Ein kleines, stinkendes Bächlein wälzt bunte, farbige Fabrikabwässer dem Flusse zu. Unaufhaltsam schwimmen die Aale hindurch. Aber wehe, der eine, der sich aus dem abgelassenen Teiche gerettet hatte, findet sich nicht rasch genug heraus aus den giftigen Fluten. Schon ist er am Ersticken, da umspülen ihn frische Wasser, die ein Wiesenbach dem Flusse zugeführt hat. Erschöpft macht er Halt. Da sieht er einen großen Raubfisch, der gleich ihm in dem reinen Wasser sich erholt. Ein Lachs ist es. Es treibt ihn auch zum Wandern, aber er muß stromaufwärts. Zum zweitenmal macht er schon den Weg. Im kalten Winter des vorigen Jahres hat er schon gelaicht im seichten sandigen Flußoberlauf, und jetzt ist er wieder auf der Wanderung dahin. Er weiß auch zu sagen, daß alle wandernden Aale Weibchen sind. Am Meeresufer warten die Aalmännchen auf ihre Schönen, der Lachs hat sie gesehen und soll ihre Grüße bringen.

Und er hat recht gesprochen. Noch einige Tage dauert die angestrengte Wanderung. Schon vermag unser Aal nicht mehr zu sagen, wie breit der Strom ist, in dem er wandert. Da fängt das Wasser an, fremdartig zu schmecken. Langsam gewöhnt sich der weitgereiste Fisch an das neue Wasser, dann aber wandert er kühn hinein in die salzige Flut. Und siehe da, er kann sie ohne Schaden ertragen.

Zwei kleine Aale haben sich zu ihm gesellt. Sie umspielen ihn und schmiegen sich an ihn; Männchen sind es, die um die Gunst des Weibchens werben. Und das hat gegen die Annäherung nichts einzuwenden. Tagelang wandern die drei vereint über den Boden der Nordsee dahin. Immer dicker und rundlicher wird der Leib des Weibchens. Der Laich beginnt zu reifen. Aber noch immer finden die Fische nicht die geeignete Stelle zum Ablegen der Eier, noch immer ist ihnen das Wasser zu flach. Endlich haben sie gefunden, was sie suchen. Eine Wassermasse von mehr als tausend Meter Höhe lastet auf ihnen, weit entfernt sind sie vom heimischen Gestade. Da legt das Aalweibchen seine Eier ab, und die Männchen schwimmen darüber hin und befruchten sie.

Langsam beginnt sich Leben zu zeigen in den Eiern, die dort am Meeresgrunde liegen. Schließlich schlüpfen die Jungen aus. Aber was für sonderbare Tiere sind das, sind es wirklich junge Aale, die aus den Eiern kommen? Glashell sind sie und schmal wie ein Band. Sie leben auch nicht wie ihre Eltern. Sie treiben sich schwimmend hoch über dem Boden umher und vermeiden es, im Schlamme zu wühlen, sie führen ein pelagisches Leben. Bei der guten Ernährung im Ozean wachsen sie rasch heran, bald haben sie die Länge eines Fingers erreicht. Da geht auf einmal eine sonderbare Veränderung mit ihnen vor. Sie werden wieder kleiner, sie werden kürzer und bekommen eine runde Gestalt. Noch sind sie glashell, aber allmählich beginnt ihre Haut sich dunkler zu färben. Sie wandern den Küsten zu, und die Weibchen fangen an, in den Flußläufen aufwärts zu steigen. Es sind jetzt richtige kleine Aale geworden. Ihr Leib ist dünn und rund wie eine Stricknadel, ihre Haut schwärzlich. Aus den Flüssen wandern sie in die Bäche, aus den Bächen in die Teiche. Schließlich leben sie, wie ihre Mütter lebten, bis sie ziemlich geschlechtsreif sind, um dann wieder dem Meere zuzuwandern.

Haselmaus

Dick aufgeplustert sitzt Goldschnabel, der kohlschwarze Amselhahn mit den goldigen Ringen um die braunen Augen auf dem Ebereschenbaum und verdaut. Er hat die Beine ins Bauchgefieder gesteckt, denn der November läßt sich schon recht kalt an. Na, aber solange noch korallenrote Beeren auf den Bäumen hängen und es leicht ist, eine dicke Fettschicht um den Körper zu erhalten, da hat’s keine Not. Und obendrein ist ja der Boden noch offen, und die Würmer sind noch nicht so tief unter der Erde, da gibt’s auch noch Fleischkost.

So weit ist eben Goldschnabel mit seinen Gedanken gekommen, da hat er auch schon Appetit auf Wurm. Faul schlägt er die Flügel und fliegt durch’s Unterholz. Dort, wo der Wind das dürre Laub von Eiche und Linde, von Birke und Ahorn unter den Haselbüschen zusammengefegt hat, dort weiß der Amselhahn den Tisch gedeckt. Er setzt sich aufs raschelnde Laub, hüpft rechts und links, wirft mit wilder Hast die dürren Blätter auseinander, trippelt einige Schrittchen vor, hält den Kopf schief und lauscht, fährt dann zu und ruckt und zerrt den erschreckten Wurm aus der Erde, schüttelt und stößt ihn auf den Boden und schluckt ihn dann hinter. Und weiter sucht er schon nach einem andern Bissen. Er räumt das Laub vom Wurzelstock des Haselstrauchs und schluckt, was er findet.

Und wie er so die Blätter umherwirft, da kommt er auf eine Kugel, die eingefügt ist zwischen die Haselwurzeln und fest und glatt aus Eichenblättern gefertigt. Goldschnabel guckt mit dem rechten Auge, dann mit dem linken, springt einen Satz zurück und dann wieder vor. Dann rupft er an den Blättern, denn vielleicht ist etwas zu essen da versteckt. Und wie er so reißt, da tönt ein feines, hohes Pfeifen aus der Blattkugel; als wenn ein Goldhähnchen da mitten drin säße, so klingt’s. Erschrocken ist die Amsel zurückgeprallt, aber die Neugier treibt sie wieder vor. Lange lauscht sie, dann rupft sie wieder, und wieder pfeift’s Sssiii. „Dack dack dack, das ist unheimlich,“ denkt Goldschnabel, „giggiggigg, komme doch mal jemand her, hier ist was,“ ruft er.

Und nicht lange dauerts, da kommt auch wer. Markwart, der Holzschreier, hat das Zetern der Amsel gehört, und gleich fliegt er herbei, zu sehen, was los ist. Laut kreischend meldet er sein Kommen, sieht sich von der Steineiche aus erst mal um, ob alles sicher ist, und gleich darauf sitzt er neben dem Amselhahne. „Ga—he freut mich, daß ihr mich gerufen habt, ga—he, freut mich,“ schwätzt Markwart, und er sträubt die schöne Holle auf dem Kopfe und wippt mit dem Schwanze, daß der weiße Bürzel aufblitzt. Und dann reißt er Blatt für Blatt von der Laubkugel ab, dann kommt er auf Grashalme, die alle sauber nach einer Seite gedreht sind wie die Haare auf einem Zylinderhutdeckel. Aber auf die ordentliche Verpackung achtet der Eichelhäher nicht, ihm ist es um die Sache selber zu tun. Er faßt hinein in das saubere Nest und langt eine ockerfarbene Wollkugel heraus. Rechts und links wendet er sie mit dem Schnabel, ehe er unterscheiden kann, was das für ein Wollknäuel ist. Und dann plötzlich sieht er mit Verständnis die Lösung des Vexierbildes. Da ist der Kopf mit den fest zugekniffenen Augen, da das zierliche Schnuppernäschen mit den langen, zuckenden Schnurrhaaren. Die winzigen Ballen sind die krampfhaft geschlossenen Vorderpfoten, die dicht an die Backen gedrückt sind. Und der lange, wollige Schwanz ist über das ganze Tier gedeckt. Leise hebt sich die Brust des kleinen Schläfers, ein Atemzug füllt die Lungen mit Luft, dann liegt er wieder da wie tot. Nur wenn Markwart mit dem Schnabel zwickt, dann hebt sich die Brust wieder und leise ertönt das ärgerliche Pfeifen.

Doch was kehrt sich der Holzschreier daran, ob seine Beute ärgerlich ist oder nicht. Er zwickt und kneipt mit dem Schnabel so oft, daß die Atemzüge immer rascher sich wiederholen, das braune Tierchen munter wird. Es dehnt sich und streckt sich und macht dann blinzelnd die Augen auf. Groß und erschrocken gucken sie in die Welt; als wären schwarze Siegellacktropfen auf den Pelz gefallen, so sehen sie aus. Und dann stellt sich die Haselmaus mit leisem Pfeifen auf die zitternden Beine und macht einige träge, verschlafene Schritte.