So segenreich und vielversprechend das Frühjahr auch erschienen war, so verminderten sich doch die Hoffnungen auf eine ergiebige Ernte von Tag zu Tag mehr, da eine anhaltende Dürre sich eingestellt hatte. Die Heuernte war schon vollständig mißrathen, weil das Gras wegen Mangels an Regen durch die Sonnengluth verbrannt wurde, und aus gleichem Grunde darbten die Früchte auf den Feldern; denn der ausgetrocknete Boden konnte ihnen keine Nahrung zum Wachsen und Gedeihen geben. Die Kornernte kam heran, und begann vier Wochen früher als gewöhnlich, sie lieferte nur kleine leichte Körner und kurzes gehaltloses Stroh. Auch das Grünfutter konnte nicht gedeihen, es vertrocknete auf dem Lande, der Weizen lieferte schlechtes Gewicht, und den Hafer lohnte es kaum der Mühe zu mähen. Diese Ergebnisse drückten schwer auf die schon bedrängten Herzen der Turners, denn grade diese Ernte sollte ihnen ja baares Geld in die Hand liefern, und ihnen helfen, anderswo eine neue Heimath zu gründen. Dennoch verließ sie die Hoffnung und der Glaube nicht, daß Alles sich zu ihrem Besten gestalten würde, und unverdrossen boten sie alle ihre Kräfte, alle ihre Thätigkeit auf, die Ernten um so sorgfältiger einzubringen. Turner hatte schon viele Güter in Augenschein genommen, wobei er wiederholt wochenlang von der Kluse abwesend geblieben war, doch keines von allen hatte ihm zugesagt, theils, weil sie werthlos, theils, weil sie zu bedeutend waren, als daß er sie mit eigenen Mitteln hätte übernehmen können. In der Nähe war überhaupt kein Gut zu pachten, welches nur einigermaßen seinen Anforderungen entsprochen hätte, wodurch sich die Nothwendigkeit für ihn herausstellte, sein Inventar, das heißt seine Geräthschaften, Vieh und Pferde und alle seine Vorräthe zu verkaufen, die er weithin nicht mit sich nehmen konnte. Die Zeit, wo Turner die Kluse verlassen sollte, rückte immer näher, wieder und wieder begab er sich auf Reisen, um pachtfreie Güter zu besehen, aber immer kehrte er ohne den gewünschten, ersehnten Erfolg nach Hause zurück.

Die letzten vier Wochen waren nun angetreten, welche Turners noch auf der Kluse zubringen konnten, und da sie immer noch kein anderes Gut gepachtet hatten, so blieb ihnen Nichts übrig, als Alles zu verkaufen, nach der Stadt zu ziehen, und sich dann von dort aus in Ruhe nach einer Pachtung umzusehen. Die gegen frühere Jahre nicht bedeutenden Vorräthe waren bereits nach und nach zu ziemlich guten Preisen verwerthet, und um sich nun auch des Inventars zu entledigen, wurde eine Auktion angesetzt und die Anzeige davon in mehreren Zeitungen, so wie in den nicht weit entfernten Städten und Ortschaften durch Anschlagzettel bekannt gemacht. Die Zahl der Kauflustigen, die sich dazu einfanden, war keine große, und der Verkauf stellte sich als ein sehr mittelmäßiger heraus. Namentlich brachte das Vieh sehr niedrige Preise auf, weil fast Niemand nur für den eigenen Viehbestand Futter genug geerntet hatte.

Wenige Tage nach der abgehaltenen Auktion standen des Morgens zwei aus der Stadt gemiethete vierspännige Frachtwagen, mit dem Hausgeräth der Familie Turner beladen, auf dem Hofe der Kluse; Madame Turner trat, einen frischen Blumenstrauß in der Hand, mit Thränen in den Augen aus dem Wohngebäude und nahm den Arm ihres Gatten. Schweigend und durch ihre Thränen blickte sie die alte freundliche Wohnung an, die ihr bisheriges großes unermeßliches Glück beherbergt hatte; stumm, aber schluchzend sagte sie ihr das letzte Lebewohl, mit blutendem Herzen riß sie sich von dieser theuren Heimath los, um, wer wußte wo, eine andere zu finden. Auch Turner waren die Augen feucht geworden; das alte Haus war die Wiege seiner Vorfahren, seine eigene und die seiner Kinder gewesen, es hatte seit hundert Jahren das stille anspruchslose Glück der Turnerschen Familie gesehen, und nun sollte ihr Name in seinen Mauern vergessen werden! Er hatte keine Worte für den herzzerreißenden Abschied, für das letzte Lebewohl, er gab den Fuhrleuten einen Wink fortzufahren, drückte den Arm seiner Gattin fest an seine Brust, und schritt mit ihr und mit den Kindern durch das Hofthor nach der Straße hinunter. Langsam und ohne ein Wort zu sagen, folgten sie den knarrenden, wankenden Wagen, und erst, als sie den letzten Punkt auf der Straße, von wo man noch die Kluse sehen konnte, erreicht hatten, blieben sie stehen und blickten zurück.

»Die alte Heimath haben wir verlassen, wir sind unterwegs, Marie, wer weiß, wohin dieser Weg uns führen wird!« sagte Turner, indem er seinen Arm um die Schulter der Gattin legte, und seinen Blick auf die Kluse geheftet hielt.

»Wohin er uns auch führen mag, unsere Heimath nehmen wir mit uns; denn wo wir vereint sind, da ist unsere Heimath!« antwortete Madame Turner mit einem innigen liebevollen Blick, und streckte ihre Hand nach den Kindern aus, die sich an sie schmiegten und gleichfalls betrübten Herzens von der Kluse Abschied nahmen.

In dem Städtchen wurden sie allenthalben freundlichst begrüßt und von vielen Bekannten bis zu dem kleinen Hause geleitet, welches Turner gemiethet hatte. Dasselbe lag an der Außenseite der Stadt auf einer Anhöhe in einem hübschen Garten, und gewährte einen freien, weiten Blick über das Werrathal, so daß Turners in ihrer äußern Umgebung wenigstens ein ähnliches Bild fanden, wie das, welches sie auf der Kluse so viele Jahre hindurch entzückt hatte. Nach wenigen Tagen waren sie in ihrer neuen Wohnung eingerichtet; Madame Turner suchte sich in den ihr ungewohnten müssigen Stunden im Garten zu beschäftigen, obgleich der Herbst ihre Thätigkeit dort sehr beschränkte; und Herr Turner konnte sich jetzt ungehinderter seinen Bemühungen um eine neue Pacht hingeben. Der Erlös aus seinen sämmtlichen Verkäufen belief sich auf ungefähr neuntausend Thaler, welche er in Werthpapieren angelegt hatte, und seine in der Stadt ausgeliehenen Gelder betrugen noch tausend Thaler, so daß er über ein baares Capital von zehntausend Thalern zu verfügen hatte. Er stand nach allen Richtungen hin in Briefwechsel, und bald nach seiner Uebersiedlung in das Städtchen wurden ihm mehrere Güter im Preußischen bezeichnet, welche pachtlos geworden waren. Er schickte sich abermals zur Reise an, um die Güter in Augenschein zu nehmen, kehrte aber nach mehreren Wochen unverrichteter Sache wieder zurück, denn keines derselben hatte seinen Bedürfnissen entsprochen.

Die Freude des Wiedersehens überwältigte im Anfange die trübe Stimmung Turners über den abermaligen ungünstigen Erfolg seiner Reise; als aber die Lampe auf dem Theetisch angezündet war und die Familie sich um denselben sammelte, da sprach Turner sich recht ernstlich besorgt darüber aus, daß er möglicherweise noch ein ganzes Jahr ohne Pachtung bleiben und unthätig Geld verzehren müsse, ohne Etwas verdienen zu können.

»Gieb mir doch die Zeitungen, vielleicht findet sich Etwas darin,« sagte er nach einer Weile zu seiner Gattin, und setzte noch, als diese aufstand, hinzu: »sind auch Briefe angekommen?«

»Ja wohl,« entgegnete diese, »ich wollte sie Dir eben mitbringen. Es ist auch ein Brief von Amerika dabei; ich glaube, er ist von Deinem Vetter Victor.«

»Sieh, endlich einmal wieder ein Lebenszeichen von ihm,« sagte Turner, während seine Gattin das Zimmer verließ.