Walter (aus der Kammer in höchster Angst): Mutterchen! Mutterchen! Es pumpert gegen die Küchenthür!

Frau Selicke: Ach Gott, ach Gott! Is der schwer! ... Ruhig, Walter! Sei still, mein Junge! ... Thu, als ob Du schläfst! ... Toni, mach auf!

Toni: Ja! Geh so lang’ vorn raus, Mutterchen! Auf alle Fälle! (Toni ab in die Küche mit der Lampe. Frau Selicke steht einen Augenblick nach der Küche hin lauschend. Zittert. Presst beide Hände aufs Herz. Geht dann auf die Flurthür zu. — Es poltert in der Küche. Schwere Schritte. Eine tiefe Bassstimme. Lustiges Lachen. — Frau Selicke verschwindet schnell im Flur. Die Küchenthür wird aufgestossen. Noch hinter der Scene die Stimme Selicke’s: „Na? .. Tönchen.. Tööönchen..“)

Selicke (tritt in die Stube, welche in diesem Augenblicke nur vom Mondlicht und von dem Licht der Lampe, das aus der Küche in die Stube fällt, hell ist. Selicke: ein grosser, breitschultriger Mann mit schwarzgrauem Vollbart. Schwarzer Sonntagsanzug unter dem offenstehenden Ueberrock. Er schleift einen kleinen Christbaum hinter sich her; aus den Taschen sieht Papier von Packeten und Düten vor. Unter den Arm hat er eine grosse, weisse Düte gequetscht. Er ist angetrunken. Taumelt aber nur sehr wenig und spricht alles deutlich, nur etwas langsam und schwerfällig. Sagt in sehr guter Laune): Na?! ... Habt Ihr wieder kein Licht. Ihr Tausendsakramenter. Ihr? ... Hm? ... (Lacht fortwährend leise vor sich hin, nickt mit dem Kopf und macht ein pfiffiges Gesicht, als wenn er eine Ueberraschung vor hätte. Toni kommt ihm mit der Lampe nach. Setzt sie auf den Sophatisch.) Huaach! ... Ne! Wird man — müde .. wenn man so auf dem Weihnachtsmarkt rumläuft? ... (Lacht und blinzelt Toni zu, die am Sophatisch in seiner Nähe steht.) ... ’n hübscher Baum — hbf! — hä? ... Holt man morgen früh gleich die — hb! — Hütsche vom Boden! — Da! Nimm ihn hin! — (Giebt Toni den Baum; thut scherzhaft, als wenn er sie erschrecken wollte. Sie lächelt gezwungen und stellt den Baum bei Seite. Er lacht, wendet sich dann zum Tische und fängt an seine Taschen auszupacken; singt dabei: „ Nicht Ross’, nicht Reisige...“ sich unterbrechend): Wo sind denn ... die Jungens?

Toni: Sie schlafen schon!

Selicke: Wie — hb! — Wie spät is denn — eigentlich?

Toni: Zwei.

Selicke (thut sehr erstaunt): Was — Kuckuck! Zwei?! — (Hebt, indem er weiter auspackt, abermals an: „ Nicht Ross’, nicht Reisige “. Er nimmt aus einer Düte zwei Pfannkuchen, geht damit auf die Kammer zu und ruft mit gedämpfter Stimme): He! Walter! — Walter! — Willste noch ’n Pfannkuchen? (Bekommt zuerst keine Antwort.) Na?!

Walter (in der Kammer, halb ängstlich): Ja!

Selicke: Da! Fang! (Wirft den Pfannkuchen nach Walters Bett hin und lacht.) Na, Grosser! Du auch? (Albert antwortet nicht.) Eh! Frisst ’n je doch! Da! (Wirft auch ihm einen Pfannkuchen zu und geht dann vergnügt, leise vor sich hinpfeifend, zum Tisch zurück.) Ja, ja! Die Jungens! („ Nicht Ross’, nicht Reisige...“ — Toni, die solange am Tisch gestanden, hat abwechselnd ihn beobachtet und zur Flurthür hingesehn. Er kramt wieder mit den Sachen. Holt das Portemonnaie vor, klappert mit dem Gelde. Legt ein Goldstück auf den Tisch.) Hier! ... Da können wir beide ... morgen früh noch ... Einiges einkaufen ... gehn! Die Jungens könn’n dann ’n Baum putzen ... und am Abend ... bescheer’n wir! ... Na? Was machst’ denn für’n Gesicht?!