Wir wissen nicht viel von dem Meister, der in diesem Altar das größte Werk deutscher Malerei geschaffen hat. Ein Schiff mit seinen Bildern ist in der Ostsee untergegangen. Unter den erhaltenen ist von erster Wichtigkeit nur noch das Altarbild in der Münchener Pinakothek, eine ganz ruhige Existenz von größter Erlesenheit der Farbe, voll stillen Leuchtens.

Wir brauchten gar nichts von ihm zu wissen. Ein solches Werk sagt alles über seinen Schöpfer aus: man erfährt seine Heimat, den Umfang seines Fühlens, sein Temperament, seine Kunstmittel.

Der Maler kann nur in dieser Südwestecke Deutschlands gelebt haben, wo ihm Taunus und Alpenlandschaft vertraut wurden. Überall spricht das Erlebnis der Berge mit, die den Menschen der Ebene so geheimnisvoll anziehen. Und seine Gestalten zeigen den alemannischen Schlag mit seinen eigensinnigen Gesichtern und Gebärden, herb bis zur Verzerrung. Hodlers Kunst ist aus der Anschauung desselben Menschentypus entstanden. Sie nehmen das Leben schwer und die Dinge furchtbar ernst.

Grünewalds Gefühl ist grenzenlos. Auch die Beschreibung des Werkes kann das schon mitteilen. Alle Stimmungen der Natur, alle Möglichkeiten des Menschenwesens sind ihm vertraut. Er hat alles Licht durchgelebt vom Erglühen des Morgens bis zum Sterben des Abends in die Nacht. Und ebenso alle Tönungen des Gefühls: das Erbeben der Jungfrau, die zarte Stille der Mutter, die schreiende und die verstummende Verzweiflung des Weibes, den Duldermut des Blutzeugen, den Triumph des geistigen Helden, die eherne Festigkeit des Propheten. Er kann Götter und Teufel schaffen, wie Himmel, Welt und Hölle.

Der Meister hat die Kunst seiner Zeit im ursprünglichen Sinne dieses abgebrauchten Wortes „erfahren“, wie es damals Sitte war. Er ist in Nürnberg gewesen und in Basel und ist in Italien gewandert. Aber alle Einflüsse und alles Gelernte sind verhältnismäßig gleichgültig. Das Wesentliche ist sein persönliches Eigentum, und die Werke dieses größten Oberfranken haben so wenig Ähnlichkeit mit irgendwelchen anderen wie die Werke des niederfränkischen Rembrandt. Wie dieser ein Einziger und Einsamer, der nur auf sich steht und nur aus sich schöpft, hat er mit leidenschaftlichem Ungestüm seine Umwelt in sich hineingerissen als Rohstoff, aus dem er seine Träume gestaltete. Ganz erfüllt von seiner Sache, zum unmittelbarsten und stärksten Ausdruck entschlossen, gibt er Gestalten und Dingen all ihr Wesentliches, das er in sich trägt, das Ganze ihrer Wucht oder ihrer Zartheit, und schafft weniger Form, als daß er, ein empfindliches Medium, die Sache in die Form fließen läßt, die ihr zur wirksamsten Darstellung wird. Diesen mächtigen Drang und Strom schöpferischer Arbeit darf ihm nie die Rücksicht auf das Einzelne, auf die Richtigkeit, auf eine vorgefaßte Idee von Form schwächen.

In der „Kreuzigung“ ist das ganz unmittelbar zu spüren. Nicht einmal der Maßstab der Gestalten ist derselbe. Keine Linie sucht runde Schönheit. Von dem Standpunkt südlicher Kunst, auf den sich damals Dürer und andere Nordländer stellten, kann man seinem Werk viele Mängel nachsagen. Es ist eben in seinem innersten Wesen etwas ganz anderes, Entgegengesetztes, und gerade dadurch von gleichem Recht. Das gotische Wesen hat in ihm seinen höchsten und letzten Ausdruck gefunden. Gotik ist die Kunst, in der das Wesen der nordeuropäischen, germanischen Menschengruppe sichtbar geworden ist. Grünewald zeigt, was sie werden konnte, als der fremde Einfluß ihre eingeborene Kraft zerstörte.

Fritz Stahl.