Kaum sind die Flügel der jungen Hornissen richtig hart geworden, da fangen sie auch schon an zu arbeiten. Sie nehmen der Mutter alle Last ab, fliegen aus und holen Holzstoff zum Bauen und Nahrung zum Füllen der Zellen, die Mutter, die Königin, braucht nur Eier zu legen und ab und zu etwas Nahrung zu suchen, wenn sie nicht einfach die Zellen ausschleckt.

Bei dem emsigen Fleiße der kleinen Arbeiter wächst das Nest rasch heran. Erst war es nur eine einzige Wabe mit wenig Zellen und eine dünne Kugelhülle spann sich darüber. Jetzt wird an einigen Stielen über die erste Wabe eine zweite errichtet mit vielen Zellen, die schon etwas größer sind als die von der Königin gebauten. Wieder wird darüber eine weite Hülle aus Holzpapier gepappt und darüber eine noch weitere mit neuen Waben. Und alle Zellen werden mit Futter für die Larven vollgestopft, und die Königin legt dann ein Ei hinein.

Der September ist herangekommen. Die Papierburg der Hornissen in der Walkmühle hat sich mächtig verändert. Ein Bau, der weit größer ist als ein Männerkopf, hängt dort am Balken und ein gefährliches Brummen tönt hinter den dünnen grauen Papierwänden hervor. Wehe dem Unglücklichen, der jetzt in der Nähe des Nests den Zorn einer Hornisse erregt. Sie dringt unter eigenartigem Flügelsummen auf den Störenfried ein und versucht, ihn zu stechen. Aber während der Verfolgte noch die eine abwehrt, hat ihr zorniges Flügelsummen Gehilfen herbeigerufen. Zehn, zwanzig und noch mehr eilen herbei, und wenn man auch zehn abwehrt, so setzen sich doch andre zehn auf Arme und Beine, laufen umher und biegen den geschmeidigen Hinterleib. Und wenn sie an eine unbekleidete Stelle kommen, an Hals oder Gesicht, dann kneifen sie ihre Kiefer ein, halten sich mit sechs krallenbewehrten Beinen fest und bohren den langen, spitzen Giftstachel tief hinein ins Fleisch des Feindes. Was nützt es, wenn ein wuchtiger Schlag den kleinen, gelbgepanzerten Feind zu Brei schlägt. Zwanzig, dreißig Rächer stachelt der Blutgeruch zu rasender Wut an und Stich folgt auf Stich. Wer kann es dem Tapfersten verargen, wenn er vor den kleinen, gefährlichen Feinden eilig entflieht, oder sich zu Boden wirft in der berechtigten Hoffnung, daß die Hornissen ihn so nur schwer entdecken und sich bald beruhigen, so daß er unzerstochen entfliehen kann? Denn ein Hornissenstich ist ungemein schmerzhaft, eine riesengroße Beule ist noch wochenlang das Erinnerungszeichen. Es ist auch möglich, daß ein kleineres Tier, wie ein Hund, ja sogar ein Mensch, der nicht entfliehen kann, von den Hornissen getötet wird, obgleich es auch stark übertrieben ist, wenn der Volksmund sagt: Neun töten ein Pferd.

Doch der schmerzhafte Stich ist jetzt nicht die einzige Unannehmlichkeit der Hornissen. Sie schwärmen weithin über die Felder bis hinüber zum Dorfe. Dort schwelgen sie in den zartschaligen Gartenfrüchten, schroten die süßen Pflaumen und saftigen Birnen und verwüsten vor allem eine große Menge Weintrauben. Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen, und die Hornissen sind gerade solche Schleckermäuler, wie ihre kleineren Vettern. Doch ihre Gier nach Süßigkeiten ist auch ihr Verderb. Überall in den heimgesuchten Weinspalieren werden weithalsige Flaschen aufgehängt, in die verdünnter Sirup und Fruchtsaft geschüttet worden ist. Nun gärt das Gemisch, und der süßalkoholische Duft lockt die Hornissen an. Wenn sie dann in den Flaschenhals kriechen, werden sie von der Kohlensäure, die sich bei der Gärung bildet, betäubt, sie fallen hinein in den lockenden Saft und ertrinken.

Je mehr die kühlere Jahreszeit heranrückt, um so ruhiger wird es in der Papierburg. Zwar bis weit hinein in den Oktober trotzen die Hornissen der Kühle der Nächte. Junge, große Weibchen schlüpfen noch aus den Zellen und dickleibige Männchen. Sie schwärmen aus zum Hochzeitsfluge, doch je kühler es wird, desto seltener kommen die befruchteten Weibchen zum Neste zurück. Sie verkriechen sich in hohle Baumstämme, in Ställe und Scheunen, legen die Fühler an den Kopf und verfallen in den scheintoten Zustand des Winterschlafs.

Im Mutternest wird die Zahl der Bewohner immer kleiner. Die alte Mutter des Stocks stirbt, die Männchen fliegen fort und verenden draußen, und auch von den Arbeitern, den unfruchtbaren Weibchen, bleibt eine nach der andern weg. Wenn dann die ersten starken Fröste kommen, leben nur noch wenige, und auch von denen sieht keine den kommenden Frühling. Öde und verlassen hängt die große Glocke im Winter am Balken in der Walkmühle. Eine Anzahl tote Arbeiter liegen noch drinnen, in den Waben sind beinahe schlupfreife Larven erfroren, die Papierburg ist ausgestorben.

Doch wenn der Frühling kommt, dann lockt er die überwinterten Königinnen aus ihren Verstecken, und bald entstehen in hohlen Bäumen, in verlassenen Gebäuden neue Kolonien, neue Burgen der gelben Wegelagerer.

Hermännchen

Am Waldrande liegt eine alte Ruine, das „wüste Schloß“ heißt sie bei den Landleuten. Nur einige hohe, dicke Mauern stehen noch, einige Fensternischen sind noch erhalten, alles andre bildet einen großen Trümmerhaufen. Und jährlich geht die Zerstörung weiter. Da füllt tauender Schnee die Ritzen zwischen den Steinen mit Schmelzwasser, der Frost in der nächsten Nacht läßt das Wasser erstarren, und das Eis drängt und sprengt die Steine voneinander. Zwischen den Rissen sprießen die Holundersträucher hervor und Birken. Weit hinein senden sie ihre zarten Würzelchen in die Risse des Gemäuers. Aber die erstarkenden Wurzeln stemmen sich mit Titanengewalt gegen die fesselnde Enge der Gesteinsspalten, und der Mörtel, den Jahrhunderte gehärtet haben, muß nachgeben und bröckelt in die Tiefe.

Es ist nicht recht geheuer beim wüsten Schloß. Am Tage drohen fallende Steine den Wanderer zu verletzen, die eine geheimnisvolle Kraft von den Mauern loswuchtet und nach dem vorwitzigen Menschenkind hinunterwirft. Am Abend kann man deutlich wilde Schreie hören, Jauchzen und tiefes Pfeifen; dann wieder dumpfes Seufzen, hu, hu, hu, tönts aus dem alten Gemäuer. Schon am Tage kommt selten ein Mensch hierher und scheucht die zahlreichen Ringelnattern, die ein beschaulich ungestörtes Dasein führen. Am Abend sucht erst recht hier niemand einzudringen in das gruselige Geheimnis der alten Ruine. Deshalb spuken balzende Waldkäuze gern hier, und die Ohreule seufzt ihr schauerliches Liebeslied. Hier treffen sich im Winter die verliebten Füchse und lassen ihr heiseres Bellen erschallen, hier hört man im März das Fauchen und Kreischen liebestoller Stinkmarder, die durch einen schmalen Spalt hinuntersteigen in ihre Schlupfwinkel in den alten, verfallenen Kellern, sobald der Morgen graut. Von dem kleinen, schlanken Vetter, der etwas abseits unter einem großen Steinhaufen haust, hört man selten einen Ton. Das Hermelin ist ein stilles, heimliches Tier.