„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen,
Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln
Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“
Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und fluchend.
Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach, das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.
Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse, erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich, weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten, gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten das Leben kosten kann.
Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß, das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.
In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen hat.
Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten
Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten
Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants
Kaiser vorfand.
Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An 150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft dauern werde.
Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska erfüllte ihn mit Angst.
In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der
Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.