Hartlieb nickte zustimmend. Aber gute Gams wollte er dem Hofchef noch zeigen. Und dabei erproben, ob Graf Thurn – steigen könne. Weit war im Gebiet der Haller Mauern nicht zu wandern, aber steil ist dieses hochragende Kalkgebirg. Leicht und geräuschlos, für sein Alter erstaunlich gut und sicher, stieg Graf Thurn, und die Freude an der großartigen Alpennatur, das Interesse für das Krickelwild leuchtete aus seinen Augen.

Nach kaum zweistündigem Aufstieg wurde ein prächtiges Plätzchen erreicht; ein verhältnismäßig breites Latschenfeld, durchzogen von einzelnen grünen Grasflecken, breitete sich aus und zog zu grauweiß leuchtenden Wandeln hinauf.

Hartlieb trat vorsichtig hinter einen Fichtenboschen und lud durch eine leise Kopfbewegung den Begleiter ein, sich an seine Seite zu stellen. Graf Thurn folgte dem Oberförster und stand wie angemauert, als sich vorne ein gelbgrauer Fleck aus dem Krummholz emporschob, ein starker Gams, der ein Weilchen äste, dann aber den Grind hob und mißtrauisch zu äugen begann. Um den Kapitalen wurde es lebendig, sieben, acht Gams kamen aus den Latschen, schüttelten sich die Regentropfen aus der fahlen Sommerdecke, sonnten sich behaglich im warmen Licht und guckten den sichernden Bock verwundert an. Die Kitze hatten Hunger und ästen alsbald, zupften eifrig an den Spitzen der saftigen Gräser, treulich behütet von den Mamas, die immer wieder aufwarfen und auf den kapitalen Bock äugten.

Der herrliche „gute Anblick“ machte den Grafen zittern vor Jagdlust. Hartlieb, an derlei gewöhnt, stand starr wie eine Bildsäule. Thurn verlor die Herrschaft über sich. Eine winzige Bewegung von Kopf und Hand genügte: der Kapitale empfahl sich und verschwand plötzlich in den Latschen, deren Äste über ihm zusammenschlugen und einen Sprühstaub von glitzernden Tropfen in das Sonnenlicht warfen. Eiligst ahmten Geißen und Kitze das Beispiel nach...

Seufzend verließ Thurn diese Stätte und folgte dem Jagdleiter auf der Wanderung zu Tale. Stumm, hochbefriedigt, dankbar. Und mit der Hoffnung in der Brust, daß die Gebieterin vielleicht doch ein Teilchen dieser Idealreviere zur Bejagung freigeben werde...

Zweites Kapitel

Dem Befehl entsprechend war der hünenhafte Jäger Xandl wohl in die obersten Reviere gestiegen, aber mit dem Marsche zum Felsgewirr des „Natterriegel“ eilte es ihm nicht. Viel wichtiger hielt er eine Aussprache mit dem Kollegen Eichkitz, dem er erzählen wollte, was in der Million-Hütte an Neuigkeiten zu hören gewesen war. Deshalb stapfte Xandl pfadlos durch das steinige Gebiet des „Scheibling“ und suchte mit dem Fernrohr das Gstattmaier-Revier ab, hoffend, den Kollegen irgendwo sehen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Einen Besuch der Pyrgas-Hütte mußte sich Xandl versagen, der Dienst erlaubte eine solche Zeitvergeudung nicht. Und mit dem unerbittlich strengen Jagdleiter Hartlieb war nicht zu spaßen. Aber ein Mittel zur Verständigung des Kollegen wußte Xandl doch: Deponierung einer schriftlichen Nachricht in der tiefer gelegenen Plechauer-Alm, wo Eichkitz sicher in den nächsten Tagen einkehren wird. Der Höhenverlust hatte für einen Jäger nicht viel zu bedeuten. Also stieg Xandl zur Plechauer-Alm herab. In der Hütte traf er den schönen Eichkitz in eifriger Unterhaltung mit der schmächtigen Sennerin Burgl, die einen Schreckensschrei ausstieß, als Xandl plötzlich auftauchte und spottlustig rief: „Tue mir nix, ich tue dir auch nix!“

Eichkitz ließ sich nicht in Verlegenheit bringen, vom Kollegen hatte er keine Unannehmlichkeiten zu befürchten; gelassen meinte er: „Je, der Xandl! Bist natürlich – dienstlich da, wie ich!“

Die Sennerin benutzte die Gelegenheit, das Kämmerlein zu verlassen, und machte sich vor der Hütte zu schaffen.