Genau gesprochen halten wir ihn befallen von Formen des instinktiven Verbrechertums, des moralischen Irrsinns, des Verfolgungs- und Größenwahns, welche alle, obgleich ursprünglich die Erzeugnisse der reversiven Degeneration, von der Epilepsie beherrscht werden, an der M… auch leidet, und auch diese ist, wie die anderen krankhaften Erscheinungen, im rudimentären Zustande vorhanden.
Wir haben vorher gesagt, wie aus der Gesamtheit der krankhaften Natur des M… die Beweggründe zu seinen verbrecherischen Thaten entspringen mußten, denn er empfand und urteilte exzessiv, wie er auch subjektiv im Handeln und Reagieren war. Er tötete, verwundete und beleidigte, weil er sich beleidigt und verfolgt glaubte. Er tötete, verwundete und beleidigte ohne Erregung und ohne Mitleid, weil er keine normale Empfindung für Moral und Mitleid hatte. Er tötete, verwundete und beleidigte, wo kein genügender Grund dazu vorlag, denn in seinem heftigen impulsiven Charakter kamen die hemmenden und mäßigenden Faktoren nicht genügend zur Geltung. Der Fall des versuchten Brudermordes wird durch unsere Definierung des M… vollständig erklärt. Er haßte seinen Bruder infolge seiner Verfolgungswahnidee und der mangelhaften Art, verwandtschaftliche Liebe, Dankbarkeit und Verträglichkeit zu empfinden. Er bereitete das Verbrechen zähe und umsichtig vor, infolge seines exzessiv reizbaren und rachsüchtigen Temperaments. Er schoß den unschuldigen Bruder mitten in die Brust, weil in ihm Zorn und Haß blind, die Empfindungen verworren waren und jedes Maß fehlte. Er bereitete seine Verteidigung mit Zähigkeit und Verlogenheit vor, weil in ihm das ursprüngliche Gefühl der Selbsterhaltung riesenhaft überwog, jenes riesenhafte Gefühl, welches alle anderen sozialen Gefühle in ihm verdrängt, soweit sie nicht seiner, dem bürgerlichen Leben widerstrebenden Natur sich anpassen. Er handelte stets zum augenfälligen Nachteil für sich und die andern, oft auch unter der Illusion des unmittelbaren eigenen Nutzens. Er war kein Verbrecher aus Dummheit, denn er war intelligent; er war ein Verbrecher aus Instinkt, in ihm war ein Charakter der Unordnung, des Schadens, des sozialen Umsturzes personifiziert.
Er ist der Typus des Verbrechers, den die Gesellschaft bösartig nennt, jener Typus, den die Lombrososche Doktrin zu leugnen drohte, und welcher der gewöhnlichen Ansicht von der Geißel entspricht, die Gott entsendet, um die sündige Gesellschaft zu strafen.
In meinen Augen ist das in Wirklichkeit der Fall, denn wissenschaftlich gesprochen ist er einer der Faktoren des sozialen Gleichgewichts, und er blüht und gedeiht in der Gesellschaft, wo sich die biologische Notwendigkeit der Beschränkung der Bevölkerung geltend macht. Die flüchtigen und seltenen Anzeichen des Genies in ihm deuten darauf hin, daß die Natur von demselben Stoff wie für die abnormale Entwickelung die Elemente jedes für die Erhaltung des Gleichgewichts in der menschlichen Gesellschaft bestimmten Instruments nimmt. M…, in dem die Charakteristik des Verbrechers vorherrscht, wurde ein vorwiegend negatives Element.
War M…, als er den Brudermord versuchte, in einem Zustand, daß er nicht das vom Gesetz erforderliche Bewußtsein seiner strafbaren Handlung hatte? Das würde außer Zweifel sein, wenn er die That während einer den epileptischen Anfällen vorausgehenden Verrücktheit begangen hätte. Aber er gebrauchte lange Vorbereitungen dazu, und in dieser Zeit wußte er, was er thun wollte und was er auch gethan hat, er wußte es bis auf den Tag und die Minute.
Aber war es wirkliches Bewußtsein von seiner That, das M… hatte?
Wir unterscheiden zwei Bewußtseinsformen, eine intellektuelle und eine moralische. Daß er die erstere hatte, ist klar – aber die zweite? Hier muß man das sogenannte moralische Bewußtsein in der Erkenntnis der Immoralität einer Handlung und in der Empfindung dieser Immoralität unterscheiden.
Bei der ersten weiß ein Individuum, daß eine gewisse Handlung nicht nur andern schädlich ist, sondern auch, daß sie in der Gesellschaft, in der er lebt, für tadelnswert und verdammungswürdig gehalten wird; bei der zweiten empfindet er einen instinktiven Schauder, die That zu begehen, welche die Gesellschaft tadelt und verdammt. In der Regel existieren bei der bürgerlichen Erziehung beide Formen gleichzeitig neben einander. Aber es ist möglich, daß die Erkenntnis der Immoralität vorhanden und die Empfindung derselben nicht zur Ausbildung gelangt ist. Dies ist der Fall bei dem Zustande der Anomalie in der Formation der geistigen Persönlichkeit; bei den entgegengesetzten Zuständen der Dekadenz kann das moralische Empfinden vorhanden sein, während die Erkenntnis verschwunden oder verändert oder verdunkelt ist – oder umgekehrt; diese kann bleiben, während die Empfindung der Moralität verloren, abgeschwächt oder verändert sein kann. Auch können beide nicht gebildet, oder schlecht gebildet, oder verfallen oder verändert sein.[3]
Von grundlegender Bedeutung für die strafgesetzliche Verantwortlichkeit ist die Erkenntnis der Handlung; demgemäß muß diese Verantwortlichkeit die Erkenntnis der Immoralität voraussetzen und der Empfindung der Immoralität allmählich näher kommen.
Hatte nun M… in dem Augenblick, wo er den Brudermord versuchte, die Erkenntnis der Immoralität seiner Handlung? Gewiß, aber nicht entsprechend der Erkenntnis, welche in der Gesellschaft, in der er lebte, gewöhnlich ist. Er wußte, daß die Gesellschaft seine Handlung tadeln würde, aber er wußte bei sich selbst, daß die anderen und nicht er Unrecht hatten, und daß er natürlicher Weise das Recht habe, das zu thun, was er that. Ein Mensch von seinem Charakter hatte sich eine eigene Welt gestaltet, die seinen eigenen Gedanken entspricht, und er handelte in der Ueberzeugung, etwas zu thun, was von den andern getadelt werden würde, aber nicht von den Gesetzen der Gerechtigkeit, wie er sie auffaßte. Er hatte, um es so auszudrücken, das intellektuelle Bewußtsein der juristischen Immoralität seines Verbrechens, aber nicht die eigentliche Überzeugung der Immoralität der That selbst. Es ist genau die Sache wie mit einem Menschenfresser, der hier zu Lande einen Menschen verzehren würde: Er weiß, daß dies für schändlich gehalten wird, aber er selbst findet es in der Ordnung. Und da dieser Wilde nicht von der Immoralität überzeugt ist, als welche die andern seine Handlung erklären, so kann sich in ihm, so lange diese seine Meinung andauert, nicht eine Empfindung festsetzen, welche ihn spontan von seiner Handlung zurückschrecken lassen würde.