Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben, werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl, daß man mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bücher sind mir allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in das Land unerfüllter Hoffnungen ritt, und diese Möbel, heroische Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, daß man sie wie treue Frauen am Holzstoß der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und ich möchte wohl, daß man meine Asche in alle Winde streute, daß sie ruhe auf den vier Straßen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner Jugend verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine Kapsel schließen, es noch einmal in Eure Nähe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe. Dieses Herz, das immer der Kompaß meines Geistes gewesen ist, vielleicht, daß es in Euren Händen noch einmal zu schlagen begänne, wie zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners warm wird und zu singen anhebt.
Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde. Eines Tages, wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will ich aus der Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlüssel wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rädern der Wagen verbogen auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze der Dinge über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn Jahren aus den Augen eines Jünglings wider, der in irgendeinem Saale dieser maßlosen Stadt ewige Verse in eine unberührte Menge hinabwirft; denn wie könnte ich je glauben, daß das Werk, für das ich glühte, um dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ, unvollendet verloren ginge — oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie könnte ich glauben, daß ich, ein kosmopolitisches Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schätze häufte, daß die Sendung unerfüllt bliebe, für die auch ich nur ein Sendling war und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demütige Seele warf. Denn ich habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß der Tod, so oft und gern ich ihm Freund und Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelöst hat, wenn ich nach so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und am Elend des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit durchflogen hätte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu stürzen, nachdem ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte, die das kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflüften der Geister heimkehrte in das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken der Begierde, in den schwermütigen Gesang der Arbeit.
Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch zieht, von Frühlingswassern umspült, die Wüste einen blühenden Teppich um ihre alternden Füße. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel buntester Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung den gemarterten Leib, noch höre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von heiterstem Glücke durchströmt, Ihre Hände auf meinem Herzen.
Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Königin.
An eine Freundin
Bagdad, Abdul Achad,
den 25. Februar 1916.
Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos streicht jedes Gesicht an uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um über den Tigris zu fahren, wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell gelesen? ... So verhungert sind wir hier draußen.
Dabei lächelt der Himmel warm durch die Glaswände meines Hauses. Ich blicke über den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen Wagenhalterei. Auf den Dächern der Pferdeställe wird jeden Tag der frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als Brennstoff verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag über nichts zu tun, als mit den nackten Füßen langsam durch diese Materie zu laufen und sie umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner Arbeit zu.
An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler, Konsulate, Hotels, in denen man die hölzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote Halbmond, ein blutiger Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine weiße Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten. Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lastträger der Straße. In unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere, zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden müssen stets von neuem verwandt werden, und wir sind glücklich, genug ungereinigte Baumwolle zu haben, die im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben an Blutvergiftung dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so großes Glück gehabt.
Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer, doch jedermann spricht mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heißesten Teile der Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dächern verleben werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dämmerung in das bunte Gewühl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde Geheimnisse verführen und reizen mich. Dazu verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein höheres Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanitätsunterleutnants und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur sehen in meinem moosgrünen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und Silberborten, wenn ich mit einem „Grüß Gott, Soldat“ am Morgen in das Lazarett trete.