Die Nacht geht rum, ohne daß sich etwas ereignet; Thrinele hat angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohltätigem Schlummer überlassen. Am frühen, dämmerigen Morgen hält Thrinele Nachsuche in den Küchenvorräten, und da sieht es übel genug aus. Mehl und Butter muß ergänzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glück findet das Mädchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade Ättis, und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinüber nach Hochschür und trägt den Proviant im Rückenkorb dann wieder ins winterlich einsame Haus.

* * * * *

Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen Tannen als richtige Weihnachtsbäume, festgefroren klammert sich das erstarrte Geflock ans Geäst. Eisig kalter Wind pfeift um die Bühlhöhen und heult in den eisgeschmückten Schluchten. Mehr denn je umlagern die einsamen Wäldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der „Chauscht“. Strohumhüllt stehen die Brunnen, auf daß das nötige Wasser nicht einfriert. Überall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Kälte! Wer nicht muß, verläßt das schützende Haus nicht, und draußen giebt es um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit längst erledigt ist.

Die Feiertage stehen vor der Thür. Thrinele hat es sich angelegen sein lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfüllt das junge Herz, seit Thrinele in Hochschür erfahren, daß in Kuchelbach die Salpeterersache ein so böses Ende nahm. Niemand will aber an jenem Unglückstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschürer Salpeterer, so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt hat. Daß er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen spricht sein Verschwinden. Es müßte nur sein, daß er verunglückt, an einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz rätselhaftes Verschwinden! Übel genug steht die Salpeterersache an sich, wenn auch für die nächsten Monate, so lange des starren Winters Macht auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaßregeln gegen die Bruderschaft zu gewärtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage erfahren hat und den Ätti eilig verständigen wollte in der Meinung, daß die Panduren auch zum toten Bühl heraufkommen würden.

Früh dämmert es am Bühl, doch wirft die große Schneefläche noch so viel Schimmer in die Stube, daß Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschürte Tannenholz, behagliche Wärme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die Arbeit die Zeit kürzt. Ein Knirschen im Schnee wird hörbar, das knarrende Geräusch nähert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast fürchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten Fenster ist nicht möglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken fährt Thrinele auf und eilt hinaus. „Wer isch drauße?“ fragt das Mädchen im kalten Flur.

„Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!“

„Ätti, Ätti!“ ruft Thrinele überrascht und schließt, zitternd vor
Überraschung und Erregung auf.

„Rasch, rasch! schließ' zu!“ schreit Peter und eilt in die warme Stube, um sogleich am Ofen die „Chauscht“ aufzusuchen und sich die steif gewordenen Hände zu wärmen.

Ob verdächtige Gestalten, Soldaten in der Nähe gesehen wurden, fragt Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wär' es gut, meint Ätti und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.

Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der ihre Anwesenheit im Hause als selbstverständlich zu betrachten scheint und alles Vorhergegangene ignoriert. „Versteckt warsch, Ätti?“