Am oberen Mahakam nennt man den Regenbogen “Bang Ka-āngs Lendentuch” (= bă Bang Ka-āng).
Während die Kajan unsere Böte an Land zogen und an den Bäumen festbanden, damit sie bei plötzlich eintretendem Hochwasser nicht fortgeführt wurden, hielten wir mit Kwing Irang auf dem Batu Plöm sitzend einen kleinen Kriegsrat. Da ich wusste, mit welcher inneren Angst der Häuptling die Besteigung unternahm, hatte ich mir vorgenommen, auf alle seine Pläne einzugehen. Kwing schlug vor, dass wir erst bis zur senkrechten Felswand hinaufsteigen und dass meine Malaien und seine Kajan dann Leitern und Stützen an den schwierigsten Stellen anbringen sollten; gegen Abend wollte er dann zuerst den Gipfel ersteigen und dort ein kleines Schwein, ein Huhn und einige Eier opfern, um die über unser Eindringen in ihr Gebiet erzürnten Geister zu besänftigen. Ich hatte gegen diesen, auf kajanischen Aberglauben begründeten Plan nichts einzuwenden und so kletterten wir denn längs des Grates, bei einer durchschnittlichen Steigung von 43°, bis zu der lotrechten Felswand hinauf und gingen links um sie herum bis zu der Stelle, wo der früher von mir benützte Bergrücken die Wand erreichte. Hier fanden wir einen Platz, auf dem der Häuptling mit der Hälfte seiner Leute einige Zelte aufstellen konnte, während die andere Hälfte einen Weg nach oben für uns herrichtete. Gegen Abend war dieser fertig und Kwing Irang begann seinen Aufstieg. Nach dem Bericht der Malaien wurde ihm zuletzt so angst und bange, dass sie ihn nur mit Mühe dazu brachten, den Gipfel völlig zu erklimmen. Nachdem er den Geistern sein Opfer dargebracht hatte, beeilte er sich mit dem Abstieg und war sehr froh, nachts mit heiler Haut wieder bei uns im Zelte sitzen zu können. Die Nacht war regnerisch und stürmisch gewesen, trotzdem machten Bier und ich uns schon in der Morgendämmerung auf den Gipfel auf. Wegen der Leitern war die Besteigung diesmal viel müheloser als früher; innerhalb einer halben Stunde hatten wir die 150 m zurückgelegt.
Auf dem Gipfel erwartete uns eine wunderbare Aussicht. Die Wolken, die nachts die Landschaft am oberen Mahakam bedecken, lagen jetzt unter uns und die Sonne schien herrlich auf die schneeweisse Fläche herab; nach der feuchtkalten Atmosphäre in den Wäldern am Bergabhang berührte uns die hier oben herrschende Wärme aufs angenehmste. Der Himmel war wolkenlos. Wir wurden nicht müde, unsere Blicke über das weite, strahlend weisse Nebelmeer schweifen zu lassen, aus dem einzelne hohe, dunkle Bergspitzen, unbekannt und geheimnisvoll, hervorragten. Noch nie war es uns geglückt, eine so unbeschränkte Aussicht über Mittel-Borneo zu geniessen.
Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten, sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie sehr gross sein musste. Über der Wasserscheide kam der Terata und hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog sich längs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rücken waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch noch weiter östlich, was wir vom Lĕkudjang aus nicht hatten sehen können. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordöstlichen Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen.
Auch nach Süd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse, während genau nach Süden der Batu Lĕsong mit seinen leicht gewellten Gipfel den Gesichtskreis abschloss.
Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt, sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Für jemand, der die Bahau nicht näher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nächste Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre früheren Wohnplätze in ihren Überlieferungen eine grosse Rolle spielen, wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tĕpai u.s.w. Nur die Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid, aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zügen passiert haben.
Wir weilten bereits längere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der Oberfläche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett tauchte und die Dämpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmässige, weisse Fläche ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle niederen Gipfel. Bier hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum Vorschein kam. Midan brachte uns das ersehnte Frühstück, das er einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen einige Augenblicke der Ruhe. In nordöstlicher Richtung musste viel Gestrüpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gänzlich nackt d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus Furcht die Geister zu erzürnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre Schwerter zum Umhacken der Sträucher zu gebrauchen, so dass meine Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Später entschlossen sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit für die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Sträucher bestanden aus ganz anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blüte befanden, lieferten sie für das Herbarium einen schönen Fund. Auch die Sammlung lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blättern und schöne, grossblütige Rhododendren hingen von den Wänden herab. Es dauerte jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten, weil die Wände bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten Gipfel stets senkrecht blieben.
Nach dem Frühstück fand ich, zwischen dem Gestrüpp unterhalb des Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrührten. Es musste also noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns gewählten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70° besass, die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte.
Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter anderen auch der Höhenzug, der sich von Ost nach West nördlich vom Batu Mili hinzieht und im Ong Dia am Mĕrasè seinen Abschluss findet. Nach dieser Seite zu fällt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt.
Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehüllt und konnten uns von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte Bier, um an einem Tage die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit nötig. Für mich war der Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte sich, dass die Nebenflüsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange, leicht gewellte Rücken des Batu Lĕsong fällt, ausser an den Stellen, wo sich seine Querrücken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzüglichen Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsüber bei verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden, hatten von dort aus unmöglich den Gipfel besteigen können. Nach dem Bericht der Leute, führte vom Flusstal des oberen Tjĕhan aus zwar ein Pass über den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen, weil das Gebirge gerade dort zu einer Höhe von 1800 Metern ansteigt; als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein aus ein langer Querrücken zwischen dem Danum Parei und Dini zum Mahakam herunterläuft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen Einschnitte in diesem Rücken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele führen. Von dem rechten Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei führen und von dort aus musste der Querrücken zu erklimmen sein. Da ich keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten, beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege die Besteigung des Batu Lĕsong später vorzunehmen.