Über die Innigkeit der Gefühle, welche Eltern ihren Kindern entgegenbringen, überzeugte ich mich am leichtesten während meiner ärztlichen Praxis. Bei so ergreifenden Momenten wie Krankheit und Tod zeigten auch so zurückhaltende Charaktere wie die Kajan ihre wahre Natur. Ich kannte Eltern, welche ihre kranken Kinder mit unermüdlicher Hingabe Tag und Nacht verpflegten. Obgleich bei ihnen selbst gute Heilmittel unbekannt sind, griffen sie doch nach allem, was nach ihrer Meinung den Leidenden Linderung verschaffen konnte. Ich erinnere mich eines Falles in Tandjong Karang, wo meine ärztliche Hilfe nicht ausreichte und wenige Tage nach meiner Ankunft ein Kind nach monatelangen Leiden starb. Das verzweifelte Jammern der Frau blieb mir noch lange in den Ohren, und ich sah die Eltern, die sich aus Kummer über den Verlust ihres einzigen Söhnchens nur sehr selten zeigten, einen Monat lang nicht wieder. Als die Mutter eines Abends wieder zu mir kam, erzählte sie mir mit tränenden Augen von ihrem Kleinen. Ich hatte sie früher als lebhafte, fröhliche Frau gekannt, jetzt stand sie als ein Bild des Jammers vor mir, mit eingefallenen bleichen Wangen und tonloser Stimme. Sie berichtete, dass ihr Mann das Haus noch nicht verlassen wolle, weil der Anblick von Kindern im gleichen Lebensalter wie das seine ihn zu sehr angreife.

Diesem sehr entwickelten menschlichen Empfinden sind wohl auch zum Teil die strengen Vorschriften für die Trauer und die Sorge, dem Toten durch eine gute Ausrüstung den Weg nach Apu Kĕsio und seinen dortigen Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten, zuzuschreiben.

Von einer Angst vor den Seelen ihrer Verstorbenen habe ich bei diesen Stämmen nie etwas gemerkt. Als die Leiche des alten Bo Adjāng Lĕdjü wochenlang über der Erde in der Wohnung stand, wurde sie dreimal täglich liebevoll mit Speise versorgt, seine Frauen schliefen nachts ohne Furcht neben dem schön verzierten, gut geschlossenen Sarg, junge Männer wurden gebeten, dem alten Manne auf der kle̥di vorzuspielen, und zogen Fremde vorüber, die sich im Rezitieren alter Überlieferungen auszeichneten, so wurden sie hierzu aufgefordert. Das tägliche Leben ging in dieser Zeit seinen gewöhnlichen Lauf.

Wenn die Frauen der Kajan am oberen Mahakam hinter dem Sarge eines Verstorbenen, der zu Grabe getragen wird, einhergehen und den Geist der früher verschiedenen Mutter zu Hilfe rufen: Ino̤̱ ālo̤̱ ko̤̱. (Mutter, hole mich!), so zeugt auch dieser Zug von Furchtlosigkeit gegenüber der Seele der Verstorbenen.

Die guten Geister von Apu Lagan werden als die Vorfahren aus längst vergangener Zeit aufgefasst und stets wieder um Hilfe angerufen (Teil I pag. 99). Von einem Ahnenkultus, der nur auf Angst beruht, ist bei diesen Stämmen nichts zu merken. Sie fürchten sich zwar vor Begräbnisplätzen und vor den Leichen derjenigen, deren plötzlicher Tod sie erschreckt hat, wie Selbstmörder, Verunglückte, Erschlagene, Wöchnerinnen und erklären dies als Strafe der Geister für die Schuld der Verstorbenen, aber hierauf beruht bei ihnen kein anderer Kultus als das diesen Leichen eigentümliche Begräbnis selbst.

Von ihrem Mitgefühl für das Leiden eines Familiengliedes lassen sich alle Angehörigen so weit fortreissen, dass bei einem einigermassen ernsten Krankheitsfall alle Arbeiten vernachlässigt, die Felder schlecht bebaut werden und für das Essen kaum gesorgt wird; daher bedeutet die Krankheit eines Gliedes ein Unglück für die ganze Familie. Öfters kommt es vor, dass diese sich durch den Kauf von allerlei schlechten dajakischen, malaiischen und chinesischen Heilmitteln zu Grunde richtet; es war daher sehr begreiflich, dass ich mir durch die Behandlung ihrer Kranken ihr Vertrauen in einem Mass erwarb, wie ich es durch kein anderes Mittel erreicht hätte.

Handelt es sich jedoch um Personen, die nicht zur Familie gehören oder sogar von einem anderen Stamme sind, dann tritt ein kleinlicher Charakter und gänzlich Fremden gegenüber grosses Misstrauen und selbst Feindschaft bei den Bahau zum Vorschein. Bei der Beurteilung dieser Eigenschaft darf nicht vergessen werden, dass die Gesellschaft, in der diese Stämme leben, zu einem solchen Misstrauen gegen Fremde viel Anlass gibt. Bei Fremden der eigenen Rasse müssen sie sich meistens vor Verrat in Acht nehmen, bei fremden Malaien sind sie am stärksten Schwindel, Diebstahl und Grabschänderei ausgesetzt, so dass ihre Zurückhaltung Fremden gegenüber bereits hieraus erklärlich ist. Ausserdem ist ihre Furcht vor Krankheiten, welche die Fremden als böse Geister begleiten, einem sympathischen Empfang bei ihnen auch nicht förderlich.

Um den Charakter der Bahau anderen gegenüber zu studieren, bot mir der Einkauf von Ethnographica gute Gelegenheit. Eigentümlich war z.B. die Beobachtung bei den Mendalam Kajan in Tandjong Karang, dass kleinlicher Neid und Eifersucht sich geltend machten, sobald es sich um Konkurrenten aus dem eigenen Dorf handelte, dass sich die Leute meines Wohnplatzes jedoch denen von Tandjong Kuda gegenüber solidarisch verhielten.

Wenn die Jüngeren nicht durch Verfolgung gleicher Interessen auseinander gehalten wurden, waren sie untereinander solidarisch, um einer Freundin zu helfen, mich etwas so teuer als möglich bezahlen zu lassen, und dann war die Bande mit berechtigten und unberechtigten Anpreisungen auch nicht sparsam. Besonders machte die Verlegenheit junger Mädchen solche Hilfe der Freunde und Freundinnen wünschenswert.

Sobald ein Vorübergehender merkte, dass jemand aus einer anderen Ursache als um zu schwatzen oder seine Neugier zu befriedigen in meiner Hütte stand, trat er ein, ohne dass die beinahe jeden Kauf begleitenden Auseinandersetzungen durch das Hinzutreten interessierter Zeugen irgendwie gestört worden wären. Wenn die Neuangekommenen auch in der Lage waren, selbst Gleiches oder Ähnliches zu liefern, so bewahrten sie doch tiefes Schweigen, und erst wenn die Besprechungen ohne Ergebnis endigten, versuchten sie, nach Fortgang des Verkäufers, dieselben Gegenstände anzubieten oder erklärten sich bereit, sie für mich herzustellen. Hierbei gewährte ihnen die Geheimhaltung des Auftrages, vor allem aber des Preises, eine grosse Genugtuung und spornte sie an, das Beste zu leisten. Den Preis jedoch lernte ich bald, erst nach Empfang des Kaufgegenstands zu bestimmen; denn die Kajan zeigten eine starke Neigung, sich ihrer Verpflichtungen auf möglichst bequeme Weise zu entledigen. Eigentlich lag in ihrer Geheimtuerei viel Naivität; denn ihre Umgebung, in der jeder von seinem Nächsten alles sehen und hören kann, ist dazu nichts weniger als geeignet. So lange jedoch der vereinbarte Preis noch nicht allgemein bekannt war, machte es den Kajan besonderen Spass, durch Angabe eines höheren Betrages beim Hausgenossen Neid zu erwecken, vor allem aber, als grosser Geschäftsmann oder als besonders in meiner Gunst stehend zu gelten.