Frau Selicke: Nein, nein! Du sollst sehen! Ich kann mich heilig darauf verlassen! (weinerlich) Pass mal auf! Pass mal auf!
Toni: Ach siehst Du, Mutterchen! Wenn Du Dich vorher schon immer so ängstlich machst, dann ist es ja gar kein Wunder! ... Mach’s wie ich! Lass ihn kommen! Widersprich ihm mit keinem Wort! ... Lass ihn räsonniren, soviel wie er will! Einmal muss er dann doch aufhören und durch sein Räsonniren wird es ja doch nicht besser.
Frau Selicke: Ach Gott ja! Eigentlich ist’s auch wahr! Man müsste garnich drauf hören! Wenn ich nur nich so nervös wäre! Wenn ich ihn dann aber so sehe, in seinem Zustande, und er kommt dann auch noch mit seinen Ungerechtigkeiten, dann kann ich mich nich halten! ... Es ist mir rein unmöglich! .... Dann läuft mir jedesmal die Galle über!
Toni: Siehst Du! Aber grade dadurch wird es immer erst schlimm! Lass ihn schimpfen, die Augen rollen, Fäuste machen: Du musst es gar nicht beachten! Schliesslich thut er ja doch nichts! ... Siehst Du, Du musst mich nicht falsch verstehn! aber ich glaube, Du hast ihn von Anfang an nicht recht zu behandeln gewusst, Mutterchen!
Frau Selicke: Ja! ’s is auch wahr! ... Er hätte nur so eine recht resolute haben sollen!
Toni: Ach, nein! So meinte ich’s nicht! ... Ach!
Frau Selicke: Nein! ’s ist ja wirklich wahr! ... Da soll man sich nun nicht empören! ... Hier liegt das arme Kind krank, man weiss nich vor Sorgen wohin? Andre Leute freuen sich heute, und wir ... Na! und dann soll man ihm auch noch freundlich entgegenkommen? ... Das kann ich einfach nicht! Das kann ich nicht!! ....
Toni (seufzend): Aber dann würde er sicher anders sein, wenn Du Dich ein bischen zwängst, Mutterchen! ... Er ist ja im Grunde eigentlich gar nicht so schlimm, wie er thut!
Frau Selicke: Er hat mich die ganzen Jahre her zu schlecht behandelt! Ich kann mich nicht überwinden, freundlich mit ihm zu sein!
Toni: Ach ja, ja! (Kleine Pause. Holt aus dem Tischchen links ihr Nähzeug vor, setzt sich einen Stuhl an den Sophatisch und beginnt zu nähen.)