Sechstes Kapitel.
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Zweiter Besuch des Petrus. Christinas Entrückung und Seelenjubel.
Nach dem Advente verließ Christina das Pfarrhaus. Im darauffolgenden Jahre, 1268, einem Schaltjahre, fiel das Fest des h. Apostels Matthias, das in Stommeln noch heute als das des zweiten Pfarrpatrons besonders feierlich begangen wird, auf den Samstag vor dem ersten Fastensonntag. Der Pfarrer von Stommeln hatte seinen guten Freund, Bruder Gerhard vom Greif aus dem Dominikanerkloster in Cöln, gebeten, zur Aushülfe herüberzukommen. So bot sich für Bruder Petrus eine Gelegenheit, die Schritte wieder nach Stommeln zu lenken. Hören wir ihn selbst, wie er seinen zweiten Besuch in Stommeln beschreibt: „In der nächstfolgenden Fastenzeit ging ich wieder bei dargebotener Gelegenheit nach dem früher genannten Orte, nach dem meine Sehnsucht stand, als Begleiter des Bruders Gerhard vom Greif, dem Beichtvater besagter Jungfrau ... Wir kamen dort an am Samstage vor dem ersten Sonntage der Fastenzeit. Am Sonntage nun lud der Herr Pfarrer seinem Freunde, dem Bruder Gerhard, zuliebe auch dessen geistige Tochter auf Mittag zu Tisch. Sie folgte der Einladung und speiste mit uns. Darüber hatte ich viele Freude; denn so hatte ich Gelegenheit, ihre Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten ... Nach Tisch, als der Pfarrer einen Kranken besuchte, begab es sich, daß eine Person — jedenfalls die sangeskundige Gertrud, Schwester des Pfarrers, — aus Andacht den Hymnus: Jesu dulcis memoria in unserer Gegenwart sang und nach der lateinischen Strophe auch jedesmal die deutsche innig-fromme Uebersetzung[29] mitsang. Dadurch wurde ich mehrmals zu Tränen gerührt. Da wurde mit einem Male die Jungfrau dermaßen im Geiste entrückt, daß sie in allen ihren Sinnesorganen unempfindlich und am ganzen Körper starr war und kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Was uns aber noch mehr in Erstaunen setzte, man konnte gar kein Atemholen mehr an ihr bemerken. Ich gestehe, daß ich bei diesem Anblicke vor Freuden weinte und vor Verwunderung außer mir war und für eine so große Gabe des göttlichen Einflusses dem Geber Dank sagte. Denn was hier vor sich ging, konnte ich keiner natürlichen Ursache, noch menschlicher Einwirkung zuschreiben; ich erkannte darin vielmehr die Nähe Gottes ... Einen solchen Zustand hatte ich noch nie an einem Sterblichen wahrgenommen und ich glaubte, hier geschehe, was der Apostel andeutet, wenn er schreibt: „Sive mente excedimus“, d. h. mögen wir im Geiste entrückt sein ... Und ich begann nun, desto genauer alle Geschehnisse zu beobachten, auf alle Worte zu hören, und auf alle Bewegungen und Geberden zu merken und sie meinem Gedächtnisse tiefer einzuprägen, weil ich alles dem Hulderweis besonderer Gnade zuschrieb.
Als sie nun in diesem Zustande, ein wenig nach vorn geneigt, Gesicht und Hände mit dem Schleier verhüllt, etwa drei bis vier Stunden auf einer Bank gesessen hatte, seufzte sie unter Schluchzen auf, so daß sie am ganzen Körper etwas in Bewegung kam. Dann begann sie ein wenig aufzuatmen; jedoch ging dies leichter und langsamer vor sich, als es sonst bei Menschen zu geschehen pflegt. Die Bewegung beim Atmen war so gering, daß es besonderer Aufmerksamkeit bedurfte, um sie wahrzunehmen ... Es war nämlich, wie gesagt, die Bewegung beim Atmen geringer und die Zwischenzeit zwischen Ein- und Ausatmen größer wie gewöhnlich. Als sie nun auch in diesem Zustande die Zeit von ungefähr zwei Messen hindurch gesessen hatte, fing sie an tiefer und überhaupt so zu atmen, wie Menschen gewöhnlich zu atmen pflegen. Darauf begann sie auch zu reden, jedoch so leise, daß man es selbst bei aufmerksamem Hinhorchen kaum verstehen konnte und auch nicht in vollständigen Sätzen, sondern in einzelnen Ausrufungen voller Liebe und Süßigkeit, wie: Liebevollster, süßester oder herzinnigster, trautester oder Bräutigam. Und dabei jubelte sie auf unter freudiger Erregung des ganzen Körpers, das einem Aufhüpfen ähnlich sah, und zwar in ganz ungewohnter Weise. Das Jubeln ging in einem Atemzuge vor sich und dauerte ein Miserere lang und dann trat wieder eine ebensolange Zeitdauer hindurch Unbeweglichkeit ein. Es wiederholte sich dann derselbe Vorgang des freudigen Aufhüpfens, Jubelns oder Jauchzens — ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, sagt Petrus, denn ich habe früher so etwas nie gesehen — und nahm ungefähr die Zeit von zwei Messen in Anspruch. Diejenigen, die bei ihr saßen, weinten vor Freude ob der Inbrunst der Andacht und der Glut der Liebe, die in dem Vorgang zu Tage trat.“ — Es ist dieses Aufjubeln der Seele eine im Leben der innigen Vereinigung mit Gott mitunter hervortretende Erscheinung. Beim Einströmen der göttlichen Liebeswonne wird die Seele gleichsam trunken vor Seligkeit. Sie vermag sich nicht mehr zu fassen vor übergroßer Wonne, ihr Herz strömt über und so führt sie unwillkürlich eine Art mystischen Reigens auf, ähnlich demjenigen der jungfräulichen Chöre im Hochzeitssaale des himmlischen Bräutigams, und süße Jubeltöne entströmen ihren Lippen, wie sie in unnachahmlicher Meisterschaft wiederklingen in den Melismen der Gradual- und Allelujagesänge des gregorianischen Chorals.
4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)
Als nun diese Art des Seelenjubels nachließ, begann sie in ihrer Rede mehrere Worte miteinander zu verbinden und gleichsam vollständige Sätze zu bilden, in denen sie Danksagung und Lobpreis ausdrückte. Denn sie tat einige Erwähnung von dem Zustande, in dem sie gewesen war, und von den Wohltaten, die sie empfangen hatte, obgleich sie sich in einzelnes nicht einließ. Es war überaus rührend zu hören, wie sie dabei ihre eigene Armseligkeit und die großmütige Freigebigkeit und herablassende Güte ihres Bräutigams hervorhob. Von dem einen zum andern übergehend, redete sie bald von ihrer eigenen Geringheit und Unwürdigkeit, bald wieder pries sie die unermeßliche Güte Gottes. Diese Art und Weise der Rede dauerte etwa die Zeit einer Messe. Darnach begann sie in größter Bitterkeit des Herzens und unter einem großen Tränenstrome die vielen Armseligkeiten ihrer irdischen Verbannung so sehr zu beklagen, daß ich derartiges Weinen früher nie gesehen habe. Ich hatte zwar bis dahin auch geglaubt, daß die Füße des Herrn, wie das Evangelium berichtet, von den Tränen eines Weibes benetzt wurden; seitdem aber habe ich mir diese Worte, durch ein solches Beispiel belehrt, tiefer eingeprägt. Und ich meine, diese Jungfrau würde mit ihren Tränen nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt des Herrn, wenn die Gelegenheit dazu sich dargeboten hätte, benetzt haben. Da nun auch so eine Stunde vorübergegangen war, begann sie, gleich einem andächtig Betenden, Gott dem Herrn inbrünstig jene anzuempfehlen, die sich ihr empfohlen hatten. Ich bemerke dies deshalb, weil ich hier zuerst wahrnahm, daß sie wieder aus Antrieb der menschlichen Vernunft und natürlichen Erkenntnis handelte ... Nachdem sie so ihre Freunde und Wohltäter, die ihr nur irgendetwas Gutes erwiesen hatten, angelegentlich dem Herrn empfohlen hatte, betete sie auch ganz innig für ihre Feinde, falls sie solche haben sollte, damit der Herr ihnen verzeihe, ob sie nun geflissentlich oder aus Unverstand gegen sie gesündigt. Das setzte sie hinzu, weil einige, da sie die Wahrheit nicht kannten, lieblos über sie geredet hatten. Schließlich begann sie denen, die mit ihr gesprochen, zu antworten und sich nach gewöhnlicher Art der Menschen zu verhalten, ohne jedoch Erwähnung zu tun von dem, was vorgegangen war. Es schien ihr vielmehr unangenehm zu sein, wenn sie jemanden davon reden hörte.
Siebentes Kapitel.
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Dritter und vierter Besuch des Petrus. Christina empfängt die Wundmale des Herrn.
Das Fest der Verkündigung Mariens wurde im Jahre 1268, da der 25. März auf den Passionssonntag fiel, am vorhergehenden Samstage gefeiert. An diesem Samstage traf Bruder Petrus zu seinem dritten Besuche in Stommeln ein. Er war diesmal begleitet von Bruder Karl, der von Paris gekommen war und im Begriffe stand, über Cöln nach seiner Heimat Dazien zurückzureisen. Petrus hatte ihm von Christina erzählt und ihm auch die beiden schrecklichen Nägel gezeigt, die der Teufel ihr ins Fleisch hineingetrieben hatte. Bruder Karl wurde darob so ergriffen, daß er gar sehr Christina zu sehen wünschte. Auch erbat er sich von Petrus einen der Nägel zum Geschenke. Petrus gab ihm den kleinern. Nach erhaltener Erlaubnis machten die Brüder sich am Nachmittage des 24. März auf den Weg, kamen nach der Komplet in Stommeln an, und kehrten im gastlichen Pfarrhause ein, wo sie auch die Nacht zubrachten. Als sie nach dem Abendbrote miteinander plauderten, fragte Petrus den Pfarrer, wie man es wohl einrichten könne, daß man Bruder Karl, der gar sehr darnach verlange, Christina kennen zu lernen, seinen Wunsch erfüllen könne. Freundlich entgegnete der Pfarrer: „Ladet sie morgen ein, mit euch zu speisen.“ Ich erwiderte: „Es steht mir nicht zu, jemanden einzuladen.“ Darauf sagte der Pfarrer. „Sie wird lieber kommen, wenn ihr sie einladet.“ Ich lud sie denn auch, schreibt Petrus, am folgenden Morgen ein. Da wir nun zu Tisch gehen sollten, fanden wir sie dastehen, bereit, uns Wasser über die Hände zu gießen. Während sie uns zum Händewaschen einlud, kamen mir unwillkürlich die Worte Elisabeths in den Sinn: „Woher mir dieses, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Doch ließ ich die Dienstleistung geschehen, um Christinas Demut und ihren frommen Sinn nicht zu beschämen. Weil der Pfarrer uns am vorhergehenden Abende gesagt hatte, in Christinas Handfläche sei das Zeichen des Kreuzes erschienen, suchte ich bei Tisch ihre linke Hand zu beobachten. Es gelang mir jedoch nicht zu sehen, was ich wünschte. Als wir aber nach Tisch am Herdfeuer saßen nach Sitte der Deutschen, bat mich Christina, ihr etwas von Gott zu reden. Ich erklärte ihr also die vier oder drei hauptsächlichen Eigenschaften der Serafin nach dem seligen Dionysius;[30] denn ich wußte, daß sie gerne von der Liebe Gottes reden hörte. Darob wurde sie so ergriffen, daß sie die Magd ihrer Mutter, die zu ihr geschickt worden war und sie dreimal angeredet hatte, nicht bemerkte und ihr keine Antwort gab. Ich hielt nun eine Weile inne und sprach zu ihr: „Warum hast du der Magd deiner Mutter keinen Bescheid gegeben?“ denn ich kannte damals ihr Wesen nicht hinlänglich. Sie erwiderte: „Wenn auch die ganze Habe meiner Mutter in Gefahr wäre, so wäre es mir doch augenblicklich unmöglich, mich damit zu befassen.“ Während sie nun so im Geiste ergriffen war, öffnete sie ihre linke Hand und ich erblickte in ihr etwas, wie ich es in meinem Leben nicht gesehen hatte ... In der weißen Hand der Jungfrau sah ich das Kreuz unseres Herrn von blutroter Farbe. Es war aber nicht wie mit Farbe oder Blut aufgemalt, sondern durch sichtbare Wunde in das Fleisch eingeprägt, und zudem mit zierlichen Blümchen geschmückt. Bruder Karl sah auch das Kreuz und war von allem, was er gesehen und gehört, höchlich erbaut. Am folgenden Tage gab er der Jungfrau zum Zeichen besonderer Verehrung sein schönes, kleines Psalterium, das er zu Paris für sich gekauft hatte, da er vernommen, daß der Teufel ihr letzthin am Tage Pauli Bekehrung ihr Psalmenbuch, das einzige, das sie besaß, mit Gewalt aus der Hand gerissen und verschleppt hatte. Lächelnd bemerkte ich dazu: „Gott will mehr geben, als der Teufel rauben kann,“ zog dann mein kleines Diurnale hervor, das mir Bruder Absalon seligen Angedenkens, der Provinzial von Dazien, in meinem Noviziate geschenkt hatte, und sprach: „Schau, da der Teufel dir ein Buch genommen, so gibt Gott dir dafür zwei.“ Dabei überreichte ich ihr das Diurnale und wir schieden recht erbaut von dannen.