Wolf Dietrich hatte in mäßigem Tempo die Nacht hindurch den Weg über den Paß Lueg zurückgelegt; im Morgengrauen ritt er vorüber an seiner Burg Hohenwerfen[19], welcher ein wehmutsvoller Blick geweiht ward. Wie glücklich fühlte sich der damals junge Fürst an Salomes Seite auf dieser Feste, und jetzt muß Wolf Dietrich auf Pferdesrücken sein Heil in rascher Flucht suchen!

Kalt und starr ragte das Gemäuer aus dem Tannengrün auf, und krächzende
Raben flogen über die Burg hinweg.

Es fröstelte den Fürsten trotz des anstrengenden Rittes.

Die vom Nachtnebel genäßte Reichsstraße führte durch das stille, traumumfangene Dorf Werfen. Kaum daß ein Hund die Kavalkade anbellte, als Hufgeklapper hörbar wurde.

Tiefernst ward des flüchtigen Fürsten Blick, als Wolf Dietrich am
Friedhof des einsamen Dorfes vorüberritt; dort wird wohl jener Pfarrer
begraben liegen, der einst so grimmig wetterte gegen das Verhältnis des
Erzbischofes zu Salome.

„Ruh' in Frieden!“ flüsterte der Fürst, und seine Gedanken galten dann
der geliebten Frau, die mit ins Unglück gerissen ward samt den Kindern.
Ob Salome wohl die sichere Grenze Kärntens schon erreicht haben wird?
Der Zeit nach, mit dem Vorsprung von zwei Tagen, wäre dies möglich.
Gerne hätte der Fürst hierüber Erkundigung eingezogen, doch um so frühe
Stunde ist keine Menschenseele sichtbar.

Weiter!

Der Nebel in den tiefverhängten Bergen ging in Regen über, als die Kavalkade sich der ummauerten Stadt Radstadt näherte. Gerne wollte Wolf Dietrich zukehren, Nachfrage über Salome halten; doch der vorsichtige Untermarschall Perger bangte für seinen Herrn, er wagte keine Einkehr von wegen der bedrohlichen Nähe der nahen steierischen Grenze und des mißgünstigen Bergortes Schladming.

Die Pferde wurden im Dorfe Altenmarkt vor Radstadt gefüttert, für den Fürsten und das hungrige Gefolge rasch ein karger Imbiß bereitet. Dann ward weitergeritten, den Tauern zu, hinüber auf beschwerlicher Reise nach Moosheim. All' die Schrecken der Hochgebirgswelt mit Sturm, Schnee und Regen mußten durchgekostet werden, bis die Tauernhöhe überquert war. Im einsamen Örtchen Tweng hielt der müde Fürst einen Bauer an und fragte nach Salome und ihrem Gefolge. Der Gebirgler verstand kein Wort, grinste den Reiter an und schüttelte den struppigen Kopf.

Spät abends ward Moosheim jenseits des Tauern erreicht und hier Quartier genommen. Wolf Dietrich entschloß sich, einen Brief an das Kapitel zu schreiben, ihm war der Gedanke gekommen, durch eine Resignation doch wenigstens eine Pension zu retten. Mit dem fertigen Brief und einer entsprechenden Information mußte Perger auf frischem, requiriertem Roß zurück nach Salzburg reiten.