»Nun, hast Du den Brief gelesen und was hältst Du davon?« fragte er die Gattin.
»Der Brief ist ganz vernünftig geschrieben; es muß Deinem Vetter sehr gut gehen und ihm sehr gefallen,« entgegnete Madame Turner mit einem Ausdruck der Zufriedenstellung.
»Und Du siehst nun wohl auch ein, daß es nicht geradezu Thorheit ist, wenn man gelegentlich die Sache überlegte?« bemerkte Turner abermals halb fragend.
»Max, Dein Urtheil ist freier und richtiger, als das meinige, Deine Ansicht ist mein Glaube, Dein Wunsch ist mein Wille, und Deine Wohnstätte ist mein Himmel. Was Du im Leben auch beschließen, wohin Du auch gehen magst, ich folge Dir, und ginge es an das Ende der Welt. Nur laß uns Nichts übereilt thun und nicht Gutes weggeben, ehe wir sicher sind, Besseres dafür zu bekommen. Für unsere Kinder leben wir, und was wir für ihr Wohl thun können, darf uns kein Opfer sein,« antwortete die Frau mit einem Tone liebevollster Hingebung und reichte ihrem Gatten die Hand.
»Du bist ein Engelsweib, Marie, und ich verspreche es Dir, Nichts ohne Deinen Willen, ohne Deines Herzens Zustimmung zu beschließen. Kann ich das Gut Schwaneberg bekommen, so bleiben wir hier im Vaterlande, wo nicht, so wollen wir über Amerika sprechen.«
Von diesem Augenblick an war unverkennbar ein frischer Lebensfunke in die Gemüther der beiden Gatten gefallen; die Ungewißheit über ihre Zukunft hatte sie plötzlich verlassen, sie hatten außer der einen noch zweifelhaften Aussicht noch eine zweite in Amerika, und diese erfüllte sie von Stunde zu Stunde mit schöneren Hoffnungen. Der Brief von dem Vetter wurde immer wieder hervorgeholt, er wurde Abends beim Thee laut vorgelesen und besprochen, und die Kinder, namentlich aber Carl, redeten von Nichts mehr als von Amerika. Ja, der Wunsch Turners, eine günstige Antwort über das Gut Schwaneberg zu erhalten, wurde täglich weniger dringend, und als nach mehreren Tagen der erwartete Brief von dem Eigenthümer des Gutes ankam, öffnete ihn Turner sogar mit einem leisen Hoffnungsgefühl, daß er eine abschlägige Antwort enthalten möge. So war es denn auch: der Besitzer des Gutes meldete mit Bedauern, daß er vor nur wenigen Tagen einem Andern die Pacht zugesagt habe.
»Da ist die Antwort über Schwaneberg, Marie,« sagte Turner zu seiner Gattin, indem er in ihr Zimmer trat und ihr den Brief hinreichte. »Die Vorsehung zeigt uns augenscheinlich den Weg, den wir wählen sollen; hier in Deutschland schlägt uns Alles fehl. Das Gut ist bereits verpachtet.«
Madame Turner nahm ihrem Gatten den Brief halberschrocken ab; denn so angenehm sie auch der Gedanke an das schöne Amerika umgaukelt hatte, so war doch die Vorliebe für das traute, alte Deutschland zu fest in ihrem Herzen eingewurzelt, als daß eine plötzliche Entscheidung, ob in dem Vaterlande zu bleiben, oder ihm auf ewig Lebewohl zu sagen, sie nicht hätte mit Zaghaftigkeit ergreifen müssen.
»Also wirklich, es ist schon verpachtet? Das ist mir sehr leid – Du hattest Dich so darauf gefreut – und wir würden dort ein sicheres gutes Brod gefunden haben,« sagte sie etwas kleinlaut, indem sie den Brief öffnete und durchblickte.
»Du siehst, Marie, wie sich Alles so wunderbar gefügt hat, um uns hier frei zu machen und unsere Blicke nach der neuen herrlichen Welt zu richten. Laß uns ruhig und ohne alle Vorurtheile überlegen, dann aber auch entschlossen und muthig handeln. Es gilt das Glück unserer Kinder.«