»Dazu würde ich mich nie überreden können, Herr Kreisrath, und ich für meine Person ziehe es vor, gelegentlich betrogen zu werden, ehe ich den Glauben an Rechtlichkeit unter meinen Nebenmenschen aufgeben und in ihnen nur Spitzbuben sehen sollte. Ich habe gottlob noch die Ueberzeugung, viele ehrliche Freunde zu besitzen, die mich auch, selbst wenn es sich um Mein und Dein handelt, nicht für einen Schurken halten,« sagte Turner mit mehr als ihm gewohnter Heftigkeit.
»Ganz recht, da bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, aber Freundschaft und Geschäft sind zwei ganz verschiedene Dinge; wo das persönliche Interesse redet, da muß die Freundschaft aufhören. Nun sagen Sie mir, soll ich vielleicht einmal mit Ihrem Gutsherrn reden und ihm ins Gewissen greifen? Ich scheue keine Mühe, wenn ich Etwas für Sie thun kann, und mein Rath steht Ihnen jederzeit zu Dienste.«
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Bereitwilligkeit, mir zu helfen, muß aber darauf verzichten, da ich diesen Versuch bereits selbst vergebens gemacht habe. Man will von einer Aenderung in dem Beschluß Nichts hören,« versetzte Turner, kalt berührt von den Grundsätzen des Mannes, den er immer für einen warmfühlenden Freund gehalten hatte. Die Unterhaltung wurde wortkarger und gezwungener, und Turner erhob sich bald darauf, um sich zu entfernen. Der Kreisrath nöthigte ihn auch nicht, länger zu verweilen und sagte, indem er ihn bis an die Thür begleitete, mit einer höflichen Verbeugung: »mein Rath steht Ihnen jederzeit zu Gebote, Herr Turner.«
Dieser erwiederte die Zusicherung mit einer stummen Verneigung, und eilte zusammengepreßten Herzens in die Straße hinaus.
Der Kreisrath war gerade derjenige unter seinen Freunden gewesen, von dem er die wärmste Theilnahme an seinem Schicksal erwartet hatte, und welche Gefühle, welche Grundsätze hatte dieser Mann jetzt gegen ihn ausgesprochen!
Unentschlossen, ob er geraden Wegs wieder zu seinem Pferde zurückkehren und nach Hause reiten, oder ob er noch andere seiner Freunde aufsuchen sollte, schritt Turner, in düstere Gedanken versunken, langsam in der Straße hin. Das Gefühl drängte sich ihm unwiderstehlich auf, daß er überall dieselbe herbe Erfahrung machen würde, wie bei dem Kreisrath, wenn auch sein Herz sich dagegen sträubte und an dem Glauben an wirklich wahre Freundschaft festhielt. An der Ecke, wo die Straßen sich theilten, blieb er einen Augenblick zögernd stehen, dann schritt er aber schnell nach dem Gasthause hin, entschlossen, es abzuwarten, welche Theilnahme ihm seine anderen Freunde, ohne von ihm dazu aufgefordert zu sein, zeigen würden; denn die Kunde von seinem Mißgeschick mußte sich bereits in dem Städtchen verbreitet haben.
Madame Turner hatte sich gleich nach ihres Gatten Entfernung in ihre Wirthschaft begeben, um in den häuslichen Arbeiten sich zu zerstreuen und ihre Gedanken von dem schweren Schlag abzulenken, der ihr bisher ungetrübtes Glück getroffen hatte. Was sie aber auch unternahm, sie konnte nirgend Ruhe finden, und mit jeder Stunde wuchs ihr Verlangen nach der Rückkehr ihres Gatten. Wieder und immer wieder begab sie sich in das Wohnzimmer, aus dessen Fenstern sie weit auf der Straße, die nach dem Städtchen führte, hinblicken konnte, um zu sehen, ob sie Turner noch nicht erspähen könne. Als aber nun die Sonne versank, da setzte sie sich an dem Fenster nieder und hielt ihre Augen auf den fernsten sichtbaren Punkt der Straße geheftet. Endlich erkannte sie ihren zurückkehrenden Gatten, er kam aber nicht, wie sonst, im schnellen Trabe, das Pferd ging nur im Schritt, und sie meinte, so langsam sei Turner niemals nach Hause geritten. Sie konnte ihn nicht im Zimmer erwarten, sie warf ihr Tuch um und eilte hinaus ihm entgegen.
»Du bringst keine frohe Nachricht mit Dir, Turner,« sagte sie, als sie mit ihm auf der Straße zusammen traf und ihm die Hand zum Willkommen reichte.
»Nein, Marie, wir haben uns in einem unserer Freunde sehr verrechnet, und zwar in dem Kreisrath. Die Nachricht, daß wir die Kluse verlassen müßten, schien mehr sein Bedenken, als seine Theilnahme zu erwecken, und statt warmer herzlicher tröstender Worte erhielt ich Nichts bezweckende kalte Rathschläge und steife Höflichkeiten. Er war ein Freund im Glück, ist aber kein Freund in der Noth!« entgegnete Turner, indem er abstieg, das Pferd leitete, und Arm in Arm mit der Gattin der Wohnung zuschritt.
»Der Kreisrath?« sagte Madame Turner überrascht mit halblauter Stimme, »er war doch immer so herzlich und liebevoll gegen uns!«