Eine Wahl ohne Ochsen, ohne Wein.

Im Kroatien der dreißiger Jahre stand die ungarische Feudalverfassung in Geltung; der Schwerpunkt des gesamten Verwaltungssystems lag in der Autonomie der Komitate. An der Spitze der Komitate standen jeweils entweder ein erblicher oder ein vom König ernannter Obergespan (supremus comes, kroatisch: veliki župan = großer Führer). Dem Obergespan untergeordnet waren zwei Vizegespane (podžupani), die Ober- und Vizestuhlrichter sowie die Notare als Vollzugsorgane der Verwaltung und der Rechtsprechung (Gerichte). Justiz und Verwaltung waren damals wie überall in diesen Organen vereinigt (so z.B. in Tirol, in Bayern usw.). Diese Organe wurden in Kroatien — gewählt und zwar von der „Kongegration“ des im Komitat ansässigen Adels auf jeweils drei Jahre. „Dekretiert“ war, daß diese Wahl, die zu jener Zeit auf lateinisch „restauratio“ genannt wurde, „frei“ sein sollte, von der Regierung nicht beeinflußt werden durfte. Was eine „Wahl“ nach ungarischem Muster, „frei“ und von der Regierung nicht „beeinflußt“, bedeutet, weiß heutzutage jeder Gymnasiast und Realschüler. Wie aber vor 1848 in Kroatien „gewählt“ wurde, erzählt Dr. von Tkalac in seinen „Jugenderinnerungen“ auf Grund von Mitteilungen, die er aus dem Munde des — bereits genannten — Agramer Obergespans Nikola von Zdenčaj, eines „berühmten Wahlmachers“, selbst erhalten hatte. Die Darstellung ist, wie mir auf mehrfache Umfragen bestätigt wurde, richtig und einwandfrei, wiewohl sie jedem Begriff von „Wahl“ ins Gesicht schlägt und das Dekret, betr. „Nichtbeeinflussung“, in noch nicht dagewesener Weise verhöhnt. Doch zu den Verhältnissen jener Feudalzeit paßte der Vorgang im Komitat Turopolje (Türkenfeld) zu Agram, Anfang der dreißiger Jahre, ganz ausgezeichnet; die Wahl eines Vizegespans bleibt typisch und ist wohl in Ewigkeit bezüglich „Freiheit“ und „Nichtbeeinflussung“ nicht zu übertreffen. Sogar die gegenwärtige jugoslavische Briefzensur in Agram, so Erstaunliches sie leistet, ist kaum ein Abglanz jener großartigen Willkürherrschaft seitens der Komitatsgewaltigen.

Der Agramer Obergespan des Komitates Turopolje, Nikola von Zdenčaj, sah der nötig gewordenen Neuwahl des ersten Vizegespans, der „Restauration“, aus dem Grunde mit gewissem Unbehagen entgegen, weil sich sein Gehilfe Lentulaj (etwa mit Ruderer, Steuerer, Lenker zu übersetzen) der Neuwahl unterziehen mußte, Zdenčaj diesen sehr verständigen, rechtlichen und diensterfahrenen Beamten nicht verlieren wollte. Die Gefahr solchen Verlustes war groß, da die Gegenpartei nicht Lentulaj, sondern einen Herrn Čegetek (Zwitscherer), einen kreuzbraven Mann, aber von geringen Verwaltungsfähigkeiten, „korteschierte“, d. h. für ihn die Wahlagitation betrieb. Ein Teil des Landadels ließ ziemlich viel Geld springen, Gutsbesitzer spendeten Wein in Gebinden und Ochsen, welch letztere im ganzen am Spieß zur Belebung der Wahlstimmung auf dem Marktplatz in Agram gebraten werden sollten, jeden Abend zwei Ochsen bis zum Wahlschluß. „Wein in Strömen“. Kein Wunder deshalb, daß die Turopoljer in dichten Scharen schon vor dem Wahltage nach Agram zogen und die schöne Stadt „bevölkerten“. Für Speise und Trank war ja reichlich gesorgt; außerdem zogen diese Scharen lärmend und singend zur Belebung der Wahlstimmung unter Führung von Anhängern Čegeteks von Kneipe zu Kneipe.

Verbieten konnte der Komitatsgewaltige diese Umzüge der Turopoljer nicht, überhaupt vor der Wahl nicht eingreifen; das „Dekret“ mußte „beachtet“ werden „vor“ den Wahltagen, wenigstens der Schein der Nichtbeeinflussung gewahrt werden. Mit Wein und Bratochsen zugunsten des ihm sympathischen Wahlkandidaten Lentulaj durfte Herr von Zdenčaj nicht „operieren“.

Lentulaj selbst ließ angesichts der starkbetriebenen „Korteschierung“ Čegeteks die Ohren hängen und die Hoffnung sinken. Am letzten Abend vor der Wahl sah er sich den Rummel auf dem Hauptplatz an, wo die Anhänger Čegeteks in weinseliger Begeisterung die am Bratspieß „duftenden“ Ochsen betrachteten und ihren Kandidaten „hochleben“ ließen.

Es war nichts zu wollen, gegen Čegeteks Freunde nicht aufzukommen. In gedrückter Stimmung ging Lentulaj zum Chef, dem Obergespan Nikola von Zdenčaj, und klagte ihm das Wahlleid: „Keine, nicht die geringste Aussicht, amice, selbst wenn ich Geld für zehn Ochsen und hundert Fässer Wein bester Sorte hätte! Ich werde nicht gewählt werden, mit Glanz durchfallen!“

Der Komitatsgewaltige hatte zwar noch keine Idee, wie der sympathische Wahlwerber und Vizegespan „durchgedrückt“ werden könnte, aber entschlossen war Herr von Zdenčaj zu einer „männlich festen“ Tat. Also lachte er zunächst und sprach die aufmunternden Worte. „Laß mich nur machen! Du wirst zum ersten Vizegespan ‚gewählt‘ werden, ohne Wein und ohne Ochsen! Ich bürge dafür!“

Lentulaj dankte, glaubte nicht an solche Möglichkeit, hoffte aber doch, da er die — Willenskraft des Obergespans aus dem Dienstleben kannte, und verbrachte eine schlechte Nacht zwischen schmerzlichem Verzicht und beseligender Hoffnung.

Schon um acht Uhr morgens war der Sitzungssaal des Komitathauses, „Aula“ genannt, als Wahllokal, von Wahlberechtigten und Neugierigen, die dort nichts zu tun hatten, dicht gefüllt. Der Obergespan Nikola von Zdenčaj konnte sich durch die Menschenmenge nur mit Mühe hindurchdrängen und seinen Platz an dem Präsidialtische erreichen.

Sonst als Komitatsgewaltiger ein kleiner Herrgott, war der Obergespan diesmal nur eine geduldete, wenig beachtete Persönlichkeit, der Wahlleiter, weiter nichts. Im Stimmengewirr, dem Summen in einem Bienenkorbe ähnlich, ging seine Ansprache völlig verloren; die Wähler hörten wenig, die Anhänger Čegeteks gar nicht auf die Rede Zdenčajs, mit der die Wahlhandlung eröffnet wurde.