[Bild 1]

Wenn wir die innerste Seele dieses zarten Legendenbildes erfassen wollen, so finden wir zu ihr den Weg wohl am besten, wenn wir uns von den Legenden, die sich um den heiligen Franz von Assisi bildeten, erzählen lassen, wie der heilige Franz den Vögeln predigte. Schon die ersten Biographen des heiligen Franz, Thomas a Celano und Franziskus von Bonaventura, erwähnten, was die Legende dann noch weiter ausschmückte: Der heilige Franz war mit dem Bruder Masseo und dem Bruder Angelo auf dem Wege zwischen Cannara und Bevangna. Er sah einige Bäume am Wege stehen, und in diesen Bäumen war — wie die Legende berichtet — eine Mannigfaltigkeit der Heerscharen von allen Arten von Vögeln, die bisher niemals in dieser Gegend gesehen worden waren. Und eine große Menge befand sich auf dem Felde unter den Bäumen. Als der heilige Franz diese ganze Masse sah, kam der Geist Gottes über ihn, und er sagte zu den Jüngern: „Wartet hier auf mich, ich will hingehen und unseren Brüdern, den Vögeln, predigen.“ Und er trat auf das Feld hinaus zu den Vögeln, die auf der Erde saßen. Und sobald er anfing zu predigen, flogen alle die Vögel, die auf den Bäumen saßen, zu ihm nieder, und keiner von ihnen rührte sich, obgleich er so dicht zwischen sie hinging, daß seine Kutte mehrere von ihnen anrührte. Der heilige Franz aber sagte zu den Vögeln: „Meine Brüder, die Vögel! Ihr seid nun Gott viel Dank schuldig und müßt ihn immer und überall loben und preisen, weil ihr frei fliegen könnt, wo ihr wollt, und für euere doppelte und dreifache Kleidung und für euere bunte und zierliche Tracht und für das Futter, für das ihr nicht zu arbeiten braucht und für die schöne Gesangstimme, die der Schöpfer euch geschenkt hat. Ihr säet nicht und erntet nicht. Gott aber ernähret euch und gibt euch Flüsse und Quellen, um daraus zu trinken, und Berge und Hügel, Felsen und Klippen, um euch darin zu verstecken, und hohe Bäume, um Nester darauf zu bauen, und obgleich ihr weder spinnen noch weben könnt, gibt er doch euch sowohl als eueren Jungen die nötigen Kleider. Also liebt euch der Schöpfer sehr, da er euch so große Wohltaten erwiesen hat. Hütet euch daher wohl, meine Brüder, die Vögel, daß ihr nicht undankbar seid, sondern befleißigt euch stets darauf, Gott zu loben.“

Nach diesen Worten des heiligen Vaters aber fingen alle jene kleinen Vögel an, ihre Schnäbel zu öffnen, mit den Flügeln zu schlagen, den Hals zu strecken und ihre Köpfchen ehrerbietig zur Erde zu neigen, und mit ihrem Gesang und ihren Bewegungen zeigten sie, daß die Worte, die der heilige Franz gesagt hatte, sie sehr erfreuten. Der heilige Franz aber jubelte im Geiste, als er dieses sah, und wunderte sich über so viele Vögel und über deren Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit und darüber, daß sie so zahm waren, und er lobte den Schöpfer dafür und forderte sie mit Sanftmut auf, den Schöpfer selbst zu loben. Und als der heilige Franz seine Predigt und seine Aufforderung, Gott zu preisen, beendigt hatte, machte er das Kreuzeszeichen über alle jene Vögel. Und sie alle flogen auf einmal auf und zwitscherten wunderbar und stark und verteilten sich darauf und flogen fort. —

So wie aus der Überlieferung um die Gestalt des heiligen Franz aus dem Volke die schlichte Blume der Legende erblühte, so formte sich in Giotto der bildhafte Ausdruck dieses zarten, in Gott versunkenen Naturerlebnisses. Schöner als die Legende, mit verwandterem Geiste als dem ihren, ließe sich kaum das rein Stoffliche des Bildes erzählen. Ergriffen von der schlichten Größe des Themas, das der Künstler gestalten sollte, fand er, sicher unbewußt, aus der ganzen naiven starken Begabung seiner Künstlerschaft heraus, eine Form der Darstellung, die so viele Reize birgt, daß es sich lohnt, besonders auf sie hinzuweisen, um so das Auge für die Feinheit dieser Kunst zu schulen und das Erlebnis dieses Bildes aus der ganzen Kunst, die es wiedergibt, zu vertiefen.

Von links naht der heilige Franz mit einem seiner Brüder. Die beiden Gestalten sind nicht bis in die Mitte des Bildes vorgerückt; hinter ihnen steht ein spärlicher Baum, dem gegenüber sich ein viel größerer, wuchtigerer erhebt. Er mag das Blätterdach bergen, in dem sich all die Vögel verborgen hielten, die nun zum heiligen Franz hinflogen. Diese stärkere Herausarbeitung der Natur, der Giotto in der Raumanordnung des Bildes die größere Fläche zuwies, bewirkt, daß man unwillkürlich die äußere Form, die das Nahen des heiligen Franz darstellt, als den Ausdruck jener ergriffenen Ehrfurcht empfindet, mit der der Heilige die Natur, die Bäume und die Vögel sah. Der Baum, in dem die Vögel nisteten, neigt sich zu den beiden Mönchsgestalten und stellt so die innige Verbindung zwischen der Natur und dem Heiligen dar, eine Feinheit in der Anordnung, die der Künstler noch dadurch erhöht, daß einer der Vögel im Bilde dargestellt wird, wie er eben aus der Baumkrone zu den anderen Vögeln, die bereits auf dem Boden dem Heiligen zueilen, hinflattert. Alles ist Bewegung, die in Ehrfurcht zu den Füßen des Heiligen hinstrebt, eine Bewegung, die so geradlinig dargestellt wird, daß sie die ganze innere Naivetät, Ursprünglichkeit, Freudigkeit der sich dem Heiligen zuneigenden Natur ausdrückt.

Und der Heilige selbst? Seine gebückte Haltung, das Neigen seines heiligen Hauptes drückt jene ehrfürchtige Demut aus, mit der er in der Natur, in den Vögeln, Gottes Herrlichkeit erlebte. Seine Gestalt ist dadurch kleiner geworden als die des ihn begleitenden Mönches, dessen gerade Haltung, dessen Hand, die sich überrascht ausstreckt und wie scheu abwehrend die Handfläche darbietet, mehr ein Erstaunen ausdrückt, als jene heilige Innigkeit des Erlebnisses, die aus dem heiligen Franz hervorleuchtet. Diese Verschiedenheit der Größen beider Gestalten, ihrer Haltungen, ihres Zusammenhanges mit dem Naturvorgang des ganzen Bildes lassen uns sofort nachfühlen, wie der eine dieser Mönche in seiner heiligen kindlichen Größe den anderen überragt. Mit welcher Güte streckt der heilige Franz den Vögeln seine linke Hand entgegen! Auch sie öffnet sich. Sie drückt aber nicht das Erstaunen aus, sondern jene herzliche selbstverständliche Güte, die an sich zieht, die eine Vertrautheit ausdrückt und die Kraft hat, all die scheuen Sänger der Natur an sich zu fesseln. Auch der Blick des heiligen Franz stellt jene seelische Ergriffenheit, jene unausdrückbare Macht des Heiligen dar. Giotto formte aber nicht nur diese Kraft der gütigen Bezwingung der Natur, dieses mit ihr Einssein, sondern gibt dem ganzen Bilde eine ins Göttliche gerichtete Tendenz durch die Haltung des rechten Armes des Heiligen: während, wie schon erwähnt, der linke die Vögel an sich zieht und mit weicher Güte sie als Brüder anzusprechen scheint, weist die rechte Hand zum Himmel hinauf, als wollte sie sagen: ich will euch zu mir führen, damit ihr euch durch mich zu Ihm findet, der euch und mich erschaffen hat. Zarter, wundervollen ergreifender und selbstverständlicher ließe sich kaum dieses gütige Herzurufen, dieses sich Einsempfinden und Hinaufführen, Hinaufweisen zum Herrn der Welten ausdrücken. Diese ungemein zarte Religiosität des Bildes gibt ihm die Kraft einer selbstverständlichen Bezwingung, die aus sich heraus in ihrer schlichten Größe wirkt, die nicht beschwert erscheint durch Überladung, die nur die Sehnsucht, das Kindliche, Ursprüngliche der zum Himmel strebenden christlichen Seele formt.

Wer dieses Bild Giottos so sieht und aus dem Bilde zu dem Geiste vordringt, aus dem heraus es geworden ist und umgekehrt wieder aus dem Erlebnis der Gestalt des Heiligen, die nichts Gewolltes, nichts Gequältes, nichts Gekünsteltes, sondern nur den Ausdruck eines ganz in sich gekehrten und geschlossenen Lebens, trotz seiner Schlichtheit die unerhörte Größe einer Tat darstellt, dem ist es ohne weiteres klar, daß der Künstler Giotto nicht als der nachbildende Schüler antiker Überlieferungen, sondern als der ursprüngliche naturhafte Ausdruck einer elementaren Begabung angesehen werden darf, die trotz der Einfachheit ihrer technischen Fertigkeit eine Größe ausdrückt, die aus der Größe und Stärke ihres inneren Erlebnisses sich selbst zum Siege durchrang.

Aus diesem inneren Drang Giottos muß man seine ganze Kunst verstehen. Sie ist in diesem Sinne der Ausdruck seiner Zeit, seines Volkes, das die alten Schranken verstaubter Vorrechte niedergerissen und sich selbst aus einem neuen Erlebnisse der Ewigkeitswerte zu erneuern begann. Dieser geschichtliche Werdeprozeß, aus dem als führende Persönlichkeit Franz von Assisi hervorleuchtet, hat, da er das ganze Volk erfüllte, auch künstlerische Kräfte ausgelöst, die bestrebt waren, mit den überkommenen Formen der Fertigkeit zu brechen und aus einem eigenen persönlichen Wollen heraus die innere Not und Sehnsucht der Zeit zu gestalten.

Giottos Bild vom heiligen Franz, wie er den Vögeln predigt, gehört in die Folge der Szenen aus der Franziskuslegende, die der 1266 geborene und 1337 verstorbene Künstler für die Oberkirche zu Assisi malte. Sie beweisen bereits seine starke, über die Überlieferung seiner Zeit hinauswachsende Eigenart und versinnbildlichen vor allem jenen Geist seiner Generation, der, erfüllt von all der Sehnsucht nach einer neuen Zeit, die sich in dem Heiligen von Assisi verkörperte, das Leben innerlich umzuformen begann. Was in den Legenden um den heiligen Franz von Assisi Poesie geworden ist, das wurde in den Franziskusbildern Giottos bildhafte Form. Aus ihnen quillt der Geist einer aus der inneren Erneuerung aufblühenden Zukunft, die stark genug ist, in jeder Hinsicht — ob es sich um gesellschaftliche, staatliche, soziale oder künstlerische Umwandlungen handelt — das Alte zu überwinden und sich selbst aus der Sehnsucht in die Erscheinung zu formen.