Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine Woche pflegte ich ihn, fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen haben, aus den Kissen die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wäsche jenes kleine blutgefüllte Tier, das nun seit Monaten schon für uns das Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte Überträger des Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wußte ich, wie es um mich stand, und während mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfüllte, sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine Seffineh stromaufwärts treidelten, immer dachte ich: wie schön ist es, ihren Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah den Arabern zu, die in einer Kuffe über den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht — so setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll Schönheit mit in die Dunkelheit.

Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein Zweifel mehr gelten, mein durch so viele Krankheiten geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese feste Gewißheit habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der vergangenen Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit über mich. Auch der Tod ist nur eine Gedankenüberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig überwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat für mich immer darin bestanden, daß es einmal mit dem Tode endet. Nicht an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er willkommen sein.

Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen schüchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken des Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags, draußen blühen die Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht über dem Land, und ich beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von furchtbaren Zuckungen erschüttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Räume der Erde flattern, als triebe ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten des wütenden Stromes ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt.

Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern und Wohnstätten emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah, Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben, mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der Mädchen, blaß und hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden Mondes. Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweißen Frau, weise und mit rätselhaften Falten bedeckt — wenn es einen Schmerz für mich in dieser Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu müssen, Dir Leid zu bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zärtlichkeit weh tat. Und doch, wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? In so verschüttete Tiefen sankt Ihr hinab, daß ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn, ohne Mädchen, das die Mutter kommender Geschlechter würde. Wie schön, wie unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte — ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen mußtet, frei zu sein, als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden!

Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind, wenn sie sich auf jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten, für die ich die Verpflichtung fühlte, zu sein, der mein künftiges Leben geopfert wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser Stunde, daß ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen zu können, was wir vermochten. Für Dich, Du vielgestaltete unendliche Masse der Völker, die Du, im Elend und im Glücke leidend, an Deinen Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest.

Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt für sie, auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig dieser Wille in mir war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die Erde in allen Weiten und Tiefen zu erschöpfen, nicht geringer in mir gewesen ist.

Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grüßt Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch

Armin Wegner,

im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersättlichkeit des Lebens.

Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten!