»Die Comantschen sind Freunde der Delawaren und Freunde des schwarzen Panthers. Sie wußten nicht, daß ein Delaware unter diesen Bleichgesichtern lebte, sonst würden sie nicht nach deren Leben getrachtet haben. Laß uns unsere gefallenen Brüder mit uns nehmen und lösche Deine Feuer aus; Du kannst ruhig schlafen!«

Dabei reichte er Daniel die Hand, machte dann nochmals das Zeichen der Freundschaft, und winkte seinen Leuten zu, die Todten und Verwundeten fortzuschaffen. Der Neger theilte ihm mit, daß noch drei Todte in dem Fort lägen und ging, von einer Anzahl Wilden gefolgt, in dasselbe hinein, welche die Erschlagenen davon trugen. Nach Verlauf von einer Stunde waren die Comantschen verschwunden und die Feuer in den Körben waren erloschen.

Daniel saß in dem Zimmer an dem großen Tische und vor ihm brannte eine düstere Lampe. Er hatte seine Stirn in seine Hand gelegt und dachte an die Folgen dieser Nacht. Es war kein Zweifel darüber, daß binnen ganz kurzer Zeit die Delawaren von seinem Hiersein unterrichtet werden und sofort hier erscheinen würden, um seiner habhaft zu werden. Was sollte er thun? flüchtete er sich von hier, so mußten Turners mit ihrem Leben, oder wenn sie entkamen, mit ihrem Eigenthum dafür büßen, denn die Delawaren würden die ganze Niederlassung zerstören. Er würde dann die Ansiedelung aus den Händen der Comantschen gerettet haben, um ihre Vernichtung den Delawaren zu überlassen. Blieb er hier und überlieferte sich dem Leopard, so wußte er, daß ein schrecklicher Martertod seiner erbarmungslos harrte. Er saß lange Zeit regungslos an dem Tische und dachte an die Zukunft seiner Freunde, und der bleiche Schimmer des nahenden Tages stahl sich durch die Thür herein, als er aufstand und hinausging, um die Pferde in das Gras zu binden. – Er hatte beschlossen, hier zu bleiben, und sich den Delawaren zu überliefern.

Nachdem er die Pferde in die Weide geführt hatte, brachte er Alles im Fort wieder in Ordnung, was während der Verwirrung in der Nacht in Unordnung gerathen war; er reinigte die Gewehre, lud sie wieder, hing sie in Turners Zimmer an der Wand auf und verbrachte den Tag mit Arbeit im Fort und im Garten. Daß seine Freunde glücklich die Niederlassung am Choctawbache erreicht hatten, darüber war er beruhigt, denn Carl war ja bei ihnen, und er war überzeugt, daß sofort alle Männer von dort hierhereilen würden, um die Indianer zu vertreiben. So geschah es denn auch. Noch stand die Sonne hoch am westlichen Himmel, als eine Schaar von vierzig Reitern mit dem alten Warwick an ihrer Spitze aus dem Walde hervorgesprengt kam und zu dem Fort heraufjagte.

Auch Turner und Carl befanden sich unter ihnen, und ihr Erstaunen war groß, als Daniel aus dem Fort hervortrat und ihnen mittheilte, daß die Comantschen in Frieden abgezogen seien. Auf die Frage, wie dies möglich und was sie dazu bewogen habe, sagte der Neger, er sei zu ihnen hinausgegangen und habe mit ihnen geredet und ihnen gesagt, daß die Männer am Choctawbache bald hier sein und sie verfolgen würden, so weit sie ihre Pferde tragen könnten. Wenn nun diese Mittheilung Warwicks und seinen Gefährten auch räthselhaft und unglaublich erschien, so war es doch Thatsache, daß Alles in und um das Fort sich unversehrt fand, und daß die Wilden sich entfernt hatten.

Preis und Lob wurde über den treuen Neger ausgesprochen und Warwick meinte, daß Daniel im Besitze eines Zaubermittels sein müsse, durch welches er die Rothhäute gebändigt habe. Die Männer vom Choctawbache traten bald darauf ihren Heimweg wieder an und mit ihnen Warwicks beide Söhne, der Alte aber wollte hier bleiben, bis am folgenden Tage Madame Turner mit ihren Kindern hierher zurückgekehrt sein würde.

Carl hatte in der Nacht die Seinigen glücklich durch den Wald geführt und hatte mit ihnen erst gegen Mittag die Niederlassung Warwicks erreicht, denn das Gehen in dem hohen Grase der Prairie war Madame Turner und den Kindern sehr mühsam geworden. Nur die Angst und das Entsetzen vor den Wilden hatte es ihnen überhaupt möglich gemacht, den Weg ohne Aufenthalt zurückzulegen, und zu Tode erschöpft waren sie bei ihren theilnehmenden Freunden angelangt. Die beiden Söhne Warwicks sollten ihnen nun die frohe Kunde bringen, daß alle Gefahr vorüber sei und sie dann am folgenden Tage zu Pferde nach dem Fort zurückgeleiten. Carl ritt ihnen am nächsten Morgen entgegen und langte dann auch noch vor der Mittagszeit mit ihnen wohlbehalten zu Hause an. Madame Turner rief allen Segen des Himmels auf den treuen Daniel herab und ihre Danksagungen wollten kein Ende nehmen. Der alte Warwick frohlockte über das Ereigniß, welches Turners unter so großer Gefahr glücklich überstanden hatten; denn er meinte, daß sie nun, nachdem die Comantschen, die mächtigsten Indianer dieses Landes, ihren Angriff aufgegeben hätten, vor allen übrigen Wilden sicher wären und weissagte ihnen nun ungestörten Frieden in ihrem Eigenthum. Seine langjährige Erfahrung, seine genaue Bekanntschaft mit dem Thun und Lassen der Indianer und seine zuversichtlichen Worte flößten Turners Vertrauen ein und beruhigten ihre Gemüther, denn immer noch klangen die Schreckenstöne der Wilden durch ihre Seelen. Der biedere alte Freund scherzte und lachte über die einzelnen Scenen in jener Nacht, und that Alles, um die erschreckten Herzen der Ansiedler aufzuheitern. Er verweilte bei ihnen, bis die Sonne sich neigte, sagte ihnen dann ein herzliches Lebewohl, versprach bald wieder zu kommen, und trat dann mit seinen beiden Söhnen den Heimritt an.

Die sorglose Ruhe, der glückliche Friede, welche bisher die Ansiedler umgeben hatten, waren aber tief erschüttert, und mit Bangen und Zagen sahen sie jetzt immer die Nacht hereinbrechen. Daniel that sein Möglichstes, ruhig und sorglos zu erscheinen, um seinen Freunden Muth zu geben und vor ihnen seinen eignen Seelenkampf zu verbergen, der ihm, wo er ging, wo er stand, sein unvermeidliches furchtbares Ende vorspiegelte. Tage verstrichen aber, und Wochen eilten dahin, ohne daß die Ruhe im Fort abermals gestört worden wäre, und dem Frühling mit seinen tausend Schönheiten, seinen zahllosen Reizen gelang es, die Herzen der Bedrängten wieder zu ermuthigen, zu erfreuen. Die ganze Natur war ja heiter und festlich gestimmt, es war ja kaum möglich, an etwas Trauriges, etwas Schreckliches zu denken, denn das Bild eines ewigen Friedens umgab die Niederlassung. Bei Turners zog nach und nach das frühere Glück, die frühere heitere Zuversicht in ihre Zukunft wieder ein; aber im Herzen Daniels wurde es von Tag zu Tag trüber, und mit Bangen schloß er Abends das Fort, mit Bangen blickte er Morgens über dessen Umgebung. Er wollte seinem Schicksal nicht entgehen, er wollte sich für seine Freunde opfern, aber es schauderte ihn, dachte er an die grausame Rache der Indianer. Er war stets der Erste, der Morgens einen Blick aus den Schießscharten der Pallisaden warf, um zu sehen, ob die Delawaren das Fort noch nicht umstellt hätten; denn sobald dieselben erschienen sein würden, wollte er sich durch Turner an sie ausliefern lassen, damit bei den Indianern jeder Vorwurf gegen seine Freunde verschwinden möge.

Abschnitt 8.
Aufopferung. – Stummer Abschied. – Der Falbe. – Das Rennen wider Willen. – Das Handelshaus. – Großer Büffelfang. – Der Panther. – Dankbarkeit. – Das Wiedersehen.

Daniel hatte sich eines Morgens so eben mit dem Gedanken an die Delawaren von seinem Lager erhoben, und trat in den Hof, um einen Blick über die Prairie zu thun, als das laute, lärmende Gebell der Hunde außerhalb des Forts ihm wie ein Blitzstrahl durch die Seele fuhr. Er sah im Geiste seine Henker nahen, sprang an die Schießöffnung, und nun ward der Gedanke zur Wahrheit; denn dort kamen die Delawaren mit Leopard an der Spitze im Galopp über das wogende Gras dem Fort zugejagt. Die Liebe zum Leben, der Trieb der Selbsterhaltung blitzte mit einem Gedanken an die Leiter und an das Kanoe in Daniel auf; noch war es Zeit, zu fliehen, noch konnte er dem Tode unter den Händen der Barbaren entgehen! Er blickte nach dem Abhang, wo die Leiter lag, er sah aber auch die geschlossenen Thüren, hinter welchen seine Freunde in sorglosem glücklichen Schlummer ruhten, und verschwunden war jedes Wanken, jedes Zagen, er wollte sich seinen Feinden überliefern.