Später begleiten die Sprößlinge die Mutter auch auf ihren Streifzügen, bis sie allmählich selbständiger werden und gegen den Herbst hin sich in die Umgegend verstreuen. Sie beginnen umherzustreifen, messen sich bald auf den Stoppelfeldern mit jungen Hamstern, bald fangen sie die braune Wühlmaus im Walde. Sie kehren auch zu Zeiten mal wieder in den Trümmerhaufen des wüsten Schlosses zurück, aber bestimmt kann man sie nirgendwo antreffen, unstet betreiben sie bald hier, bald da ihre Jagd. So kommt es, daß hier eins vom Jagdhund gewürgt wird bei der Hühnersuche, dort eins im Stall des Bauern erschlagen wird, weil es sein Interesse für Kaninchenbraten allzu unverblümt gezeigt hat.
Mögen auch einige einen frühen Tod sterben, die Mehrzahl schlägt sich doch durchs Leben, ihre Vorsicht und Schlauheit bewahrt sie doch meist vor einem Unglück. Und wenn dann der Winter kommt und mit weißen Flocken Mutter Erde einhüllt, dann zieht auch das Hermelin eine weiße Jacke an, und die schwarze Schwanzspitze guckt noch darunter hervor. Gegen den Frühling, wenn es wieder wärmer wird, dann legt es auch stückweise den alten Rock wieder an, ist eine Zeitlang weißbraun gefleckt, bis es wieder den braunen Sommerflaus trägt, der es verschwinden läßt auf dem braunen Acker, auf dem laubbedeckten Waldboden.
Ein Räuber ist das Wiesel, ein blutgieriger sogar, aber kein Naturfreund kann ihm dauernd gram sein, dazu ist es viel zu hübsch, man verzeiht ihm immer wieder auch die blutigste Übeltat.
Raubritter
Eine milde Märznacht beginnt zu weichen. Noch läßt der Waldkauz seine jauchzende Balzarie hören, noch tönt das „Guuk“ des Käuzchens aus den Kopfweiden am Bachufer. Doch bald verstummt das nächtliche Konzert. Im Dorfe kräht ein Hahn, bald antwortet ein zweiter, der östliche Himmel schmückt sich mit rosigen Tinten. Vom Kirchendache begrüßt der Hausrötel den erwachenden Tag mit seinem komischen Liede, am Bachufer erwacht das Rotkehlchen und schnickst traumverloren. Jetzt erwacht auch der Frühwind und fährt flüsternd durch das Laub der Steineiche, dann knarrt er ein wenig mit ihrem losen Aste, bläst in den Kobel des Eichhorns, verkündet ihm einen neuen Tag und eilt weiter, andre Schläfer zu wecken. Zum Spechtloch bläst er hinein, aber die Meise will noch nichts vom Aufstehen wissen, auch der Feldspatz im hohlen Apfelbaume plustert sich nur noch etwas mehr auf beim Morgengruß des Windes und schilt leise über die Störung. Und weiter eilt der lose Geselle. Dort nimmt er der Waldmaus das dürre Eichenblatt weg, unter dem sie eben eine keimende Nuß zerknabbern wollte, dann wirbelt er ein wenig im Stangenholze und verdirbt Langschwanz, dem Fuchs, die Jagd. Stampfend schlüpft das Kaninchen in den Bau, das noch rechtzeitig die Witterung des Schleichers in das wachsame Näschen bekam. Rastlos weiter eilt der Wind hinaus auf die Wiese, jagt die Nebelschwaden durcheinander, kost der jungen Magd des Försters die Wangen und spielt mit ihren Löckchen, dann geht es zum Feldgehölz. In den Fichten schlafen die Goldhähnchen und wollen geweckt sein, einer Elster ist eine wichtige Botschaft auszurichten, und vor allem der Herr Baron muß begrüßt werden, der dort seine Wohnung hat.
Ärgerlich über den dummen Wind, der ihm so unzart die Nackenfedern zaust, öffnet der Sperber seine gelben Augen. „Wahrhaftig, es ist schon ganz hell, die Sonne geht schon auf“, so denkt er. Er schüttelt sein Gefieder, reckt die runden Fittiche, fächert den gebänderten Stoß, ordnet die rostbraunen Federn der Brust, juckt in den blaugrauen Schulterfedern und bringt einige quälende Federläuse zur Ruhe, — der Herr Baron macht Toilette. Jetzt wäre eigentlich ein kleines Frühstück am Platze, aber wo ist das am leichtesten zu holen? Die Lerche, die sich soeben singend von der Scholle aufschwingt, wäre ja ein ganz guter Bissen, aber sie ist zu schnell in den Wolken verschwunden, und man muß sich mächtig anstrengen, um sie zu fangen. Meisen wieder sind leicht zu fangen, wenn sie über freies Feld fliegen, aber das tun sie selten; die Sperlinge im Dorfe sitzen noch im Weinspalier an der Pfarre und machen Frühkonzert, sehr fraglich, ob man da einen kriegt. Aber halt, an der Feldscheune waren gestern Ammern und Finken, dort ist es nicht allzu schwer, einen plumpen Finken zu fangen. Zur Not wimmelt es dort von Feldmäusen, sie schmecken zwar nicht besonders, aber sie machen auch satt. Also auf zur Feldscheune!
Mit einem raschen Schwunge wirft sich der Sperber von seinem Aste, und tief am Boden streicht er dahin, quer über die Felder zunächst, dann am Raine entlang. Gedeckt durch einen Rosenstrauch, kommt er ungesehen in die Nähe, aber als er sich in jähem Bogen unter die vermeintlichen Opfer stürzen will, findet er sich in seiner Berechnung betrogen: keine Ammer, kein Fink, nicht einmal eine lumpige Maus ist zu sehen. Geduldiges Abwarten verhilft vielleicht eher zu einem Frühstück. Dort der Balken ist ein schönes Ruheplätzchen, die Sonne scheint so warm dorthin, und versteckt sitzt man dort auch; dort setzt sich der Sperber hin und reckt und räkelt sich in der Sonne. Sein Sonnenbad gefällt ihm so, daß er fast seinen knurrenden Magen vergißt. Eine wispernde und raschelnde Feldmaus erweckt kaum seine Aufmerksamkeit. Doch plötzlich ruckt er zusammen. Gääb, gääb, lockt es aus der Luft. „Ei, fette Böhämmer“, denkt der Sperber und sitzt stockstill. Wirklich, eine Schar Bergfinken kommt im hüpfenden Bogenflug herbei und schwenkt über der breitgewehten Spreu. Gierig funkeln die gelben Augen des Strauchritters auf dem Balken, tief zwischen die Flügelbuge eingezogen ist der Kopf, jeder Muskel in den langen gelben Fängen (Beinen) strafft sich. Jetzt nahen sich die arglosen Finken wieder und lassen sich einzeln auf der Spreu nieder, da fährt in brausendem Fluge der Todfeind unter sie. Erschreckt stieben die Fremdlinge aus Lappland auseinander; doch zu spät. Ein prächtiges Männchen mit schwarzem Kopf, rostgelber Brust und schneeweißem Bürzel bildet ein gutes Ziel. Schon ist der Räuber neben ihm, jetzt eine kurze Drehung, ein sicherer Griff von der Seite her, und ein letzter Angstlaut des Opfers erstirbt unter dem furchtbaren Drucke.
Der glückliche Jäger eilt mit seiner Beute einem verborgenen Fleckchen zu, um ungestört kröpfen (fressen) zu können. Dort am Raine, wo Rainfarn und Disteln mit ihren überwinterten dürren Stengeln sich über die Ackerfurche neigen, kann keine Krähe so leicht dem Schmause zuschauen; dort läßt sich der Sperber nieder. Hastig rupft er die langen, schwarzen Schwanzfedern, die Schwungfedern, die gelben Unterflügelfedern ab, dann verschlingt er Kopf mit Schnabel, auch die Beine des Bergfinken wandern in den Kropf, dann etwas von den Eingeweiden, ein wenig Brustfleisch, und der Räuber ist für den Augenblick gesättigt.
Die warme Luft, der Sonnenschein, das leckere Mal, dies alles stimmt den Sperber froh; er schwingt sich auf und schraubt sich hoch und höher, um sich an Flugspielen zu ergötzen und ein wenig nach der Gattin auszuschauen, die im Nachbarrevier den Winter über der Jagd oblag. Ja, besonders fest sind außer der Brutzeit die ehelichen Banden der Familie Sperber nicht, aber jetzt fühlt der Gatte das Herannahen der Minnezeit in allen Gliedern, es treibt ihn fort, die Gemahlin zu suchen. Doch, siehe da, auch sie scheint die gleichen Empfindungen zu hegen; dort naht sie in raschem Fluge. Sogar zum Spielen ist sie heute aufgelegt, in elegantem Bogen stößt sie auf den Herrn Gemahl, der gewandt ausweicht, dann selbst zum Angreifer wird. Hin und her geht das Necken, oft durch längeres Kreisen unterbrochen. Voller Stolz ruht das Auge des Männchens auf seinem Weibchen. Wahrhaftig, eine stattliche Schöne! Fast doppelt so groß wie ihr Gemahl erscheint sie; die lichte Brust ist mit schmalen, dunklen Binden verziert, der Rücken in stumpfes Grau gekleidet.
Doch lange hält die Lust zum Spielen nicht an; eine trübe Wolke schiebt sich vor die Sonne, die Luft geht etwas kühler, und eilig entfliehen alle Liebesgedanken. Vor dem Mai denken ja die Sperber noch nicht an Nestbau und Kindersegen. Ein neuer Jagdzug beginnt. Frau Sperber hat bis jetzt noch nicht viel im Magen. Einen Sperling schlug sie im Pfarrgarten; doch sie hatte nur eben erst mit dem Frühstück begonnen, da schob sich zu einem offenen Fenster ein schwarzes Rohr heraus, ein Knall ertönte, und dicht neben ihr spritzte die Erde auf — da war sie eilend geflohen und hatte den Sperling liegen lassen. Pastors Hans aber hatte ärgerlich sein Teschin beiseite gestellt; wieder war seine schöne Trommeltäubin ungerächt geblieben, die gestern Madame Sperber eben noch erwischte, als sie sich im Schlage vor dem hitzigen Verfolger retten wollte. Da hatte kein Pfeifen, kein Schreien des Besitzers etwas genützt, der geworfene Stein pfiff weit vom Räuber durch die Luft, der mit seiner schweren Beute mühsam dem Walde zustrebte. Hei, das war ein Streich, eines starken Sperberweibs würdig, noch heute freute es sich über die ohnmächtige Wut des Menschenkindes; aber allzuoft darf man die Tauben nicht heimsuchen, denn wenn die Klagen zu des Försters Ohren dringen, dann ist die Gefahr groß.