Der Mord.
Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 habe ich auf einem öffentlichen Platze einen armen Menschen ermordet. Ich war damals achtzehn Jahre alt, von erregbarem Temperament, von heißem Sinn, und ob aus Antrieb des Zornes oder nicht[11], das schlechte Betragen jenes Dummkopfes, meines Bruders, ist die Ursache gewesen, daß ich einen Menschen ermordete und mich kopfüber in ein Meer von Schmach stürzte.
Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem Gesicht und klopfendem Herzen schlich ich in das Haus des Herrn Francesco Antonio Calzona, der mich mit dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. Er gab mir einen Strohhut, denn meiner war an dem Ort des blutigen Ereignisses abgefallen, während ich mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm einen derben Knotenstock in die Hand, kletterte über eine Einfassungsmauer des Gartens und fing an, wie Kain über das Feld zu laufen, verfolgt von dem Gebell der Hunde, während ein entsetzliches Röcheln mir zu folgen schien, das mir sagte:
»Was hast Du gethan, Du Mörder?!«
Am Abend jenes verhängnisvollen Tages begab ich mich nach Tropea zu meinem Onkel, dem Doktor V…, der mich aufnahm und mich in einem kleinen Schlupfwinkel hinter der Treppe versteckte; dort zusammengekauert beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und Staub; man schloß mich in meinem Versteck ein, so daß ich in völliger Dunkelheit blieb; bald hörte ich eilige Schritte auf der Treppe, es waren die Karabinieri, die, nachdem sie eine gründliche Haussuchung angestellt hatten, davongingen, die Handschellen mit sich tragend.
Spät am Abend ließ man mich aus dem engen Loch heraus, zog mir die Uniform eines Fußjägers an und mit meinen beiden Vettern zog ich in der Richtung nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast von lauter Verwandten von mir mütterlicherseits bewohnt wird, wurde ich mit Liebe aufgenommen und man brachte mir alle erdenkliche Rücksicht entgegen.
Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenbäumen, öfter machte ich nächtliche Ausflüge nach den benachbarten Dörfern und nach Parghelia, Nachts schlief ich auf Strohbündeln oder am Fuße eines Feigenbaumes.
Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei Worten ist es rasch geschildert. Dreißig schlecht gebaute und gedeckte Hütten, alt und von elendester Bauart, die Straßen ein Haufen tierischen Unrats, so daß man sich den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man den Fuß hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze der Schloßturm des Barons Fabiani, des Herrn und Beschützers der ländlichen Hütten und ihrer Bewohner.
Nichts anderes sieht man als einen Hain von Feigenbäumen, deren schmackhafte Früchte sehr beliebt sind; nicht weit von diesem erbärmlichen Wohnort sieht man Coccorinello, an Leib und Seele jenem verwandt. Die Einwohner beider Dörfer sind elende Ackerarbeiter, zwei oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines Stück Land besitzen, mit Feigenbäumen von allen Arten, blutfarben, naturfarben und weiß, bepflanzt.
Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er betrügt die armen Kerle, schindet hier ein altes Huhn, da ein Paar Eier und dort einen Korb mit Früchten.