Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen hältst, meine Liebe, so denke daran, daß ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die Wärme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch so viele verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das Letzte, was ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn zufällig in meiner Tasche fühlte, weckte er alle heißen, o so greifbar nahen Bilder von neuem in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern von ihm trenne, als wäre dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause, sondern auch Deines Herzens und der Pförtner aller Glückseligkeit. Das erste Mal fühlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenüber saß, die mit ihrem Schoßhund spielte: „O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim? Denn Sie müssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus Paris geflohen und hat Lüttich mitgemacht. Ah mon petit, donne moi un baiser ...!“ Und sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit Butter bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlüssel wie eine Waffe vor mir auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt in den weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu werden, aufgespießt von den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören mit gehässigem Lachen das Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. „Ah, le Kaiser, le fou“, sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwärtig wie ein Flaubertscher Landpächter.
Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der Galatabrücke in der hellen Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt, das Dir Grüße und Dank bringt für jene von Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen setzen, daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wußten. Ach, ich könnte mir vorstellen, daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem Schatten lebend, und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen, ihn auch jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wüste zu nehmen, wohin ich in diesen Tagen reise. Über das schimmernde Wasser blickend, neige ich mich in der heißen Sonne über die Brüstung, und nachdem ich so viele kostbare und unwiderbringliche Schätze in den grundlosen Brunnen des Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt mich eine warme Verlockung, in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu empfangen.
An die Eltern
Konstantinopel, den 2. Nov. 1915.
Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes.
Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die Militärmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und ich bin nichts als ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben soll. Ich werde zwischen türkischen Soldaten schlafen und mich von Abfällen nähren wie eine Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt. Ich bin dem Stabe des Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf Tage lang suchte ich meinen beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen, um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens für mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten, jedesmal über achtzig Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des Kriegsministeriums betrat.
Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen. Ich bin mir wohl bewußt, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört, ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere, meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die Gräben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will. Schließlich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser Haupt schwirrt. Denn niemand kann die Wechselfälle des Lebens voraussehen, die mich immer gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum Tode.
Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe für mich, nicht für das Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, daß ich es nicht um der Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe mein Leben eingesetzt für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich ich bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden Epauletten und goldenen Schnüren über der Brust? Wie sie am Rande der Wüste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan. Unter ihnen ist einer von schlanker Gestalt, groß, den Kopf ein wenig vornübergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der Offiziere? Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es ist Euer Sohn. Er ist glücklich, auch hier das Leben als ein Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind. Mit zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem Leben zu beugen.
Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo morgen?
Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat.