Am 9. Mai ging mein ganzes Gepäck, von zwei Tschaprassis begleitet, nach der Grenze ab; ich folgte am nächsten Tage. Zwei Tagemärsche von je 46 Kilometer brachten mich nach Schor, auch Pithoragarh genannt.

Der Weg ist auf der ganzen Strecke gut; er führt durch dichte Tannen- und Fichtenwaldungen und bietet hier und da hübsche Ausblicke auf bewaldete Gebirgszüge. Nichtsdestoweniger ist er infolge des vielen Auf- und Absteigens ermüdend; die nachstehenden Zahlen geben ein Bild davon. Von 1680 Meter stiegen wir zu 2330 Meter Höhe empor, dann wieder auf 750 Meter hinunter, kletterten wieder auf 1835 Meter hinauf und stiegen abermals einen steilen Hang bis auf 750 Meter hinab. Die ungeheure Hitze hinderte mich, meinen gewöhnlichen Schritt zu gehen, und so erreichte ich meinen Bestimmungsort nicht vor Sonnenuntergang. Im Dunkeln weiter wandernd, sahen wir in der Ferne Waldbrände, die wie leuchtende Schlangen hier und dort an den Bergen entlang oder an Abhängen hinaufkrochen und die durch das Abbrennen von Gras, Gesträuch und Unterholz seitens der Eingeborenen verursacht werden. Nicht selten greifen die Flammen weiter um sich und richten arge Verwüstungen unter den schönsten Waldbeständen an.

In Pithoragarh (2025 Meter über dem Meer) ist ein altes Fort, das auf dem Gipfel eines Hügels liegt, ein gutgehaltenes Hospital für Aussätzige, eine Schule und ein Missionshaus.

Abends spät am nächsten Tage kamen wir in Askot an, wo es weder ein Dak Bungalow noch ein Daramsalla, eine gemauerte Unterkunftshütte, gibt, und ich fand zu meinem Ärger, daß noch keiner meiner Träger angekommen war. Vom Pundit Jibanand wurde ich gastfreundlich aufgenommen und in seinem Schulzimmer untergebracht, einem Bauwerk aus Brettern, die ohne Rücksicht auf Breite, Höhe, Länge oder Form zusammengefügt waren und ein Dach von Stroh und Gras trugen. Die Ventilation meiner Wohnung ließ nichts zu wünschen übrig, und während ich, in meine Decke eingewickelt, unter dem schützenden Dache lag, konnte ich durch die Lücken der schlechtgefügten Wände den Glanz des sternbesäten Himmels bewundern.

Als die Sonne aufging, wurden kleine Stückchen Landschaft zwischen den Brettern sichtbar, bis nach und nach sämtliche Lücken durch die Gesichter von Eingeborenen verschlossen wurden, die Besitz von diesen guten Aussichtspunkten ergriffen, um nach Herzenslust den Sahib anzustarren, der sich rasierte, während seine Zuschauer Zeichen ängstlicher Spannung von sich gaben. Große Heiterkeit erregte es, als ich mich während des Badens über und über mit Seife beschmierte. Bewunderung folgte, als ich mein letztes gestärktes Hemd und andere geheimnisvolle Kleidungsstücke anzog. Aber die Aufregung erreichte fast Fieberhitze, als ich mich der täglichen Plage unterzog, meine Uhren aufzuziehen und die Temperatur und andere Beobachtungen einzutragen. Die Spannung war zu groß geworden, und eine allgemeine wilde Flucht folgte in dem Augenblick, als ich mein ungeladenes Gewehr berührte.

Die Stadt Askot ist nicht unähnlich einem jener alten Feudalschlösser, wie man sie in vielen Gegenden Mittelitaliens findet. Hoch oben auf dem Gipfel eines zentralen Hügels gelegen, beherrscht der Palast des Rajiwar (Haupt eines Königreichs) ein schönes, ihn von allen Seiten umschließendes Bergpanorama.

Die Stadt selbst zählt ungefähr 200 über den Abhang des Hügels verstreute Häuser und besitzt eine Schule, ein Postamt und zwei mohammedanische Kaufläden. Kurz vor meiner Ankunft hatte der Rajiwar den Bau eines neuen Palastes vollendet, eines einfachen, würdigen Gebäudes aus braunem Stein mit schönen Holzschnitzereien an den Fenstern und Türen und mit Kaminen nach europäischer Art in jedem Zimmer.

Wir hatten 145 Kilometer in drei Tagemärschen zurückgelegt, und da meine Leute wunde Füße bekommen hatten, gestattete ich ihnen einen Rasttag, den ich dazu verwendete, die Wohnorte der »Waldmenschen« oder, wie sie sich selber nennen, der Raot oder Raji, aufzusuchen. Sie leben mehrere Kilometer entfernt in Wäldern.

Um zu ihnen zu gelangen, hatte ich einen steilen Abhang hinabzusteigen, der mit einem außerordentlich schlüpfrigen Teppich von trockenem Gras und Fichtennadeln bedeckt war. Beim Abstieg mußte ich Schuhe und Strümpfe ausziehen, und sogar barfuß fand ich es noch schwer, mich aufrecht zu halten. Ich hatte einen meiner Tschaprassis und einen Mann von Askot als Begleiter.

Schneller, als uns angenehm war, kamen wir hinunter. Wir bemerkten einen kaum sichtbaren Pfad, den wir verfolgten, bis wir auf einen Mann stießen, der sich hinter den Bäumen versteckte. Es war ein wild aussehender Kerl, nackt und ungekämmt, mit lang herabhängendem Haar und spärlichem Bart, der uns mißtrauisch anblickte und sich sehr abgeneigt zeigte, uns den Weg nach den Wohnstätten seines Stammes zu zeigen.