»Gottlob!« sagte Carl abermals, als er gewahrte, daß der Feind ihm nicht so schnell folgen konnte, und »Gottlob!« rief er laut aus, als er nach der Insel zurückblickte, und an deren anderer Seite seine beiden Brüder schon in weiter Ferne davonjagen sah.
»Nun sollst du mich wohl nicht kriegen, du abscheuliches Thier,« dachte Carl, und schmeichelte seinem Falben, indem er ihm den nassen Hals liebkosend klopfte. Bald war der Bär mehrere tausend Schritte hinter dem entschlossenen Knaben zurück und derselbe athmete wieder freier auf. Er ließ seinem Pferde jetzt freien Willen, denn daß der Bär ihn nicht einholen konnte, das war ja gewiß; dennoch schaute er immer nach demselben zurück, in der Hoffnung, daß er die Jagd aufgeben würde. Der Bär veränderte weder seinen Sprung, noch seine Eile, und stürmte in der Bahn vorwärts, die der Falbe in dem Gras gebrochen hatte. Die Insel verschwand hinter Carl in blauem Duft und vor ihm hob sich ein Waldstrich aus der Prairie empor, der sich weit am westlichen Horizont hinzog. Das mußte der Wald sein, von welchem ihm Daniel oft erzählt hatte, daß er nur aus einzeln stehenden Lebenseichen bestehe, deren Kronen ein dichtes Laubdach bildeten, während der Boden mit einer feinen Grasdecke überzogen sei. Den Wald mußte Carl zu erreichen suchen, so dachte er und trieb jetzt seinen Falben stärker an, denn dessen Schnelligkeit hatte abgenommen, und es schien dem Knaben, daß der Bär wieder etwas näher gekommen sei. Das Pferd gehorchte im Augenblick jeder Anforderung seines Reiters, aber jedesmal auf kürzere Zeit, dann ließ es wieder im Laufe nach. Seine Sprünge wurden kürzer und mühsamer, sein Athem wurde schwer, und Carl erkannte es zu seinem Schrecken, das die Kräfte des edlen Thieres schnell abnahmen. Im Laufe des Bären war keine Aenderung.
Die Möglichkeit, daß das furchtbare Ungethüm ihn einholen könne, fing an, in dem Knaben mehr und mehr zur Gewißheit zu werden, und die dann nöthige Vertheidigung vereinigte jetzt mit aller Willenskraft seine ganze geistige Thätigkeit.
Der Schuß durch den Kopf und der durch das Herz des Thieres mußten ihm gelingen, davon war Carl überzeugt, und dann war er und der Falbe gerettet. Wie aber, wenn die Kugeln dennoch nicht den rechten Fleck träfen? Der graue Bär konnte aber nicht klettern, hatte Daniel gesagt, und der Eichenwald war ja schon ganz nahe vor Carl, ein Baum sollte ihm Schutz und dem Pferde Rettung bringen! Jetzt drückte der Knabe beide Sporen fest in die nassen Flanken des treuen Rosses, und nochmals stob dasselbe fliegend dahin, und abermals ließ es den Bären weiter zurück. Die Eichen waren erreicht und in sausender Carriere jagte Carl zwischen ihnen hindurch, indem er weithin nach einem Baume spähete, der seinem Zweck entsprechen würde. Noch hatte er mehrere tausend Schritte Vorsprung vor seinem grimmen Verfolger, da hielt er plötzlich das Pferd vor einer Eiche an und sprang im selbigen Augenblick aus dem Sattel.
Ein Schlag mit der Peitsche und die in der Ferne heranstürmende Riesengestalt des Bären trieben den Falben in wilder Flucht davon, während Carl die Büchse um den Nacken hing und den nicht starken, aber rauhen Stamm der Eiche erklomm. Nach wenigen Augenblicken stand er auf den ersten Aesten, die wohl funfzehn Fuß über der Erde erhaben waren, und nahm die Büchse vom Nacken, um sie zum Gebrauch fertig zu machen. Jetzt hörte er die schweren Tritte des Bären nahen, die Erde dröhnte unter seiner Wucht und Carl konnte deutlich das laute Aechzen seines Athems vernehmen.
Da kam der Bär unter den Eichen her, gerade auf den Baum zu, auf welchem Carl stand. Wie aber, wenn derselbe vorüberrennen und dem Pferde folgen sollte – dann wäre dasselbe verloren! In schwerfälligen ungeheuren Sätzen stürzte der Bär jetzt zwischen den nächsten Stämmen hervor, Carl hatte die Büchse auf ihn gerichtet, er gab Feuer, und riß den Hut vom Kopf, den er dem Ungeheuer vor die Füße warf, in dem Augenblick, als dasselbe den Baum erreichte. Mit einem dumpfen Wuthgebrüll fiel der Bär über den Hut her und schlug seine Zähne und Klauen in den Filz ein, da blitzte es zum zweiten Male vom Baum herab, und im Schuß rollte der Bär kopfüber. Im nächsten Augenblick aber richtete er sich wieder empor und sah zähnefletschend nach dem Schützen hinauf. Er sprang an dem Stamme in die Höhe und schlug mit den Riesentatzen nach seinem Gegner, reichte jedoch nicht ganz bis an den Ast, auf dem Carl stand, und dieser sah, wie ihm das Blut vom Kopf und von der Seite herabströmte. Mit einem furchtbaren Wuthausbruch faßte der Bär den Baumstamm und schüttelte ihn, als wolle er ihn aus der Erde reißen. Carl aber hatte den Revolver gezogen, hielt ihn dem brüllenden Umgethüm entgegen und feuerte in dessen weitgeöffneten Rachen.
Der Bär umklammerte nach dem Schusse mit den Vordertatzen den Stamm und stieß ein röchelndes dumpfes Brummen aus. Carl aber richtete den Revolver nun mitten auf den Kopf des Thieres und mit dem Knall sank dasselbe zuckend, und an allen Gliedern zitternd, am Stamme nieder.
»Gott sei gelobt und gedankt!« rief Carl aus und faltete seine Hände, indem er die Waffen in den Armen an sich drückte und mit thränenfeuchtem Blick zum Himmel über sich schaute. Dann sah er wieder hinab, da lag das Ungeheuer zu seinen Füßen hingestreckt, doch das Leben war noch nicht ganz aus ihm gewichen. Carl schob den Revolver in den Gürtel und ladete, so schwierig es ihm auch wurde, seine Büchse wieder, denn ehe er sich zu dem Thiere hinabbegeben wollte, mußte er von dessen Tod überzeugt sein. Er schoß ihm nun noch eine Büchsenkugel durch den Schädel, worauf jede Bewegung des Bären aufhörte und Carl sich an dem Stamme herabließ. Einige Augenblicke stand er erstaunt vor dem todten Riesenkörper, dann aber dachte er an seinen Falben und beschloß, dem treuen Thiere sofort zu folgen. Er ladete schnell den abgeschossenen Lauf, suchte nun die Spur des Pferdes, der er dann mit mit raschen Schritten folgte; denn das Gras war seiner Eile nicht hinderlich.
Die Sonne stand hoch am Himmel und Carl war durch die ungewöhnlichen Anstrengungen sehr ermüdet, der Schatten aber, den das dichte Laubdach der immergrünen Eichen gewährte, und die frische Luft, die unter demselben hinzog, thaten ihm wohl und ließen ihn wieder zu Kräften kommen. Das Gras war sehr fein und nicht lang, so daß er jeden Tritt seines Pferdes leicht erkennen und ihm ohne Unterbrechung folgen konnte, während sein Blick sehnlichst und besorgt auch in die Ferne schweifte, ob er das geliebte Roß nicht erspähen könne.
Um diese Zeit naheten sich seine geretteten Brüder dem Fort. Kaum konnten die Schimmel sich noch im Galopp erhalten, so sehr die Peitschen und Sporen der Knaben sie auch antrieben.