Selten vergingen einige Tage, ohne dass ich Besuch bekam, und jetzt waren es nicht nur, wie in früherer Zeit, erwachsene Männer und einzelne Frauen, die sich aus dem Mendalamgebiet herauswagten, sondern es kamen auch viele Knaben und Mädchen und sahen sich zum ersten Mal in ihrem Leben Putus Sibau mit seinen vielen Malaien, Chinesen und seinem Markt an. Auch viele 18–20 jährige Frauen erklärten, noch nie hier gewesen zu sein; zum Übernachten konnten sie sich aber nicht entschliessen, sie sorgten vielmehr alle, vor Einbruch der Nacht aus dieser fremden Umgebung wieder fortzukommen.
Besonders meine Freundin Usun, die älteste und oberste Priesterin von Tandjong Karang, benützte jede Gelegenheit, um nach Putus Sibau zu kommen, und es zeigte sich, dass aufrichtiges Interesse sie dazu trieb. Bereits bei meinen Besuchen 1894 und 1896 hatte sie mir allerhand, nach ihren Begriffen schöne Geschenke gemacht, auch war sie die einzige Frau ihres Stammes gewesen, die es gewagt hatte, sich photographieren zu lassen. Auch jetzt wieder gab sie uns einen starken Beweis ihres Vertrauens, indem sie einmal mit einer Gesellschaft vom Mendalam ankam, mehrere Tage allein bei uns blieb und erst mit einer zweiten Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. Usun äusserte oft ihre Besorgnis aller Gefahren wegen, die uns auf den weiten Reisen bedrohten, besonders beunruhigte sie mein Plan, in das ferne Gebiet des Apu Kajan, das Stammland ihrer Vorfahren, einzudringen, ein Land, das in ihrer priesterlichen Wissenschaft einen mythischen Charakter angenommen hatte und von dem sie wusste, dass es von den so gefürchteten Kĕnjastämmen bewohnt wurde.
Wenige Tage vor unserer Abreise kam Usun mit einigen Männern und Frauen von Tandjong Karang zu uns herunter und bat um die Erlaubnis, bis zu unserer Abfahrt bei uns bleiben zu dürfen. Zugleich gab sie zu verstehen, dass sie, da es nun doch zum Scheiden kam, beschlossen hatte, ihren kostbarsten, oder besser gesagt, ihren heiligsten Besitz zwischen ihrem Enkel und mir zu teilen, damit diese geweihten Gegenstände mich vor allen Gefahren, denen ich entgegen ging, beschützten. Sie übergab mir ein sehr altes Schwert, das, nach der Aussage meiner 70 jährigen Freundin, bereits in ihrer Jugend sehr alt gewesen war, ferner Kieselsteine von aussergewöhnlicher Form in einem kleinen Säckchen und ein steinernes Fläschchen mit etwas Kokosnussöl. In diesen ernsten Abschiedstagen wurde Usun gestattet, ihre Schlafmatte in der kleinen Kammer auszubreiten, in welcher der Kontrolleur Barth auf einer Seite und ich auf der anderen unsere Moskitonetze aufgehängt hatten. Beim Erwachen am anderen Morgen sah ich, dass Usun bereits alle ihre Vorbereitungen getroffen hatte
Usun, Oberpriesterin in Tandjong Karang.
Usun, Oberpriesterin in Tandjong Karang.
an der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lagen auf einer kleinen Matte neben einander die für mich bestimmten Schätze, ausserdem das Geldstück und die Perlen, die ich ihr als usút gegeben hatte, d.h. damit diese Dinge in gleicher Weise in ihre Hände übergehen könnten, wie ihre Talismane in die meinen und der Geist, der in letzteren steckte, nicht erzürnt würde. Darauf sprach sie, vor der Matte hockend, die Geister an, die in den Gegenständen hausten und trug ihnen auf, mich gegen alle Angriffe böser Geister zu schützen, mich vor Anstrengungen sowie vor einem Fall in den Bergen oder Tälern zu behüten und zu verhindern, dass meine Seele sich von mir entfernte. Weiter berichtete sie den Geistern der geweihten Gegenstände, dass ich die Absicht habe, sie zum Mahakam und weiter bis zum Apu Kajan zu bringen. Auch erzählte sie ihnen, dass ich ihr das Geldstück und die Perlen gegeben, damit sie an Stelle der alten Gegenstände in ihren Händen zurückblieben.
Ich schenkte Usun zuletzt noch, da meine Vorräte es zu erlauben schienen, einen Satz schöner Armbänder aus Elfenbein. Bis zum letzten Augenblick blieb Usun bei uns und, während ich des Morgens mit dem Verteilen von Menschen und Gütern in die Böte viel zu tun hatte, strengte sie sich an, mir mit ihren alten Beinen wie mein Schatten zu folgen und hörte nicht auf, mir unter heissen Tränen Segenswünsche auf die Reise mitzugeben.
Mit Akam Igau hatte ich abgemacht, dass er seine Leute dazu bringen sollte, gleich nach der Rückkehr der vorausgeschickten Gesandtschaften die wahrsagenden Vögel zu befragen. Am 24. Juli kehrten die Gesandtschaften endlich gemeinsam zurück; ihre Reisen waren ohne Unfall verlaufen, nur hatten sie, wegen des sehr hohen Wasserstandes, lange gedauert; auch war es ihnen nicht geglückt, den Bulit aufwärts bis zum Landweg zu gelangen; sie hatten aber den Reis an der Mündung des Bulit unter dem Schutze von Korporal Suka und zwei anderen zurückgelassen.
Den folgenden Tag kam Tigang Aging aus Tandjong Kuda mit dem Bericht, dass in seinem Dorf für sechs Tage “ me̥lo njaho ” ein “Stillsitzen wegen der Vorzeichen” angesagt war, weil man ein Reh über ein eben bearbeitetes Feld hatte laufen sehen (ein böses Omen) und dass man erst nach dieser Ruhezeit, unter Anführung des Ma-Suling namens Obet Lata, zur Beobachtung der Vorzeichen aufbrechen würde.
Nach Ablauf dieser sechs Tage kam Tigang Aging abermals nach Putus Sibau, diesmal mit dem Vorschlag, wiederum einen Teil unseres Gepäckes unter Aufsicht der zwei alten Häuptlinge Sĕniang und Akam Lasa, je mit zehn Mann; vorauszuschicken. Diese Leute waren nämlich nicht im stande, den Zug mitzumachen, wollten aber, wie es schien, auch noch etwas verdienen. Nachdem ich diesem Vorschlage in der Überlegung zugestimmt hatte, dass wir dadurch später um so schneller flussaufwärts fahren konnten und ich, um nur endlich fortzukommen, möglichst viel Freunde gewinnen musste, verpflichtete sich wiederum Tigang, den Obet Lata bereits am folgenden Tage auf die Vogelschau auszusenden. Auf diese Weise suchte sich Tigang als Herrn der Mendalambewohner aufzuspielen, obwohl er sehr gut wusste, dass Akam Igau von mir als Führer angesehen wurde. Mein Hauptziel war jedoch die Abreise, der ich mit Ungeduld entgegensah, da die Trockenzeit bereits zwei Monate gedauert hatte und jeder Tag uns Regen und ungünstig hohen Wasserstand bringen konnte; daher fand ich alles gut, was uns einen Schritt weiter brachte. Es verging aber ein Tag nach dem andern, ohne dass wir etwas anderes hörten, als dass die Vögel noch immer nicht alle erforderlichen Zeichen gegeben hatten, bis endlich am 16. August Akam Igau seinen Sohn Adjang abholte, um gemeinschaftlich mit den übrigen Teilnehmern an der Expedition ein me̥lo njaho zu feiern, da die Vögel jetzt genügende Auskunft gegeben hatten. Zwei Tage darauf sollte die ganze Gesellschaft bei uns eintreffen.