Und endlich scheint alles zur Ruhe gekommen zu sein. Aber nein! Plötzlich hört man im Mai oder Juni einen süßen Ton, wie den einer Flöte, sanft aus verschiedenen Teilen der Gehölze erschallen. Es ist die Nachtigall, die im warmen Sommer fast die ganze Nacht hindurch singt.

Sie singt auch am Tage, aber ihre Stimme ist so weich, daß sie oft von dem lauteren Gesang der anderen Vögel übertönt wird. In der Stille der Nacht aber kann man ihr süßes Lied hören, das mit einer Reihe leise einsetzender Flötentöne beginnt, die allmählich stärker und lauter werden und mit höheren Trillerlauten enden. Wer einmal der Nachtigall Gesang gehört hat, vergißt ihn wohl niemals wieder.

Im Frühling singen die Vögel am meisten; denn dann bauen sie ihre Nester, und das Männchen singt dem Weibchen etwas vor, während dieses beim Bau beschäftigt ist oder auf den Eiern sitzt. Man kann ein Rotkehlchennest manchmal dadurch ausfindig machen, daß man das Männchen beobachtet, wie es singend auf einem Zweige in der Nähe sitzt. Die meisten haben wohl auch schon eine männliche wilde Taube gesehen, wie sie dasitzt, ihre Kehle aufbläst und girrend und sich verbeugend nach dem Weibchen auf dem Neste schaut; denn Tauben machen sich das ganze Jahr hindurch den Hof. —

Wenn der weibliche Vogel auf den Eiern sitzt, singt das Männchen aus Freude, und wenn die Jungen ausgebrütet sind, lehrt es sie sein Lied. Singvögel haben sehr zarte Kehlen. Sie haben Muskeln, die wie die Saiten einer Geige schwingen, und die jungen Vögel müssen lernen, diese Muskeln zu bewegen.

Es ist eigenartig anzuhören, wenn eine junge Amsel oder Drossel zu singen anfängt. Zuerst kommt eine Note, dann zwei oder drei. Die Töne sind nicht immer richtig, aber sie versucht es wieder und wieder und lernt so nach und nach das Lied des Vaters.

Höre auf das Lied der Rotkehlchen, Drosseln, Amseln, Lerchen, Nachtigallen, Buchfinken und anderer und versuche, es mit Pfeifen nachzuahmen.

Lektion 3.
Die Nester der Vögel.

Wenn ihr wissen wollt, wie sinnreich die Vogelnester gebaut sind, so solltet ihr einige sammeln, die die Vögel verlassen haben, oder aus welchen die jungen Vögel fortgeflogen sind.

Das Nest einer Hecken-Braunelle wird man in manchem Weißdornbusch finden, und obwohl es ein einfaches Nest ist, so werdet ihr doch bald finden, wenn ihr es auseinanderreißt, daß ihr es nicht so gut wieder zusammensetzen könnt, wie es der Vogel gemacht hat.

Das Nest eines Buchfinken ist viel feiner geflochten. Ihr werdet sehr wahrscheinlich eins in den Apfelbäumen im Obstgarten finden. Es ist aus trocknem Gras und Moos gebaut, die mit Wolle zu einer Art Tasse verwoben sind, und ist mit Haaren und Federn ausgepolstert. An der Außenseite wird der Vogel wahrscheinlich Stücke von grauen oder weißen Flechten angebracht haben. Flechten sind papierartig aussehende Pflanzengebilde, die an Apfelbäumen wachsen und von Kindern graues Moos genannt werden. Die hineingewebten Stücke helfen dazu, das Nest im Apfelbaume zu verstecken. Wenn der Buchfink in einer grünen Hecke baut, nimmt er statt der Flechten oft grünes Moos.