[2] Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und veranlaßte die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei.

An die Mutter

Babel, den 18. Juni 1916.

Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal schrieb, wußte ich noch nichts von dem Tode unseres Bruders, und doch ist mir, als müßte eine Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu mir gesprochen haben, daß ich Dir dieses sagte: auch Du hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Als könnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals schrieb.

Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, um einen Urlaub nach Babylon zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten Brief in die Hand, ich lief die Treppe zum Fluß hinunter, um das Boot zu besteigen, und im Hinabschreiten öffnete ich den Umschlag. Als ich den schwarzen Rand erblickte, dachte ich gleich: es ist der Vater. Dann las ich von dem Tode unseres armen Ikarus, der so früh seine Flügel gebrochen hat. Eine Weile später stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers und hörte, wie eine Stimme zu mir sagte: „Was machen Sie für ein Gesicht? ...“ Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt, wie mir die Tränen aufstiegen, und konnte nicht sprechen.

Ich fuhr den Fluß zurück über das opalfarbene Wasser, badende Knaben scherzten am Ufer, der volle Mond erblühte am Himmel. In dieser Nacht schlief ich wenig. Immer sah ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah eine unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der sich die blauen Adern abzeichnen, wie sie inmitten fremder Menschen und der kalten Geschäftigkeit eines ungerührten Soldatenlebens an dem Sarge ihres Kindes stand, mit einer schüchternen Bewegung ihrer weißen Finger über seine blonde Stirne streichend, als wollte sie noch einmal sagen: mein Junge. Und ich sehe uns ältere Brüder mit einem bunten schottischen Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres Hauses rennen, daß uns die kleinen Beine kaum folgen können, blonde Härchen, über denen eine weiße Pudelmütze hing mit einem Ponpon daran. Und ich sehe unsern Bruder nach Hause kommen mit seinem zerbrochenen Ärmchen, dem der Knochen aus dem Gelenk gerissen war, weil er schon so früh seine Seiltänzer- und Fliegerkünste auf den regenglatten Barrieren des Viehmarktes übte, und ich denke, daß er eigentlich immer unglücklich in seinen Unternehmungen gewesen ist. Armer Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend zwei braungewichste Schuhe in einem Winkel des Zimmers, blank wie eine Kastanie, einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, und ich bin nicht bei ihr, ihr die Tränen von den Wangen zu küssen.

Im Dunkel gehe ich noch einmal an den Fluß hinab. Unter den Palmen haben türkische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, ihrer Uniform ledig, in ihren zerrissenen Hemden auf der bloßen, noch warmen Erde, ihre Lämmer, die sie morgen schlachten werden, in ihrem weißen, wolligen Fell am Boden ruhend, zwischen sich; und ich denke, daß auch sie alle nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich die Gestalt meiner Mutter von neuem zwischen den Zelten auftauchen, blaß vom Mondlicht beleuchtet, und wieder sehe ich diese schmale, blaugeäderte Hand vor mir, die zärtlich nach der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf das Dach unseres Hauses und werfe mich auf die Decken. Aber ich kann nicht schlafen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht.

Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir reisten die Nacht durch. Ich saß mit Arabern in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch die Wüste. Einmal an einer Wasserstelle traten einige hinaus, breiteten ihren Teppich auf den Boden und standen zwischen Sonne und Mond über dem ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht gegen den Himmel gerichtet. Wie nahe empfand ich sie mir in dieser Stunde, als sie niederknieten, voll Anbetung diese ewige Erde mit der Stirn zu berühren, und als ich den Wagen bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand in den Staub greifend, erschüttert von der Erhabenheit dieser Natur. Um Mitternacht hielten wir an einer Karawanserei. Ich ließ mein Bett auf dem Dache des Hauses ausbreiten, aß etwas Brot und Käse und öffnete meine Kleider dem Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch im Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte Buttermilch aus einem Ziegenschlauch. „Libben, Libben,“ sagte seine schläfrige Stimme.

Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch die Wüste, und wie glücklich war ich, die Erde von neuem unter mir gleiten zu fühlen. Kamel- und Ziegenkarawanen schwammen im Zwielicht mit wunderlichen Köpfen an uns vorbei. In der hellen Sonne hob sich die Staubkrone von Babylon aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt auf mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhütten und Ziegelruinen versunkener Riesenpaläste fühle ich zwischen den vielen Unbegreiflichkeiten, die mich unter einem heißen Himmel in ausgebrannter Seele bewegen, auch diese, daß mein Bruder gestorben ist. Vielleicht empfinde ich weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, von den Gesichtern fremder Menschen und Landschaften umstellt, den Schmerz, der vielfach gestaltet in den Straßen der Heimat auf mich wartet, um in der Stunde der Heimkehr über mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden mich müde gemacht, in jenen Stunden, da auch ich abgeschlossen hatte mit meinem Leben, dessen Tagebuchblätter mit vielfachen Zungen zu mir reden, auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit ich nichts geschrieben finde als die Worte: „Meine arme Mutter.“ Wann werden meine Augen, die so viel Blut getrunken haben, noch einmal die Tage der Schönheit und des Friedens schauen? Wann werde ich wieder den Duft blühender Veilchen riechen? Fortzugehen aus dieser Welt des Jammers und der Verbrechen, nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am Wege, eine Blume im Wind ... o meine Mutter, wer das könnte! Aber glaube mir, daß auch auf Deine Lippen noch einmal ein Lächeln treten wird, wenn aus den Händen Deiner Söhne die starken Früchte erwachsen, die Du ersehntest. Sieh, noch aus den tiefsten Abgründen der Erde wollen wir das Glück der Kommenden in die Höhe bauen, daß Sonne auch um Deine alternde Schläfe spielt, die ich mich zärtlich neige zu küssen. Ach, möchtest Du im Elend so glücklich sein, wie Dein trotz aller Leiden des Körpers und der Seele von tausend starken, unerschöpflichen Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe bei Dir sein wird immer, immer.

An einen Freund