Noch ein anderer Umstand zwang die Häuptlinge, Long Dĕho bald zu verlassen, nämlich das nahende Ende Bo Adjāng Lĕdjüs. Es war mir zwar gelungen, den alten Mann vom Fieber zu befreien, aber Schlaf und Appetit wollten nicht zurückkehren, und besonders die letzten Tage hatte der Kranke sich kaum von der Matratze erheben können. Mit der Verschlimmerung seines Zustandes war auch das Interesse der Seinen für ihn gestiegen und der Zulauf an Besuchern so gross geworden, dass die Familie einen Einsturz des Hauses zu fürchten anfing. Zu dieser Befürchtung war in der Tat aller Grund vorhanden, denn die Häuser in Long Dĕho waren, wie schon gesagt, viel schlechter gebaut als die oberhalb der Wasserfälle und Reparaturen wurden nicht vorgenommen. Die Angehörigen des Kranken baten Kwing Irang, mit seinen Kajan aus dem Walde hinter dem Dorfe einige Balken herbeizuschaffen, um sie als Stütze unter den Fussboden zu stellen und schräg gegen die schon vorhandenen zu befestigen.

In der Nacht des 13. April wurde ich plötzlich durch lautes Rufen und Laufen in Bo Adjāngs amin geweckt. Der Kranke war ohnmächtig geworden, trotzdem seine Töchter und Frauen ihn seit Tagen ständig anriefen und schüttelten, aus Angst, dass er in Schlaf verfallen und nicht wieder erwachen möchte. Das Ende des alten Mannes wurde durch eine derartige Behandlung natürlich nur beschleunigt. In den letzten Tagen hatte ich immer wieder vergeblich auf Ruhe beim Kranken gedrungen, nur wagte ich nicht, in Anbetracht, dass er augenscheinlich doch sterben musste, allzu energisch aufzutreten, da man mir sonst seinen Tod zugeschrieben hätte. Je mehr sich sein Zustand verschlimmerte, desto mehr wurde der Unglückliche durch Schreien und Schütteln am Schlafen verhindert. Helfen konnte ich nicht, so zog ich mich denn, als die Familie die Absicht äusserte, im letzten Augenblick nochmals die Hilfe einer Priesterin anzurufen, als Arzt ganz zurück und besuchte den Kranken nur noch ab und zu aus Teilnahme.

Nachts kam Bo Adjāng wieder zu sich, aber am folgenden Mittag trat eine neue Ohnmacht ein, worauf seine Angehörigen wieder stark auf die Gonge zu schlagen ( buka ), zu rufen und zu laufen anfingen. Nachdem das Bewusstsein des Kranken wiederum halb zurückgekehrt war, seine Töchter und Frauen einen erneuten Anfall auf ihn gemacht und die jungen Männer die Gonge wieder geschlagen hatten, tat Bo Adjāng abends seinen letzten Atemzug.

Obgleich ich den Wunsch geäussert hatte, den Handlungen, die mit der Leiche vorgenommen werden sollten, beizuwohnen, merkte ich doch, dass man auch in dieser mir sehr befreundeten Familie die Gegenwart eines Weissen bei den Zeremonien nicht gerne sah, und so war ich denn nur bei den über Tag stattfindenden Vorbereitungen zugegen.

Eroh Edoh, kinderlose, 18-jährige Frau.

Eroh Edoh, kinderlose, 18-jährige Frau.

Wie ich später hörte, hatte man, wahrscheinlich um die Leiche nicht erst steif werden zu lassen, diese gleich nach dem Tode gewaschen und schön gekleidet. Zum Waschen hatte man erst gewöhnliches, dann Wasser, in dem duftende Blumen gelegen hatten, benützt. Auch die Long-Glat stecken dem Toten Perlen in die Augen und Körperöffnungen.

Des Morgens früh fand ich die Leiche auf einer Matratze, bedeckt mit einem Tuche, mitten in der amin liegen, während die Frauen und Töchter für den Verschiedenen schöne Kleidungsstücke aus den Körben hervorholten, als passende Ausstattung fürs Jenseits. Eigentümlicherweise wurden dem Toten auch für längst verstorbene Angehörige Kleidungsstücke mitgegeben. So fügte Ibau Adjang, der Sohn des Verstorbenen, ein Röckchen für sein rotes Töchterchen bei. Zwei der ältesten Frauen überlegten mit einer alten Priesterin, wie sie den Anforderungen der adat am besten nachkommen könnten.

Sämtliche Familienglieder trugen Trauer, d.h. alle hatten ihren Schmuck abgelegt und sich in weissen oder hellbraunen Kattun gekleidet; die Frauen hatten sich ausserdem die langen Haare bis auf Halshöhe abgeschnitten. Die beiden jüngsten Frauen des Verstorbenen trugen Röcke aus Baumbast.

Am Abend des ersten Tages wurde in einer grossen Zusammenkunft bei Bang Jok überlegt, wie man das Begräbnis mit Rücksicht auf den hohen Wasserstand, der Long Dĕho von den ober- und unterhalb der Wasserfälle wohnenden Angehörigen des Toten gänzlich abschnitt, gestalten sollte. Dass die Hilfe der Verwandten nicht beansprucht werden konnte, war insofern günstig, als man bei der herrschenden Reisnot nur schwer so viele Menschen hätte beköstigen können. Nun musste man sich mit den im Dorfe vorhandenen Arbeitskräften begnügen, die allerdings ebenfalls von der Familie bewirtet werden mussten, aber die panjin halfen nach Vermögen mit.