Wegen allerlei Angelegenheiten, in denen die Bewohner von Long-Dĕho meine Hilfe nötig zu haben glaubten, konnten wir vor der Hand noch nicht alle gleichzeitig zum Boh auf brechen; überdies fand ich ein ständiges Zusammensein mit Demmeni und Bier nach den höchst unangenehmen Vorfällen der letzten Tage nicht geraten. Auch Bier war es eine Erleichterung, als ich ihm vorschlug, während einiger Tage das Gelände längs des Mobong aufzunehmen, um zu sehen, ob dort nicht ein Weg von Long Dĕho zum Bunut angelegt werden könnte, zwecks einer besseren Verbindung mit den südlicheren Gebieten und einer Umgehung der Wasserfälle. Bereits am 25. April reiste Bier mit zwei Führern und meinen eigenen Malaien ab, denen das Nichtstun in Long Dĕho ebenfalls nicht gut bekommen war.
Wenige Tage darauf trafen von oben die ersten Kajan ein, um sich meiner Expedition anzuschliessen. Wie es sich herausstellte, war Bo Adjāng Lĕdjüs Tod oberhalb der Wasserfälle noch nicht bekannt, und unter dem Eindruck dieser Nachricht erklärten die Kajan sogleich, mit einem so schlechten Vorzeichen eine so gefährliche Reise unmöglich antreten zu können. Von seinen Leuten gezwungen, behauptete auch Kwing Irang, mit ihnen nach dem Blu-u zurück zu müssen, um dort aufs neue günstige Vorzeichen zu suchen; vergeblich waren meine Vorstellungen, lieber am Boh auf die gewünschten Zeichen zu warten, damit ich endlich aufbrechen könne. Bald darauf begannen die Kajan ihren Reisvorrat gegen hohen Preis in Long Dĕho zu verkaufen, um, sobald der fast ununterbrochen hoch bleibende Wasserstand es gestattete, die Heimreise anzutreten. Als das Wasser schliesslich doch nicht fiel, machten sie sich in Kwings Gesellschaft mit fast leeren Böten trotzdem auf den Weg, mit dem Versprechen, möglichst bald dem Vogelflug nachgehen und beim nächsten Neumond wieder zurückkommen zu wollen.
Kaum waren alle fort, als Lalau, ein aus Long Blu-u bei mir zurückgebliebener Malaie, mir eine Botschaft von Kwing Irang, überbrachte. Nach ihm hatten die Kajan nicht die Absicht, zu mir zurückzukehren, falls ich ihnen nicht pro Mann und pro Tag. 2.50 fl und Kwing das Doppelte als Reiselohn ausbezahlen wollte. Sehr wahrscheinlich hatte ich diese hohe Forderung dem Chinesen Mi Au Tong zu danken, der, von der Küste wegen Schulden ins Innere geflohen, sich bei den Kajan auf hielt und in den letzten Wochen die Long-Glat um eine grosse Summe zu prellen versucht hatte, indem er vorgab, von der englischen Regierung mit der Einholung einer Busse für die Ermordung von 5 sĕrawakischen Dajak am Boh beauftragt worden zu sein. Durch meinen den Long-Glat gemachten Vorschlag, diese Angelegenheit lieber durch Vermittlung des Assistent-Residenten von Samarinda mit Sĕrawak zu behandeln, hatte ich seine bösen Absichten vereitelt, worauf er mit Kwing Irang wieder nach Long Blu-u gezogen war. Als Begründung für ihre Forderung gaben die Kajan an, dass ich auch den Long-Glat von Long Tĕpai, die mir an einem Tage über die Wasserfälle hinunter geholfen hatten, einen Reichstaler als Lohn gegeben hätte. Dies war nur aus Mangel an Gulden geschehen, doch glaubten die Kajan, der grossen Gefahren wegen auf den höchsten Reiselohn Anspruch machen zu dürfen.
Neben den vielen bereits bestehenden Hindernissen wirkte diese Nachricht sehr niederschlagend, und erst allmählich war ich imstande, über einen Ausweg aus dieser Kalamität nachzudenken. Im Laufe des Tages glaubte ich insoweit auf die Forderung eingehen zu können, als ich zwar jedem Kajan für jeden Arbeitstag 2.50 fl und Kwing Irang 5 fl als Lohn zusagte, dann aber keine beliebige Anzahl, sondern nur 50 kräftige Kajan mitnehmen wollte, die für ihre Beköstigung selbst zu sorgen hätten. Die Kajan selbst hatten mich wissen lassen, dass sie ihren Taglohn nur auf der Hinreise bis zum Hause des Kĕnja-Fürsten Bui Djalong beanspruchten. Durch die Bestimmung, dass nur an Arbeitstagen Lohn ausbezahlt werden sollte, kam ich einem zu langen Hinziehen der Reise durch zu häufiges “ me̥lo̱ ” nach schlechten Zeichen zuvor, was für den Nahrungsmittelverbrauch von grosser Bedeutung war. Es traf sich günstig, dass in Long Dĕho noch am gleichen Tage ein Boot mit Kajan erschien, die ursprünglich an der Reise zu den Kĕnja hatten teilnehmen wollen, nachdem sie aber von Kwing den Stand der Dinge vernommen, ihren Reis zu dem herrschenden hohen Preise im Dorfe verkaufen wollten.
Dĕwong Kĕhad, Frau der Mahakam-Kajan.
Dĕwong Kĕhad, Frau der Mahakam-Kajan.
Am folgenden Tage bereits benützten sie das Sinken des Wassers zur Rückfahrt, und ich liess Lalau mit ihnen ziehen, um Kwing meinen Vorschlag zu überbringen und ihn zu baldigem Aufbruch anzuspornen. Stark wagte ich hierauf übrigens nicht zu hoffen, denn es war sehr wahrscheinlich, dass die Heimkehrenden die Influenzaepidemie, an der wir alle in Long Dĕho gelitten hatten, in das Gebiet oberhalb der Wasserfälle einschleppen, und dass Krankheit und Tod dann ein Hindernis für eine baldige Rückkehr bilden würden. Die Epidemie verbreitete sich in der Tat schnell unter den Kajanstämmen, doch fielen ihr diesmal nur alte Leute und kleine Kinder zum Opfer.
Kwing Irang hatte mir zwar vor seiner Abreise dringend geraten, mit meinen Leuten den Lagerplatz am Boh sogleich zu beziehen, um alle Beteiligten vom endgültigen Aufbruch der Expedition zu überzeugen und ihm dadurch seine Aufgabe zu erleichtern, doch war Bier von seiner Reise nach dem Mobong noch nicht zurück, auch erhielt ich von einigen Männern von unterhalb der östlichen Wasserfälle die Nachricht, mein Diener Midan sei von Tengaron aus auf der Rückfahrt, sodass ich ihn erwarten musste. Am 8. Mai liess er mir seine Ankunft unterhalb der Wasserfälle melden und um Beistand zum Passieren derselben bitten. Zufällig war gerade eine Gesellschaft Taman-Dajak vom Kapuas eingetroffen, die sich nach dem mittleren Mahakam hatte begeben wollen, um dort mit alten Perlen Handel zu treiben. Durch einen Hinweis auf die dort herrschenden, für Fremde sehr gefährlichen Zustände hatte ich die Leute in Long Dĕho zurückgehalten. So traf es sich, dass ich die Taman etwas verdienen und Midan schnell Hilfe bringen lassen konnte, denn bei mässigem Wasserstande und sinkendem Wasser wagten es die Männer, mit ihren halb leeren Böten die Fälle zu überschreiten. Bereits am 15. Mai brachten sie Midan und seine Begleiter wohlbehalten nach oben. Unter vielen Zeitungen und Briefen waren die des Assistent-Residenten von Samarinda für mich die wichtigsten; sie teilten mir den definitiven Beschluss der Bataviaschen Regierung mit, Barth als Kontrolleur am mittleren Mahakam einzusetzen. Diese Nachricht musste auf die Bahau oberhalb der Wasserfälle grossen Eindruck machen; bereits am gleichen Tage setzte ich auch Bang Jok davon in Kenntnis.
Ferner brachte Midan das von mir verlangte Geld mit. Der Sicherheit wegen hatte man ihm in Samarinda drei bewaffnete Schutzleute als Geleite mitgegeben, die als die ersten, welche so tief in die Binnenlande vorgedrungen waren, in ihren Uniformen den Waldproduktensuchern und anderen Fremden in unserer Umgebung einen heilsamen Respekt einflössten. Wegen der äusserst unsicheren Zustände zwischen Udju Tĕpu und den Wasserfällen war dieses Geleite sehr notwendig gewesen, und ich war froh, dass mein Gesandter ohne Unfall davongekommen war. Seine Berichte über ein Komplott der Buginesen gegen die übrigen Fremden dieses Gebiets bewogen einige bandjaresische Kaufleute in unserer Niederlassung zu einer eiligen Rückkehr nach Udju Tĕpu, so dass ich die 3 Schutzleute schon nach zwei Tagen mit ihnen zurücksenden konnte.
Midans Berichte klangen in der Tat sehr beunruhigend. Um den Mord der Barito-Waldproduktensucher im oberen Medang an Taman Dau und den Seinen zu rächen, hatten einige Ot-Danum einem Mann und einer Frau in Laham die Köpfe abgeschlagen. Gleich darauf war ein buginesischer, an der Mündung des Merah wohnender Kaufmann nachts von Unbekannten getötet und seine Frau schwer verwundet worden, was seinen Stammesgenossen zum Vorwand diente, ihre Feinde, die Bandjaresen und die zu ihnen haltenden Ot-Danum, des Mordes zu beschuldigen und sich mit den buginesischen Waldproduktensuchern am Bĕlajan zu verbinden. Seitdem hatten sie sich in Long Howong zusammengetan und einen Einfall in das Rata-Gebiet gemacht, wo sie zwei Bandjaresen und einen Ot-Danum erschossen hatten. Infolgedessen waren alle Baritobewohner, denen es möglich war, in ihr Gebiet zurückgekehrt; eine Gesellschaft derselben hatte dabei am oberen Rata einen buginesischen Händler, dem sie begegnete, ermordet und sein Hab und Gut mitgenommen. Auf Blutrache in grossem Massstab sinnend waren die Buginesen augenblicklich noch in Long Howong versammelt.