Mann für Mann tritt nun zu Riedmatter und schüttelt ihm wortlos die Hand, damit ein stummes Gelöbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach abermaliger Begrüßung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bühl. Riedmatter und Peter bleiben zurück in geheimer Zwiesprache. Erst als die Turmuhr eins schlägt, schreiten auch sie den weißschimmernden Bühl hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nächtlichen Versammlung. Bald darauf aber verhüllt der Mond sein leuchtend Antlitz, schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind bläst aufs neue, und Neuschnee deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur….

Winterszit, schweri Zit!
Schnee uf alle Berge lit….

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In einem der Häuser am Ausgang des Dörfleins Rütte gellt eine Frauenstimme durch die Räume, und die Zornesrufe sind schier heraußen am schneebedeckten Sträßlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, daß er das Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der stämmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben für die Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden über alles, und weil er immer und überall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher die Pluderhose zu tragen berechtigt wäre, als der Hotze selber. Fleißig und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhäuslergeschäfte und ist am Abend glücklich, in der behaglich durchwärmten Stube sein Pfifli Tubak rauchen und sinnieren zu können. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben oder draußen in der Welt mit ihren Kämpfen, das kümmert Binker nicht im mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und rechtzeitig Holz für den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten Jahre, sich um alle öffentlichen Dinge kümmert und namentlich für die alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhältnisse sich erhofft. So sehr Vroni aber bisher in ihren gutmütigen Mann hineingeredet hat, erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, für die Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem Andrängen passiven Widerstand entgegen und läßt Vroni belfern und schwätzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und zetert, daß die Fenster klirren. Erst heute früh beim Wasserholen hat ihr eine Salpeterin von der nächtlichen Versammlung am toten Bühl erzählt und vertrauliche Mitteilung über die gefaßten Beschlüsse und die Führerschaft des Ägidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein interessierten und veranlaßten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt, war es Vroni's wichtiges Geschäft, alles liegen zu lassen und Josef aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann Peter Gottstein, dem Wirt zum „dürren Ast“ den Beitritt des Binker'schen Ehepaares zu erklären. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig wie immer angehört, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur Antwort gegeben: „I mog nit!“ Nun war's um ihn geschehen, und Vroni legte los, daß es eine Art hat. „Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?! Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stübli und träumet und wartet, bis die bratene Täubli ihm ins Maul flieget! Dunderschiß, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage, du Waschlappe du!“ Und was der erzürnten Vroni in die Hände kommt, wirft sie dem Gatten an den Leib, Häfele, den Besen und zu guterletzt den Milchkübel mit der Ziegenmilch, so daß heute wohl Fasttag bei Binkers sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken will. Das zornige Weib hätte das Gezeter aber ebenso gut vor einem Holzklotz halten können, die Wirkung wäre dieselbe geblieben. Josef rührt sich nicht und läßt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den schwerwiegenden Worten: „Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!“ da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemütsbewegung und den erreichten Vorteil wahr und bekräftigt ihre Rede mit der verschärften Drohung, daß sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelöbnis in die Hand leisten werde. „Ja, ja, i goh!“ stammelt der eingeschüchterte Wäldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt über Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trägt sie dem besiegten Gatten Mantel, Pelzmütze und Stock herbei und drängt zur Eile. So ist Josef in seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fühlt sich wie ein Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben. Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber vielleicht bekommt er fürder den Hausfrieden und wird's Vronele künftig sanftmütiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinüber durch Schnee und Wald gen Hochschür zum Wirt zum „dürren Ast“. Vroni aber muß eine Weile verschnaufen und überläßt sich ganz dem Wonnegefühl des erreichten Sieges. Daß die Drohung so gewirkt, überrascht sie eigentlich selbst, denn insgeheim hat sie eher befürchtet, daß Sepli sie gehen heißen würde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf geführt. Und übermäßig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli könnte unschwer eine hübschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der Mann ja nicht und der Pfarrer würde ihm solche Gedanken schon austreiben. Ein Wäldler hat noch niemals sein angetrautes Weib verlassen. Freilich auch nicht eine Wäldlerin ihren Mann; aber die Salpeterersache ändert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli muß ein richtiger Salpeterer werden; dafür wird Vroni schon sorgen.

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Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jaköble, hat zeitig früh aus den Federn gemußt, so früh, daß der Bursch im ersten Augenblick des Gewecktwerdens nicht wußte, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei. Sein Zögern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte Ätti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe ließen Jobbeli flink in die Kleider fahren und fragen, wo es denn „füürig“ sei (wo es brenne)? Aber da kam der Bursch übel an, denn der Vater wetterte: „Dunderschiß, nu numme kein Wörtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch: Ägid Basel! Er soll no hüt am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und laß di nit sehe, sei an nüt ze de Halunke! Uf jez un bhüdi!“ Damit drückte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen zur Thür hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf um den Bühl wehende Wind trieb Jaköble zur Eile, auch schien ein Stehenbleiben nicht rätlich, weil Ätti unzweifelhaft in solchem Falle dem Bübli flinke Füße machen würde. Jedenfalls muß die Sache heillos pressant sein, sonst hätte Jobbeli nicht so früh aus den Federn gemußt. Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Säckingen muß, heißt es sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmäßig viel freie Zeit in Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im „Roten Ochsen“ wartend liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurückkommt. Also stapft Jaköble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo die Essen rauchen zum Zeichen, daß die Morgensuppe gekocht wird. Das Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt, welcher alsbald forteilt, der Ordre gemäß, um den Salpetererführer in Säckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemütlich zum „Roten Ochsen“, in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den Schlaf nachzuholen. Chüngi (Kunigunde) schaffet fleißig, die Stube in Stand zu setzen und kümmert sich nicht weiter um das Bühler Büebli.

Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwälder Uhr unter Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behäbigen Stube erschallen läßt, kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die Glieder und bittet Chüngi, ihm ein Mittagsüppli zu geben, „ume Chrützer“ und aufgeschmälzte „Grundbire“ dazu und auch ein Schöppli Kaiserstühler. So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als einziger Gast in der braungeräucherten Stube seiner Atzung, welche die braunbezopfte Chüngi denn auch bald herbeiträgt und darauf das Kännlein badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Löffel klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das frisch nachgefüllt worden. Draußen hat sich der Nebel gehoben und ist's lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend; die Häuser tragen weiße Hauben und blitzende Streifen liegen auf den Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grün neben dem überwältigenden Weiß kaum durchzudringen vermag. Ein Holzschlitten mit Blochen beladen, von Kühen gezogen, fährt vorüber mit pfeifendem Schleifen über den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen die Kälte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und still draußen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke über dem schwarzgeräucherten Kruzifix. Chüngi leistet nach dem Abtragen des leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenöter, versichert gekommen zu sein, um in Chüngis schöne Rehaugen zu schauen, er hascht nach ihrem Händchen.

Ungläubig wehrt das Maidli ab und schlägt Jobbeli auf die zudringlichen
Pfoten: „O Jesis, was bisch du mer für e verlogenes Büebli!“

Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chüngi an der Hüfte zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mädchens fünf Finger im Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im selben Augenblick wird die Thür geöffnet und ein stattlicher Bursch tritt ein, die Scene mit Hallo begrüßend und zu Jaköble gewendet, fragend: „Isch was gange, Jobbeli?“

Etwas zaghaft meint der Bühler: „'s isch nüt gange!“