Immer schärfer bläst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken über den „toten Bühl“ als Vorboten des frühen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft, so er sich einmal eingenistet hat im öden Waldstrich, der hochgelegenen Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rüttelt der Wind an den mächtigen moosumwucherten Strohdächern des einsam im „toten Bühl“ liegenden Dörfchens Hochschür, als will er der Bedachung Stücke entreißen und fort in die Lüfte führen, den armen Wäldlern zum Trutz. Besonders wütet die Windsbraut um das einsam seitwärts dem Dörflein stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen läßt, daß einst die drei Könige aus dem Morgenland Schutzpatrone für zechende Hotzen gewesen sind. Die Hochschürer haben denn auch völlig auf die morgenländischen Wirtshauskönige vergessen und lieber dem daneben stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststätte zum „dürren Ast“ benamset, wo ein Säuerling verabreicht wird, der selbst grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt durch eingefügte Strohbüscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die eingedrückten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thüren zeigen gähnende Löcher, durch welche der Höhenwind wohl luftig pfeift und den Qualm des Herdfeuers vergnüglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die „Einfahr“. Grimmig gröhlt und rüttelt der Sturmwind am Hausgerät im „Schild“, im freien Raum, der noch vom vorgehenden Dach überwölbt ist; doch mag es hier knattern und krachen, ächzen und poltern, das Getöse lockt weder den Wirt zum „dürren Ast“, noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor, und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um einer Entführung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum „dürren Ast“ hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfügige Sachen zu kümmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brütet nach über eine Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brühwarm aus Waldshut hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit mehrfach die Wäldler überraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt und um eine Sache „uszuprobyre“ auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu prozessieren, ist für den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner Prozeßlust, die sein Hab und Gut allmählich aufgesaugt, hat der „dürre Ast“-Wirt auch den Vulgärnamen „Streitpeterle“ wegbekommen, was ihn diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, daß die Regierung eine Feuerschauordnung verfügt und angeordnet haben solle, daß durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddörfern und Einödhöfen untersucht und gekehrt werden müssen. Peterle hatte anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjährigen Jaköble mit weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus dem Schlund zu bringen. Für ihn war die Neuigkeit so überwältigend, als wenn Jobbeli etwa gemeldet hätte, der „Salpeterhannes“ sei wieder lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die vorderösterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an die achtig Jahre im Grabe ruht.
In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehöft die Esse kehren! Und noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle solchen um vier Jahrhunderte später auch entbehren, zumal auch erst ausprobyret werden muß, ob die Appenzeller und Graubündener ihre Kamine fegen lassen oder ob sothane Verfügung ein uralte Rechte verletzender Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er seinen Gedanken oben an der Schädeldecke Luft machen wollte. Und zeitweilig knurrt er und beißt die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich feinsäuberlich geordnet dicke Aktenstöße befinden und trägt nun Fascikel um Fascikel auf den rohgefügten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem kräftigen Protest einhängen könne. Aber soviel Peter auch blättert in den Schriften, Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei. Gerichtsbeschlüsse, alte Hofentscheide von Großvaterszeiten her, unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglücklich verlaufenen Salpetererkriege und Prozeßakten, kostspielige Schriftstücke, die Peters schönste Kühe und Äcker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben. Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in seinem Gedankengang zu dem Schluß: „Enthalten seine wohlgeordneten Akten nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so könne sothane Verordnung unmöglich Rechtens sein.“ Und daher nimmt Peter einen Bogen Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gänsekiel nieder: „Beschluß! Von einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu lassen, findet sich in den Akten seit Großvaters Zeit her nichts vor, war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805. Peter Gottstein.“
Mit vieler Mühe hat Peterle diesen „Beschluß“ zu Papier gebracht und sodann seinen Akten beigegeben. Förmlich erleichtert erhebt er sich, bringt die Fascikel wieder Nummer für Nummer in das Regal und spricht vor sich hin: „Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle wisse bi Gott!“
Im selben Augenblick wird die Thüre geöffnet und ein zierlicher Mädchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: „Aber Ätti, schon wieder hascht mit den alten Papieren zu schaffen?“
„Das hat dich nichts zu kümmern, Thrinele! Auch verstehst du davon nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten Instanz!“ Thrinele ist völlig in die Stube getreten und schreitet wie das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt und schmeichelnd bittet, es möge Ätti durch neues Prozessieren nicht sich und alle völlig ins Unglück bringen. Zugleich sucht das schmucke Mädel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die Prozeßlust des streitsüchtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn auch rasch heraus, daß aus der behördlichen Schlotfegerei nichts werde, so lange er seine Arme rühren und auf den Beistand der gleichgesinnten Bühler rechnen könne.
Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue handle und fragt: „Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!“
„Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen könnte, was für Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhänger der heiligen Salpeterersache,[1] für die wir leben und sterben!“
„Ach Ätti! Laß' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich überlebt und nur
Unglück gebracht in unser Land!“
„Schweig' Maidli! Eine Sache, für die so viele Wäldler das Leben gelassen, Männer wie Wybervölker, überlebt sich nicht, sie stirbt nicht, so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der Kirche, alles andere ist eitel und für uns nicht von Rechtens! Und in meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein Österreicher, wie kein anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein heiße!“
„Ist's denn aber auch wahr, daß wirkliche Schlotgücksler in den Wald kommen sollen?“