Wie zu Alpirsbach erpreßten die herumstreunenden Musketiere auch in anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie durchstreiften den Tann hinüber nach Peterzell, raubten die Siedelungen an der Straße nach Schenkenzell aus und statteten selbst den Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre Geißel für das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins Maßlose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den Pistolen ab und zwängten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie zerschnitten Weibern die Fußsohlen und streuten Salz in die offenen Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrüll von Ziegen ablecken ließen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Roßhaare durchgezogen, und Männern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, daß den Gequälten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer Lust Löcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes Martermittel war das „Feuerkriechen“, das überall dort angewendet wurde, wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft werden konnte, dann zwängte sie die Bauern und Weiber in den Backofen, vor dessen Ausgang ein Feuer angezündet wurde. Sodann wurde an der Rückseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr sich die Gequälten dabei verbrannten und heulten, desto größer war die Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen fürchterlichen Grausamkeiten kam häufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts mehr wegschleppen konnten.

Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung unter den gepeinigten Hörigen und Unterthanen. Wer sie in dieser gräßlichen Not aufrichtete, zu nächtlicher Stunde tröstete und Mut zusprach und baldige Befreiung verhieß, das war der Pelagier Euseb, der von Hof zu Hof bis in die entfernteren Einödsiedelungen im Schwarzwald schlich und verkündete, daß die Männer und Burschen bewaffnet in jener Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen niedermachen sollen, wenn auf der Höhe des Zankwaldes und des Bettelmännchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des Aufstandes.

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Ein trüber Novembertag ist über dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau verhangen ist das Firmament, öd die Landschaft weitum, schwarz steht der Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergföhren im Hinteren Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum für das Bächlein und die Straße gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten, dicht von Tannen, Fichten und Föhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thälchen, die zusammen die Gemeinde „Hinteres Lehengericht“ bilden im Gegensatz zum „Vorderen Lehengericht“ im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglückselige Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb über die Höhenzüge gewandert und hält eben Rast am Waldesrande nahe der Straße, doch gut gegen Späherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer mächtigen Tanne und hat die Büchse quer über seine Kniee gelegt, so daß er jeden Augenblick kampf- und schußbereit ist, falls Gefahr drohen sollte. Das Geräusch eines Hufschlages auf der hartgefügten Straße veranlaßt Euseb zu scharfem Ausblick auf die Straße, die der Abt von Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wälschen ins Herz hinein verhaßt, seine Fäuste ballen sich und die Adern schwellen. Wie verblendet doch der stolze Prälat ist, daß er Fremde zu seiner Begleitung nimmt! Genügen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz? Doch was soll das heißen? Die Musketiere im Rücken des Reiters stecken die Köpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an und zielt — —. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und schießt. Kopfüber stürzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rückwärts gen Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm schützend Geleit zu geben.

Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mühsam sein Roß wieder beruhigte, einzuholen.

Kaum wird Alphons des Hörigen ansichtig, der mit dem wieder schußfertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt zornig darüber, daß der Heger so nahe der Straße schieße und Menschenleben gefährde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das Geleite verjagt!

„Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!“

Demütig, die Mütze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: „Verzeiht Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu schützen!“

„Warum hast du so nahe der Straße geschossen?“

„Es galt Euer Leben zu retten!“