Schnüffel ist stolz auf seine Kühnheit, Hunden gegenüber; aber auch sonst gibt es Gelegenheit genug, zu zeigen, daß unter seinem stachligen Fell ein tapferes Herz wohnt. Gar manche Ratte, vor der auch Schnorrers tapferes Katerherz ängstlich zu werden begann, ist unter seinem Biß verblutet. Zufassen und nicht loslassen ist die Hauptsache bei der Rattenjagd, und dann schnell wie der Blitz das Stachelvisier herunter, dann kann die erfaßte Ratte rasen und beißen wie sie will. Wenn sie sich dann jämmerlich zerstochen und mattgetobt hat, dann kann ein zweiter und nach einer Weile ein dritter und vierter Biß das Opfer töten, und der Schmaus kann beginnen. Dann ist Schnüffel froh und zufrieden, bis das Mahl beendet ist.

Die ritterlichsten Kämpfe gibt es aber doch im Frühjahr, wenn die Liebe an das Igelherz rührt. Dann zieht Schnüffel hinaus in den Wald, um sich eine oder auch einige Schöne zu suchen; denn betreffs ehelicher Treue nimmt er es nicht sonderlich genau. Zwar versuchen die rechtmäßigen Liebhaber den unliebsamen Eindringling mit der Stirnnarbe zu vertreiben und ihre angestammten Rechte zu behaupten, aber ohne Erfolg. Keiner kann so wuchtige Schläge mit dem Stachelhelm austeilen wie Schnüffel, keiner kann wie er jede Blöße des Gegners zu einem raschen Bisse benutzen. Hat er dann der Minne Sold genossen, dann hat er nichts dagegen, wenn der frühere Galan wieder an seine Stelle tritt, dann eilt er weiter, um neue Abenteuer zu bestehen.

Doch nicht nur Liebeskämpfe, auch andere Sträuße besteht Schnüffel auf seinen Frühjahrsfahrten. Just um die gleiche Zeit, Anfang April, erwachen auch die Kreuzottern aus ihrer winterlichen Erstarrung und kriechen heraus, um Sonnenbäder zu nehmen. Wenn eine aber Schnüffel in die Quere kommt, kann sie ihr Testament machen. Zwar giftfest ist er nicht, aber er verläßt sich auf sein Kleid, klappt den Helm vor und beißt das giftige Reptil einfach tot, um es dann zu verzehren.

Im Frühjahr hält Schnüffel überhaupt auf kräftige Kost. Wenn man vom November bis zum März rein gar nichts genießt, dann bleibt auch beim sparsamsten Atmen von den Fettpolstern des Herbstes nichts übrig. Dann schlittert die Haut um den Körper, aus dem fetten Schweinigel des Herbstes ist ein dürrer Hundeigel geworden. Und dabei ist der Tisch im Frühjahr durchaus nicht etwa allzu reich gedeckt. Dicke Schnecken gibt es noch nicht viel, Regenwürmer sind auch nicht häufig zu finden. Gar viele Mäuse sind in der Nässe des Frühjahrs umgekommen, Eidechsen und Blindschleichen, Ringelnattern und Kreuzottern muß man am Tage suchen. Doch Schnüffel leidet trotzdem nicht Not. Jetzt macht er seinem Namen Ehre und durchschnuppert jeden Winkel nach etwas Genießbarem. Oft sind es nur Käfer und ihre Larven, die er findet, aber in großer Zahl machen sie auch satt. Bald fangen auch Rebhühner und Fasanen an, ihre Eier zu legen, da gibt es oft fette Tage. So ein paar frische Eier schmecken auch dem Igel gut. Wenn auch beim Ausschlürfen etwas vom Inhalt verloren geht, na, das schadet nicht viel, dann versucht man eben seine Zähne an einem andern. Am reichsten aber ist der Tisch in maikäferreichen Jahren gedeckt, wenn am Morgen die von der Kühle der Nacht erstarrten Käfer im Grase sitzen. Dann haben die spitzen Zähnchen Schnüffels fortwährend zu tun, und behaglich schmatzend verzehrt der Stachelheld einen nach dem andern. Wenn dann das feuchte Näschen noch eine Maus entdeckt hat, die durch rasches, bolzenartiges Zufahren erwischt wird oder die aus ihrem flachen Loche ausgescharrt werden kann, dann ist der Igel so ziemlich mit seinem Schicksal zufrieden.

Bald kommen die warmen Sommernächte, in denen die Kleintierwelt so zahlreich umherkriecht, das sind Feste für den Igel. Bald muß eine fette Schnecke, bald ein Regenwurm, dann ein Käfer hinunter in den Magen, bald wieder wird eine unerfahrene Maus erwischt oder eine junge Goldammer verspeist, die zu zeitig dem Neste entflogen war. Bei der reichlichen Kost wird Schnüffel fett, unter seiner Stachelhaut liegen dicke Fettpolster, und das dicke Bäuchlein scheint am Boden zu schleifen. Wenn dann der Herbst heranrückt und die Obstsorten reifen läßt, wendet sich Schnüffel mehr der Pflanzenkost zu. Bald verspeist er eine saftige Birne, bald eine blaue Pflaume, und dabei wird er immer fetter.

Wer aber glauben sollte, der alte Igel würde um so gemütlicher und zufriedener, je dicker er wird, der irrt gewaltig. Der Herbst ist die Zeit, wo Schnüffel am meisten schimpft. Er klagt, daß die Nächte so kalt würden und der leckerste Bissen dann keinen Reiz mehr für ihn hätte. Natürlich sind es die Menschen, denen Schnüffel die Abnahme der Wärme zuschreibt. Aber er will es sie schon fühlen lassen, nicht eine Schnecke, nicht eine Maus will er ihnen wegfangen, das mag tun, wer will, er streikt. Und dann geht er und sammelt abgefallenes Laub. Ganze Büschel voll schleppt er in den hohlen Weidenstumpf, auch dürres Gras trägt er dazu und formt ein warmes Nest, in dem er die ungünstige Jahreszeit verbringt. Wenn einmal Frost und Schnee die Erde in Bann hält, findet man selten einen Igel außer Versteck, erst die Märzsonne lockt sie wieder heraus.

Raben

In einem harten Winter hatten sie sich kennen gelernt. Ohne Vorstellung hatten sie gleich gefühlt, daß sie zusammengehörten, wenn er auch einen schwarzen Rock trug und sie eine nebelgraue Robe mit schwarzem Schulterkragen. Schon ihre Mundart hatte so viel Verwandtes, wenn er auch Rabenkrähensächsisch sprach, wie es in der Elbaue üblich ist, und sie den Nebelkrähendialekt der Lausitz. Die vielen Saatkrähen, in deren Gemeinschaft sie sich durch den Winter schlugen, hatten eine ganz andere Sprache. Zwar ihr Schnabel war länger, spitzer und feiner, aber ihre Stimme war rauh und grob, wenn sie nicht in Fisteltöne überschlug. Manchmal gesellten sich auch Dohlen zu ihrer Schar. Bei den Wanderungen waren die dann an der Spitze und ihr Djah, Djah gab den Weg an.

In einer so gemischten Gesellschaft gab es natürlich oft Zank und Streit. Da hatte eine alte Saatkrähe mit grindigem Schnabel eine Maus gehascht, doch die anderen Mitglieder der Gesellschaft suchten sie ihr abzujagen unter vielem Geschrei und Gekrächz. Bei den dampfenden Dunghaufen auf den Feldern ging es friedlicher her. Da war für alle genug zu fressen, ob es nun halbverdaute Haferkörner waren oder ein Heringskopf oder Wurstschalen. Nur besonders große Bissen erregten dann den Neid und die Streitlust der andern. Auch die beiden echten Raben, die Nebelkrähenjungfrau und der Rabenkrähenjüngling, mußten zunächst manchen Bissen an neidische Gefährten abtreten. Bald aber merkten sie, daß eigentlich doch ihre Schnäbel die kräftigeren waren, und nun machten sie selbst oft erfolgreiche Jagd auf fremde Bissen. Ein besonderes Freudenfest war es für die Raben, wenn ein Stück Fallwild gefunden wurde oder wenn Reineke Langschwanz, der Fuchs, einen Hasen gefangen hatte und ihn nun der Dickung zuschleppen wollte. Hei, das machte Spaß, ihm in jähem Schwunge einen Hieb zu versetzen, bis er verschüchtert seinen Raub im Stiche ließ und vor den lärmenden Galgenvögeln die Flucht ergriff. Dann füllten sich die Raben Kropf und Magen, bis nichts mehr hineinging.

Die Saatkrähen zupften und schlangen wohl auch, aber ihre Kost war das nicht; denen waren die Körner an der Fasanenfütterung viel lieber, wenn auch dort manche nach einem wundersam rauchenden Donner in den Schnee stürzte. Dann kam gewöhnlich ein Mann aus dem Fichtendickicht mit einem langen Ding in der Hand, nahm die Geschossene und ging seiner Wege. Dann war laut krächzendes Wehklagen in der Luft, aber lebendig wurde der Gefährte nicht wieder. Danach war die Fütterung einige Tage unheimlich und wurde gemieden.