Ein gellender Pfiff tönt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde, an den Felsrändern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und Granitblöcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe, Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen, Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus aufgerichteten und nun schnell entzündeten Holzstöße leuchten zur Befreiungsarbeit. Schreckerfüllt sucht ein Teil der Soldaten rückwärts zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablässig prasseln Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen Wälschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere vermögen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die Verwirrung ist zu groß, die Fackeln sind erloschen, im Gewühl ausgetreten worden. Wer stürzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten ist fürchterlich. Euseb und eine Schar mit Schußwaffen ausgerüsteter Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach jedem Schuß stürzt ein Franzose tödlich getroffen nieder. Ein Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgängen entbrennt, doch die Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet gefallen sind. Auf Geheiß Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen der Wälschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten Feinde aufs Korn genommen werden können.
Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsäglicher Greuel ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.
Bis zum dämmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem
Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen läßt man
liegen; ächzt und stöhnt noch der eine oder andere, so erhält er den
Gnadenhieb auf den Kopf.
Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen Gehöft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual und Not ist gethan. — — —
* * * * *
Ein Jahr ist vergangen; des grausamen überlangen Krieges müde verhandelten die Gesandten der kriegführenden Mächte zu Osnabrück und Münster über einen endgültigen Frieden. Für Herzog Eberhard, der wieder zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und heiße Kämpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die württembergische Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klöster zu Gunsten des Herzogs hintertrieben, bis man aus gänzlicher Ermattung der Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrück auf den Vorschlag kam, daß der Herzog die Ordensleute in den Klöstern belasse, jedoch die hohe Obrigkeit über sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt habe. Oxenstierna aber erklärte, daß man die Klöster dem Herzog überlassen und das übrige seinem Gewissen anheimstellen solle. Württemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.
Da die katholischen Mächte wegen einiger schwäbischer Klöster den Krieg fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das Friedensinstrument zu Osnabrück[22], daß die Klöster[23] dem Herzog von Württemberg zufallen. Damit erlangte das württembergische Fürstenhaus einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtümern, wie es solche vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Käufe und Erbschaften in derartigem Umfange erworben hatte.
Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen, die Schäden an Gebäulichkeiten auszubessern, Wohnhäuser für die Unterthanen aufzubauen, das Münster neu zu weihen und Kirchengeräte zu beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lächeln auf den welken Lippen. Er hat es überstanden. Seinem Wunsch gemäß ward seine Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Münsters beigesetzt. Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thräne nach, denn der liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden, versöhnlichen Greis auch das Glück des Klosters geschwunden. Hin und her überlegt der Abt, wie der Kaiser mehr für das Kloster interessiert werden könnte, auf daß die drohende Restitution wirkungslos an Alpirsbach vorübergehen könne. Keinen Stein soll der Württemberger vom Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte Trutz und Stolz auf die Unabhängigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.
Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem Schreiben, das die Kunde vom Friedensschluß zu Osnabrück und vom Übergang des Klosters an Württemberg brachte. Knapp vor Eintreffen dieses Boten hatte der Abt sorgfältig unter eine Beschwerdeschrift an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die Unglücksbotschaft, die seiner Herrschaft für immer ein Ende bereitet. „Verloren, rettungslos verloren!“ stammelt der Abt und sinkt in sich zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder Erregung: „Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist hinterlistig eingegangen und läuft der Stiftung unseres Klosters wie dem Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und nimmer. Ich protestiere nach Osnabrück!“
Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem westphälischen Frieden und Auslieferung der Klöster an Herzog Eberhard Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von Österreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thräne netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift hinzufügte: „Dieweilen den Teufeln in der Hölle, wenn sie eine Erlösung zu hoffen hätten, nicht versagt wäre, den Weg Rechtens zu betreten, dies dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein könne.“