, die an seinen weit ausgereckten Ohrläppchen hingen und unter den offen herabfallenden Haaren hervorkamen. Von einer Tätowierung bemerkte ich keine Spur.
Das freie Auftreten, die sichere Haltung und der gutmütige Gesichtsausdruck Kwing Irangs flössten mir sogleich Vertrauen und die Hoffnung ein, dass wir einander verstehen würden. Die Vorteile, mit den Niederländern auf gutem Fuss zu stehen, leuchteten dem klugen Manne ein und so verständigten wir uns bald über meine weiteren Pläne. Nachdem der sachliche Teil erledigt war, begannen wir eine lebhafte Unterhaltung über allerhand Dinge. Ich zeigte dem Häuptling Bilder und Gewehre, von denen ihn besonders letztere interessierten. Über unserer ersten Begegnung schien ein besonderer Glückstern zu walten. Während ich nämlich Kwing Irang die Einrichtung eines Winchester Repetiergewehres sehen liess, ging plötzlich ein Schuss los, der keinen geringen Schrecken verursachte. Aber glücklicher Weise schlug die Kugel nur ein Loch in das Dach und, da keiner verletzt war, blieben alle auf ihren Plätzen. Ich hatte wiederum Gelegenheit, die grosse Besonnenheit meines neuen Freundes zu bewundern, der die beruhigenden Worte seines Geleites kaum nötig hatte. Ein rechtes Gespräch wollte jedoch nicht mehr in Gang kommen und so verabschiedeten sich unsere Besucher bald darauf.
Kwing Irang ist vor zwei Jahren, bald nachdem ich Borneo verlassen hatte, gestorben.
Der Tod dieses klugen, friedliebenden Mannes, der mit weitem Blick im Interesse seiner Untertanen auch mit ihm fremden Völkern Beziehungen anzuknüpfen sich nicht scheute, bedeutet für das Mahakamgebiet einen grossen Verlust.
Die Mahakam Kajan waren zwar gern bereit, unser Gepäck bis zum Mahakam zu tragen, sahen es aber als Aufgabe ihrer Mendalam Verwandten an, alles Gut, das sich noch beim Kontrolleur befand, bis zu Amun Lirung zu befördern. Die Mendalam Träger waren jedoch nach ihrer Ankunft im Pnihinghause nicht mehr dazu zu bewegen, auch noch den Rest der Sachen abzuholen, was ich ihnen in Anbetracht ihrer hungerigen Mägen nicht verdenken konnte. Gegen hohen Preis gelang es mir, unseren Ma-Suling Trägern noch etwas Reis zu verschaffen und den Kajan teilte ich mit, dass sie unterwegs Tigang mit einem Vorrat Bataten begegnen würden. Diese Aussicht erschien so verlockend, dass sie fast alle wieder auf die Beine brachte. Abends kehrten sie mit dem Kontrolleur und Demmeni, die sich beide wohl befanden, zu uns zurück. Demmeni Wurde als alter Bekannter von den Mahakam Kajan freudig begrüsst; dem fremden Kontrolleur gegenüber trat aber die, ihnen eigene ängstliche Zurückhaltung wieder zu Tage.
Zwei aus verflochtenen und verwachsenen Lianen entstandene Bäume.
Zwei aus verflochtenen und verwachsenen Lianen entstandene Bäume.
Gegen Abend kam Kaharon, um mit mir über die Lohnfrage zu beraten; er forderte für den Transport des Gepäckes an den Mahakam nicht weniger als 2.50 fl täglich für den Träger. Für alle Anstrengungen und Entbehrungen, welche die Leute diesmal auszustehen hatten, war der Preis nicht zu hoch, aber als Taggeld für später hätte die Erteilung eines solchen Lohnes Schwierigkeiten verursacht, besonders da den Pnihing Geld viel weniger bedeutete als Tauschartikel. Im Laufe des Gespräches merkte ich, dass Kaharon die Lohnfrage nur berührt hatte, um zu erfahren, ob ich die geleistete Hilfe überhaupt bezahlen wollte. Ich beeilte mich natürlich, ihm zu erklären, dass ich jeden, der mir zu Hilfe gekommen war, belohnen wollte.
Anderen Tages kam Tigang von seiner Forschungsreise nach Nahrungsmitteln zurück; seine Bataten war er unterwegs leider grösstenteils an seine hungerigen Dorfgenossen los geworden, er brachte aber noch einen Packen Reis und eine gute Menge bulung obe̱ ( = Mehl von Bataten) mit. Die Pnihing verstehen dieses Mehl ausgezeichnet zu bereiten, indem sie die Bataten in feine Scheiben schneiden, sie in der Sonne trocknen lassen und dann fein zerstampfen. Jedem Manne liess ich von dem Batatenmehl eine Portion zuteilen, und da auch unsere Wirtin noch von ihren bescheidenen Vorräten nach Kräften beisteuerte, genossen unsere wackeren Träger nach langer Zeit die erste gute Mahlzeit.