[25-8]. "Aber die Lanzen usw." Man meinte, daß bei der geschilderten Aufstellung der Lanzen diese leicht umfallen, andere mit sich ziehen und so die Nachtruhe des Lagers stören könnten. Die vorgeschlagene Erklärung entlastet den Dichter, löst aber die angebliche Schwierigkeit nicht.
[25-10]. "Die Mäuler zuerst." Man stieß sich daran, daß bei der von Apollo gesandten Seuche die "Mäuler" vor den schuldigen Menschen dahingerafft wurden. Die gegebene Lösung ist hinfällig, denn, selbst wenn das Wort "Wächter" bedeuten könnte—es kommt nur noch einmal in einem Verse der Ilias vor,—so trifft sie doch auf das folgende "und die hurtigen Hunde," das demselben Bedenken unterworfen ist, nicht zu.
[25-10]. "Der von Gestalt zwar häßlich." Das "Problem" ist gar nicht vorhanden und ist wohl nur erfunden, um die bei den Haaren herbeigezogene, gelehrte Notiz an den Mann zu bringen. Denn gerade die merkwürdige Verbindung eines unebenmäßigen Körpers mit Schnelligkeit der Füße wollte der Dichter hervorheben, wie die Partikeln "men—alla" (zwar—jedoch) beweisen. Die hier vorgeschlagene Lösung ergibt überdies gar keinen verständlichen Gegensatz (Häßlich zwar von Angesicht, jedoch schnellfüßig).
[25-10]. "Mische reineren Wein:" Den Anstoß, den man daran nahm, gibt Aristoteles im Text an. Die Lösung beruht auf der ganz willkürlichen Annahme, daß zōrós im Griechischen auch die Bedeutung "schnell" hat. Das angeblich ethisch "Unpassende" (aprepés) gab auch später sehr häufig Anlaß zu gewaltsamen Textänderungen und Deutungen.
[25-11]. "Alle" im Sinne von "Viele." Aristoteles muß in seinem Homertexte "alle," nicht "andere," was sämtliche Hss, auch des Homer, bieten, gelesen haben, denn sonst wäre die gegebene Lösung gegenstandslos. Unter dieser Voraussetzung ist sie aber annehmbar, wird doch gerade das Wort "alle" auch in anderen Sprachen besonders häufig hyperbolisch gebraucht.
[25-11]. "Allein nicht teilnimmt." Die astronomische Unrichtigkeit daß das Bärengestirn allein unter den am Pol befindlichen Sternbildern nicht untergehe, hat die Kritiker viel beschäftigt. Die hier gegebene Lösung findet sich aber sonst nicht. Sie beruht auf der Anschauung der Allwissenheit des Homer, die später namentlich von den Stoikern zum Prinzip erhoben wurde. Aristoteles hätte hier ruhig dieselbe Entschuldigung gelten lassen können, die er für Pindar, der der Hindin Hörner gab ([c. 25, 5]), anführt.
[25-12]."Wir gewähren ihm:" Dieses und das folgende Problem wie seine Lösung—das erstere wird von Aristoteles noch einmal in einer linderen Schrift ausführlich besprochen, aber ohne Hippias von Thasos zu nennen—haben die Tatsache zur Voraussetzung daß Akzente und Handweichen erst etwa um die Wende des 3. Jahrh. v. Chr. gesetzt wurden. Je nachdem der Akzent bei dem Wort didomen auf die erste oder zweite Silbe fällt, kann es "wir gewähren" oder "gewähre!" bedeuten. Hippias nahm das erstere an, nach dem Grundsatz des "Unpassenden" (s.o.), um so die Schuld dem Agamemnon ein trügerisches Versprechen gegeben zu haben von dem höchsten Gott auf den jenem gesandten Traumgott abzuwälzen. Die spitzfindige Lösung befriedigte scheinbar selbst die alten Kritiker nicht und so griffen sie zu dem Gewaltmittel den anstößigen Halbvers, der jetzt an einer weit späteren Stelle steht, durch einen anderen zu ersetzen, und dieser ist uns daselbst ohne Variante allein überliefert. Hippias und Aristoteles können ihn aber noch nicht gekannt haben.
[25-12]. "Das zum Teil": Je nachdem das starke Hauchzeichen gesetzt wird oder nicht, bedeutet ou entweder "dessen" (hu) oder "nicht" (u). Dem Sinne nach ist nur das letztere überhaupt möglich und so schreiben alle unsere Homer hss und die alten Erklärer ignorieren das gar nicht vorhandene Problem völlig. Hippias scheint es nur der Lösung halber aufgeworfen zu haben.
[25-13]. "gemischt was lauter zuvor." Der fast völlige Mangel jeglicher Interpunktionszeichen in der in großen Buchstaben abgefaßten Schrift war zumal bei der freien Wortstellung im Griechischen eine beständige Quelle von Mißverständnissen. Aristoteles sagt selbst einmal, daß es schwierig sei, die Sätze des Herakleitos sinngemäß zu interpungieren. In unserem Falle kann man im Griechischen das zuvor ebenso gut mit gemischt als mit lauter verbinden. Aus der vollständigeren, anderweitig überlieferten Stelle ergibt sich aber, daß nur das erstere dem Zusammenhang entspricht.
[25-14]. "der größere Teil". Man glaubte einen argen Widerspruch in der angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O. zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen erübrigen.